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Hermes Phettberg

österreichischer Autor, Philosoph und Publizist
Geburtstag: 5. Oktober 1952 Hollabrunn
Todestag: 18. Dezember 2024 Wien
Nation: Österreich

Internationales Biographisches Archiv 27/2012 vom 3. Juli 2012 (ds)
Ergänzt um Nachrichten durch MA-Journal bis KW 51/2024


Blick in die Presse

Herkunft

Hermes Phettberg wurde am 5. Okt. 1952 unter dem bürgerlichen Namen Josef Fenz im nördlich von Wien gelegenen Hollabrunn geboren. Seine Eltern, Josef (1912-1992) und Anna, geb. Widhalm (1913-1997), waren einfache Weinbauern. Seine Kindheit verbrachte P. in Unternalb bei Retz (Niederösterreich), nahe der Grenze zur Tschechoslowakei. Als P. zehn Jahre alt war, übernahm sein wesentlich älterer Bruder den elterlichen Hof, und P. zog mit seinen Eltern in ein kleines Haus, zu dem drei Hektar Felder gehörten. In diesen recht ärmlichen, streng katholischen Verhältnissen lebte P., bis er mit 17 Jahren nach Wien zog.

Ausbildung

Nach seinem Hauptschulabschluss (1966) besuchte P. 1966-1969 die Handelsschule in Retz. Nach der Schule flüchtete P. 1969 aus dem zerstrittenen Elternhaus nach Wien, machte bei der Raiffeisenbank eine Banklehre und arbeitete dort bis 1973. 1970-1971 versuchte P. vergeblich, neben seiner Banktätigkeit auf der Abendhandelsakademie der Wiener Kaufmannschaft das Abitur abzulegen. Um seinen Kindheitstraum zu verwirklichen und Priester zu werden, belegte er ab 1973 in Wien zwei Jahre lang diverse Kurse an der Erzieherschule der Caritas Socialis und am Religionspädagogischen Institut.

Wirken

Bereits als 17-Jähriger zeigte P. erste literarische Neigungen. Damals gründete er die "Eduard-Strebl-Erinnerungszeitung", ein Schülerblatt, das er nach dem versetzten Rektor seiner Handelsschule benannte. 1975-1979 wirkte er als Pastoralassistent an der Erzdiözese Wien, danach war er ein Jahr lang Postulant (Kandidat eines kath. Ordens) im Stift Klosterneuburg. 1981 wurde der bekennende Homosexuelle P., der "süchtig nach Jeansboys" (Spiegel, 18.11.2010) war, nochmals als Pastoralassistent tätig, wegen seiner häufigen Besuche auf von Schwulen frequentierten öffentlichen Toiletten jedoch alsbald entlassen. 1983-1989 arbeitete er als Kanzlist der niederösterreichischen Landesregierung. In dieser Zeit begannen seine Depressionen, die ihm das Leben im wahrsten Sinne des Wortes immer schwerer machen sollten und die ihn letztlich dazu bewogen, sich bei der Pensionskasse als psychisch Kranker zu outen. Kurz darauf (im Jan. 1990) wurde P. wegen "seelischer Invalidität" frühpensioniert.

Frühpensionär, Messie und Kult-Kolumnist Mit der Pensionierung begann für P. ein völlig neuer Lebensabschnitt. Er begann, sich in seiner Wohnung zu verschanzen, und verbrachte den Tag fortan mit drei Dingen: fernsehen, lesen und essen. "In der Blütezeit meines Wahnsinns hatte ich 70 Abos", gestand P. dem Journalisten Christian Ankowitsch in einem Interview (ZEITmagazin, 25.8.1995). Die so kreierte Papiersintflut sollte seine Wohnung zusehends ins Chaos stürzen und ihn mit Schulden beladen. Der exzessive TV- und Pressekonsum weckte in P. das Bedürfnis, sich wieder journalistisch zu betätigen. Nachdem er zuvor bereits seit 1969 Mitarbeiter bei diversen katholischen Blättern und 1986-1994 Redakteur der Sexual-Periodika "Unter Druck" und "Stock im Eisen - von der Fleischeslust der Abartigen" gewesen war, bekam P. im März 1992 beim Wiener Stadtmagazin "Falter" eine eigene Kolumne, die - als Anspielung auf seine vergangenen Priesterambitionen - "Phettbergs Predigtdienst" betitelt wurde. Diese sollte in Wien alsbald Kultstatus erreichen, weswegen der Falter Verlag 1995 die ersten 183 Kolumnen unter gleichem Namen als P.s erstes Werk publizierte und jenes zudem als Newsletter via Internet kostenlos offerierte.

Kurze Karriere als Medienstar Schon 1991, also ein Jahr vor Beginn seiner Kolumnistenkarriere, wurde P. Schauspieler in Kurt Palms Theatergruppe "Sparverein Die Unz-Ertrennlichen". Der aus der ehemaligen DDR stammende Regisseur Palm erkannte alsbald das Medienpotenzial des an Fettsucht leidenden Philosophen und entwickelte mit diesem eine "Nette Leit Show" genannte ORF-Talkshow, die den unbekannten Moderator P. quasi über Nacht zum hoch begehrten Medienstar werden ließ. P. eröffnete die Show stets mit der Frage "Frucade oder Eierlikör?". "Der Mann ist die reine Entlastung von Schuldgefühlen, denn er steht zu sich und seiner offensichtlichen Unzulänglichkeit, und dies vor der Kamera", räsonierte Eugénie Bott in ihrem "Ein Monströser mit wachem Verstand" betitelten Porträt (s. Stgt. Z., 31.10.1995). Doch obgleich das Phänomen P. mit seiner Mitternachtssendung zu seinen besten Zeiten Marktanteile von bis zu 34 Prozent erzielte, fand seine Fernsehkarriere im April 1996 wegen eines Streits mit P.s Macher Palm ein jähes Ende. Und so wurde der Mann, der zuvor mit Promi-Interviews (u. a. mit Talkmaster Harald Schmidt und dem österreichischen Aktionskünstler Christoph Schlingensief) in zehn Monaten rund 250.000 Mark Gage verdient hatte, rasch wieder zum Sozialfall. Mit einer "Comeback Show" wollte P. den TV-Höhenflug von einst wiederholen, doch es gelang ihm nicht. P.s skurrile Fernsehtalkshows wurden 2000 ins Internet gestellt.

Seit 1993 veranstaltete P. jeweils am 6. Dez. um 20 Uhr eine "Nikololesung" aus den Phettberg-Büchern in der Queer-Buchhandlung Löwenherz in der Berggasse 8, Wien (9. Bezirk). Was seine Schriftstellerei betraf, so war P., der 1995-1996 drei Bücher herausgebracht hatte, nach dem Ende der "Nette Leit Show" nicht mehr gefragt.

P.s Misere inspirierte den Wiener Schriftsteller Franzobel, ein Stück über ihn zu schreiben mit dem Titel "Phettberg. Eine Hermes-Tragödie". Frédérick Lions führte das Werk 1999 im Wiener Volkstheater auf, wobei Vera Borek (Witwe von Helmut Qualtinger) die Titelrolle spielte. Im selben Jahr war P. mit seinem kabarettistischen Programm "Phettberg rettet die Religion" auf großer Tour durch Deutschland und Österreich. "Noch nie war er so vertrottelt, vertrocknet, verquast, veraltet", wetterte damals DIE WELT (12.4.1999) über einen von P.s insgesamt 57 Tournee-Auftritten. Anfang 2001 begab sich P. auf neue künstlerische Pfade, indem er im Wiener Kabarett Stadnikow mit wöchentlichen Lesungen aus seinen geistigen Ergüssen begann. Das Motto lautete: "Die Phettberg-Papiere persönlich. Zur Gänze ohne Musik". Eine Fortsetzung dieser im Juli 2002 beendeten Leseabende kündigte P. bereits für September 2002 an (siehe seine Homepage: www.phettberg.at), allerdings unter neuem Namen ("Phettbergs Hirnstromprotokoll im ersten Fluss feucht"). 2003 nahm P. ein Angebot vom Privatsender ATV+ zur Produktion von zehn Sendungen an, die unter dem Titel "Beichphater Phettberg" eine Art Selbstgespräch mit Gästen als "Nebenakteure" (Standard, 19.11.2003) darstellten. 2005 publizierte P. seine "Predigtberichte" auf 585 Seiten mit dem Titel "Hundert Hennen", das DER STANDARD (4.2.2005) als "eines der interessantesten literarischen Werke", "sprachgewaltig pendelnd zwischen Autobiografie, wilden Phantasmagorien, Sex, Sucht und Religion" bezeichnete. Der Kabarettist Josef Hader las aus diesen Texten im Akademietheater Wien vor.

Filme über P. Im Okt. 2007 wurde Kurt Palms Filmporträt "Hermes Phettberg. Elender" bei der Viennale in Wien gezeigt und von der Kritik mit großem Wohlwollen aufgenommen. "Man hätte aus diesem Stoff zwischen Kirche und SM-Szene, Boulevard und Philosophie, Medieninszenierung und Intimität auch einen ‚großen’, angesichts der jetzigen Hinfälligkeit Phettbergs gefährlich pathetischen Film machen können. Kurt Palm, der Pathos nicht draufhat, umgeht die Falle unangestrengt. Voll Respekt für einen alten Freund, den man nicht hochstilisieren muss, um zeigen zu können, wie viel Tiefe in ihm steckt" (Standard, 19.10.2007). 2011 hatte der Kinofilm von Sobo Swobodnik "Der Papst ist kein Jeansboy" beim 55. Internationalen Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm 2012 Premiere, in dem der Schriftsteller und Filmemacher den schwer kranken und fast erblindeten P. durch sein Leben begleitet. Der Film erhielt beim Filmfestival Max Ophüls 2013 den Dokumentarfilmpreis.

Die Zeit zwischen 2000 und 2007 war für P. geprägt von schweren gesundheitlichen Problemen: mehreren Schlaganfällen, darunter ein Hirnschlag, Diabetes, Sprachstörungen und Gewichtsabnahme von 100 Kilo während eines Monats künstlicher Ernährung sowie der Entfernung von drei Kilo überflüssiger Haut. Im Aug. 2000 hatte P. 78 Kilo gewogen, im Jan. 2003 brachte er wieder 155 Kilo auf die Waage (taz, 11.1.2003), im Nov. 2010 war er bei 73 Kilo (Spiegel, 18.11.2010) und auf strenger Diät. Über seine Mahlzeiten führt er seit 2010 ein tägliches Protokoll in seinem Blog "Gestion".

Familie

P. lebt als Frührentner im Wiener Stadtteil Mariahilf.

18. Dezember 2024: Der österreichische Autor, Schriftsteller und Philosoph Hermes Phettberg stirbt im Alter von 72 Jahren in Wien.

Werke

Werke: (Veröffentlichungen:) "Phettbergs Predigtdienst" (1995, Wiener Falter Verlag), "Hermes Phettberg räumt seine Wohnung zamm" - von Phettberg & Fritz Ostermayer (1995, edition selene), "Frucade oder Eierlikör" (1996, Droemer/Knauer Verlag), "Hundert Hennen" (05); TV-Serien: "Nette Leit Show" (im ORF von Juni 1995 bis April 1996).

14. Mai 2015: Weltpremiere in den Breitenseer Lichtspielen, Wien: "A Perception" (Deutschland 2015). Buch und Regie: Daniel Pfander. Darsteller: Hermes Phettberg (Freiherr Vivigenz von Hohenholz) u. a.. Inhalt: Ein überschuldeter, depressiver, körperlich behinderter Gutsherr vegetiert auf einem völlig abgewirtschafteten Familienanwesen vor sich hin. Der einzige Mitmensch, der ihm geblieben ist, ist der Sozialarbeiter Jean-Jacques, der sich rührend um das lüsterne Wrack kümmert. Der Gutsherr hat nur noch einen Wunsch: Er will unbedingt sein einziges Kind sterben sehen, damit seine Blutlinie ausgelöscht wird. Arthouse-Drama.

Literatur

Literatur: "Hermes Phettberg. Die Krücke als Zepter" von Klaus Kamolz (1996, Links Verlag, Berlin), Halmut Neundlinger: "Tagebuch des inneren Schreckens: über Hermes Phettbergs 'Predigtdienste'" (09). Filme: "Hermes Phettberg. Elender", ein Porträt von Kurt Palm (07), "Der Papst ist kein Jeansboy", mit dem Dokumentarfilmpreis 2012 ausgezeichneter Dokumentarfilm von Sobo Swobodnik (11).

Auszeichnungen

Preise/Auszeichnungen: P. wurde von "News", Österreichs größtem Nachrichtenmagazin, der sog. "Nickname" verliehen. Laut dem Wiener "Wespennest" (Ausgabe 102) handelt es sich dabei um eine "nationale Auszeichnung für die Gesellschaftsfähigkeit und mediale Rentabilität abweichenden Verhaltens".

Mitgliedschaften

Ämter/Mitgliedschaften (u. a.): Von 1969 bis 1988 war P. (mit Unterbrechung) Mitglied der konservativen österreichischen Volkspartei ÖVP. Der bekennende Homosexuelle ist aktives Gründungsmitglied der Wiener "Libertine Sadomasochismus Initiative". 1990 gründete P. in Wien die "Polymorph Perversen Klinik". Am 30. April jeden Jahres findet im Wiener Restaurant "Chinatown" in der Burggasse 67-69 (7. Bezirk) um 20 Uhr die Generalversammlung des von P. vorgeschlagenen "Vereines zur Schaffung einer Hochschule für Pornographie und Prostitution" statt.

Adresse

Letzte Adresse: Postfach 535, 1060 Wien, Österreich, E-Mail: phettberg@phettberg.at, Internet: www.phettberg.at



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