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MUNZINGER Pop

MIA

deutsche Elektropunkband
Gründung: 1997 Berlin
Klassifikation: Rock (allgemein), New Wave
Nation: Deutschland - Bundesrepublik

Pop-Archiv International 09/2019 vom 17. September 2019 (Kai Florian Becker)


Einordnung Nur wenige Bands haben eine ähnlich polarisierende Wirkung und damit zwangsläufig ein derartiges Medienecho erlebt wie MIA. Von den einen wurden sie entweder als die neue Hoffnung des deutschen Pop gehandelt, von den anderen abgrundtief verachtet. Und das geteilte Echo hatte über Jahre Bestand.

Anfänge Die Berliner Band um Frontfrau Mieze wurde 1997 in der Besetzung Mieze (voc), Andy Penn (g), Ingo Puls (g), Robert Schütze (b) und Gunnar Spies (dr) gegründet. MIA erarbeiteten sich den Ruf eines hervorragenden Live-Acts und wurden 1998 vom Indie-Label "R.O.T" unter Vertrag genommen. Im Jahr darauf erreichten sie mit der Single "Sugar My Skin" einen ersten Achtungserfolg und gingen anschließend auf Deutschland-Tour. Erst 2001 wurde bei "V2-Records" die zweite Single "Factory City", mit der MIA nach Angabe ihrer Plattenfirma "den Elektropunk erfanden", veröffentlicht. Als auch diese Platte nicht den erhofften Verkaufserfolg brachte, begann man das Image des Quintetts zu verändern. MIA wurden von Postpunk-Indies zur NDW-Revival-Band umfunktioniert.

2002 erschien das erste Album "Hieb & Stichfest". Es wurde von Kritikern sehr kontrovers diskutiert. Stilistisch orientiert sich das Werk ausschließlich an der "Neuen Deutschen Welle". Vergleichen mit IDEAL hält diese Platte allerdings nicht stand, und die Berliner Szene, mit der MIA gern für sich warben, hatte musikalisch durchaus kreativere Elemente zu bieten. Als besondere Hommage an die 1970er Jahre enthält die CD eine Cover-Version des David-Bowie-Hits "Heroes". Im Sommer 2002 war die Band auf den großen Festivals wie "Rock am Ring" und "Rock im Park" vertreten.

Einen erfolgreichen Auftritt feierten MIA am 6. Juni 2003 auf der "Alternastage" beim "Rockpalast" des "WDR". Am 12. Juli des Jahres eröffneten MIA die Abschlusskundgebung der Berliner "Love Parade" an der Siegessäule. Gemeinsam mit 30 Blasmusikern vom JUNGEN ENSEMBLE BERLIN performten sie ihren Song "Was es ist". In diesem Titel setzten sich MIA mit dem Thema Nationalgefühl auseinander und kamen zu dem Schluss, dass sie sich nicht länger schämen müssten, Deutsche zu sein. Auf der Bühne kamen sie in schwarz-rot-goldenen Gewändern daher, worauf viele die Grenzen des guten Geschmacks überschritten sahen. Dies brachte MIA einerseits in die Schlagzeilen, sorgte aber andererseits auch dafür, dass sie auf einem Konzert bei streikenden Berliner Studenten mit Eiern beworfen wurden. In einem "SPIEGEL"-Interview (9.3.2004) beeilten sich MIA dann zu betonen, dass sie "definitiv links" seien.

Anfang 2004 landeten MIA mit der Singleauskopplung "Hungriges Herz" aus dem Album "Stille Post" einen Hit, den sie auch in der deutschen Vorentscheidung zum "Eurovision Song Contest" präsentierten.

In den darauf folgenden Monaten waren MIA sehr viel unterwegs. Von Sommer 2004 bis in das Jahr 2005 hinein tourten sie sowohl in Deutschland und Österreich wie auch in Benelux, Polen, Russland, Südkorea und Japan. Unter dem Motto "Soundz From Germany" teilten sie sich in Osaka unter anderem mit MOUSE ON MARS, POLE, LALI PUNA und SENIOR COCONUT die Bühne.

Vielschichtiger Sound: Vielleicht lag es an den verschiedenen Eindrücken, die MIA bei diesen Tourneen sammeln konnten, dass ihr drittes Album "Zirkus" (2006) sehr vielschichtig ausfiel. Möglicherweise lag es auch an der Vielzahl von Instrumenten, die bei der Produktion zum Einsatz kamen: angefangen beim Leierkasten über das Vibraphon bis hin zum Glockenspiel, dem Horn, der Trompete und dem Akkordeon. Obendrein packten MIA eine Version des GIPSY KINGS-Liedes "Bamboleo" auf die CD. Produziert wurde "Zirkus" weitgehend von Nhoah. Ein Song entstand in Kooperation mit dem französischen Musiker und Produzenten M: Er half MIA bei der Umsetzung von "Je Dis Aime/Ich sag Liebe", einer Adaption des französischen Hits "Je t'aime", für die Mieze zum Akkordeon griff.

Auf "Zirkus" hatten MIA vorerst dem Rock und Punk Adieu gesagt. So urteilte der "SPIEGEL Online" (17.7.2006) in einer letztlich wohlwollenden Kritik, bei der 7 von 10 möglichen Punkten vergeben wurden: "Das Rock- und Punk-Konzept ist passé und macht einem burlesken, teils mit Bläsern angereichertem Sound Platz. Schon die Single 'Tanz der Moleküle' (D # 19) versprach einen Richtungswechsel in differenziertere Gefilde, dem das Album allemal standhält. Vom zerbrechlichen 'Uhlala' bis zum kühlen Liebeslied 'Floß' und dem naiven 'Engel' machen MIA deutlich, dass sie sich von den letzten Befangenheiten des Immer-cool-Bleibens befreit haben. Zum Vorschein kommen moderne Schlager mit sehr viel frostigem Charme." Während "SPIEGEL Online" die vorherigen Provokationen der Band als Teil des Spiels erachtete, wollte "Spex" (9/2006) noch nicht so schnell verzeihen. "Im professionellen modischen MIA-Pop-Outfit steckt Schlagerschnulz und der dazugehörige korrupte Umgang mit Sprache. ( ... ) Die wahlweise lieblichen oder trotzig koketten Texte wollen nichts anderes, als dumm sein zu dürfen. Das Album richtet sich an Leute, die ihre eigene Dummheit nicht nur ohne die geringste Gegenwehr akzeptieren, sondern diese Dummheit auch noch gefälligst kreativ gefeiert haben wollen", hieß es dort. Das waren harte Worte für ein Album, das es in Deutschland immerhin bis auf Platz 2 der Charts schaffte.

Ende August und Anfang September 2006 übernahmen MIA die Supportrolle für ROSENSTOLZ. Von November bis Januar 2007 tourten sie dann in Eigenregie durch den deutschsprachigen Raum. Im Februar traten sie zudem bei Stefan Raabs "Bundesvision Song Contest" für das Bundesland Berlin an und belegten mit "Zirkus" hinter OOMPH! Jan Delay und Kim Frank (Ex-ECHT) Rang 4. Nach einigen Festivalauftritten im Sommer 2007 besuchten MIA auch in der darauf folgenden Sommersaison diverse Festivals und stellten dabei die ersten Songs ihres Albums "Willkommen im Club" vor, das dann im September 2008 veröffentlicht wurde.

Auf die Frage nach dem Albumtitel und den damit verbundenen musikalischen Veränderungen erklärte Bassist Schütze im Interview mit Kai Florian Becker (9/2008): "Wir haben uns den Club vorher genau ausgemalt. Es ist ein Club, in dem ganz unterschiedliche Musik funktioniert. Das Album klingt demnach so, wie wir uns den besagten Club vorstellen – mit einem ästhetischen, klanglichen Zusammenhalt. Wir konnten uns einer gewissen Vielfalt nicht entsagen. Die große Frage bei diesem Album war immer wieder: Wie viel Vielfalt kann man sich erlauben?" Die "FAZ-Online" (9.11.2008) meinte, nunmehr würden "am Tanzboden orientierte Beats das Bild (der Band bestimmen). Diese neue Geradlinigkeit, so Sängerin Mieze Katz, sei die perfekte Spielwiese, 'um angstlos über Fehlbarkeit zu singen'. Fehlbarkeit und Unzulänglichkeit: Es scheint oft, als hätten MIA das Unperfekte umarmt und die Hoffnung aufgegeben, Pannen aus dem Weg gehen zu können". Der Song "Mausen" kletterte in den deutschen Charts auf Rang 70, während es das Album auf Platz 4 schaffte, was nach Platz 2 für "Zirkus" ein kleiner kommerzieller Rückschritt war. Dafür konnten MIA mit der Single "Mein Freund" ihren bis dahin höchsten Singlechartplatz feiern (D # 15).

Für den 2009er Katalog des Brillenherstellers "Humphrey's" wurde Mieze als Model engagiert. Im Frühling des Jahres war die Band wieder auf Tour. In einer Rezension ihres Auftritts in der Berliner "Arena" hieß es bei "WELT Online" (26.2.2009): "Die Band schonte sich nicht, sie warf sich mit Lust in ihren Gig. Der gewagte Mix ging auf: Elektronik umarmt ( ... ) den Schlager, flirtet dabei mit dem Kabarett und winkt nebenher aus der Ferne sehnsüchtig dem Punk zu. (...) Sicher kann nicht jeder MIA lieben. Doch der Auftritt in der 'Arena' zeigte: Die Liebhaber sind zahlreich und vor allem: glühend." Das letzte "Willkommen im Club"-Konzert fand am 6. September 2009 in Hamburg statt. Danach legte die Band eine Pause ein.

Erste personelle VeränderungDie Arbeiten an ihrem nächsten Studioalbum wurden im August 2010 aufgenommen. Wobei die einzelnen Mitglieder weiterhin die Chance nutzten, nicht nur Musiker, sondern auch Privatpersonen und Familienmenschen zu sein. Sich Zeit zu lassen und aus dem Album-Tour-Trott auszubrechen, tat MIA hörbar gut. Für das "Tacheles" benannte Album besannen sie sich auf alte Stärken und ließen zumindest streckenweise den einlullenden Synthie/Electropop der jüngeren Vergangenheit links liegen.

Ein nicht unerheblicher Faktor bei der Entstehung dieses Albums war der Ausstieg von Gitarrist und Keyboarder Ingo Puls 2011. Es war seit der Gründung der erste Besetzungswechsel. Die verbliebenen vier rückten daher näher zusammen und schlugen zugleich eine Brücke zwischen der Pop- und der Rock-Version von MIA.

"Tacheles" eröffnet mit zähem, düsterem Synthierock ("Sturm"). Schlagzeuger Spies erklärte in diesem Zusammenhang gegenüber "FOCUS Online" (9.3.2012): "Erstmals wurde es auf einem MIA-Album richtig dunkel. Da gibt es keinen Notausgang, keinen doppelten Boden." Doch umgehend folgt mit der poppigen, flippigen Auskopplung "Fallschirm" das Kontrastprogramm. In "Aufruhr" wird der NDW-Nostalgie gehuldigt. Weitere Überraschungen waren "Am Tag danach", ein düsterer Electrosong à la ZOLA JESUS, und "Brüchiges Eis", eine spannungsgeladene Ballade, die sich in ein hypnotisches Rock-Instrumental verwandelt. Ansonsten dominiert der MIA-typische Synthie/Electropop. Nur ist er dieses Mal reifer, durchdachter und frischer.

Im nächsten Jahr waren MIA in der Kategorie "Gruppe Rock/Alternative (national)" für einen "ECHO" nominiert. Da allerdings in selbiger Kategorie auch die umstrittene Band FREI.WILD nominiert war, drohten MIA neben anderen Interpreten (DIE ÄRZTE, KRAFTKLUB) damit, sich von der Nominiertenliste streichen zu lassen. Mit Erfolg: Am 7. März 2013 wurden FREI.WILD von der Nominiertenliste gestrichen.

Im Mai 2015 erschien der "Tacheles"-Nachfolger "Biste Mode". In jenem Jahr sprangen MIA in musikalischer Hinsicht auf vielen Hochzeiten herum und experimentierten u. a. mit Eurodance und Techno. Dann aber sind auf dem Album doch noch E-Gitarren zu hören, um dem Song, in diesem Fall "Geld", einen Hauch des Rebellischen einzuverleiben. Es ist konfus, erst recht, wenn die Dub-Rhythmen einsetzen. So geht es einem auch mit anderen Liedern: "Berg und Tal" oder "Queen". Andererseits überraschen MIA positiv mit der Ballade "Lauffeuer", dem rockigen "United States Of Ich Und Du", dem amüsanten Titelsong, "Sekunde", dem Electropunk-Kracher "Nein! Nein! Nein!" und der NDW-Reminiszenz "Speedo". So schrieb der "stern-Online" (22.5.2015), das Album überzeuge - "allerdings erst ab der zweiten Hälfte".

In den Jahren 2014 bis 2017 war Mieze Jurorin in der TV-Talentshow "Dein Song" (KIKA).

Zwei Jahre nach Erscheinen von "Biste Mode" coverten anlässlich des 20-jährigen MIA-Jubiläums befreundete Bands und Künstler bekannte MIA-Songs. Frans Zimmer alias Alle Farben machte einen Remix von "Tanz der Moleküle" und MADSEN spielten "Hungriges Herz" neu ein. Ihre "Version erinnert in den Strophen noch an das Original, setzt sich im Refrain mit krachenden Indierock-Gitarren jedoch deutlich ab, was dem Lied neuen Druck verleiht" ("www.visions.de", 07.07.2017).

2019 kehrte Mieze als Jurorin zu "Dein Song" zurück. Derweil waren MIA wieder live aktiv: Von Juni bis August gastierten sie auf zahlreichen Sommerfestivals und für November/Dezember kündigten sie die "Kopfüber"-Hallentournee an.

Diskographie

  • "Hieb & Stichfest" (2002), R.O.T./Sony
  • "Stille Post" (2004), R.O.T./Sony
  • "Zirkus" (2006), R.O.T./Sony
  • "Willkommen im Club" (2008), R.O.T./Columbia/Sony
  • "Tacheles" (2012), R.O.T./Universal
  • "Biste Mode" (2015), R.O.T./Universal

Best Of/Hitlist

  • Sugar My Skin (1999)
  • Factory City (2001)
  • Kreisel (2002)
  • Was es ist (2003)
  • Hungriges Herz (2004)
  • Tanz der Moleküle (2006)
  • Mein Freund (2008)
  • Mausen (2008)
  • Fallschirm (2012)
  • Brüchiges Eis (2012)
  • Geld (2015)
  • Lauffeuer (2015)

Gründungsbesetzung

Mieze (voc), Andy Penn (g), Ingo Puls (g), Robert Schütze (b), Gunnar Spies (dr)

Adresse

c/o Universal Music Entertainment GmbH, Stralauer Allee 1, 10245 Berlin, Internet: www.miarockt.de



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