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Klaus von Bismarck

Klaus von Bismarck

deutscher Medien- und Kulturmanager; Intendant des WDR (1961-1976)
Geburtstag: 6. März 1912 Jarchlin/Pommern
Todestag: 22. Mai 1997 Hamburg
Nation: Deutschland - Bundesrepublik

Internationales Biographisches Archiv 32/1997 vom 28. Juli 1997 (st)
Ergänzt um Nachrichten durch MA-Journal bis KW 27/2013


Blick in die Presse

Herkunft

Klaus Hans Herbert von Bismarck, ev., war ein Sohn des Landwirts Gottfried von Bismarck, Eigentümer der pommerschen Landgüter Jarchlin und Kniephof, und ein Urgroßneffe des "Eisernen Kanzlers" Otto von Bismarck. Dem Kreis jener pommerschen Familien der Bismarcks, Kleists, Thaddens und Puttkamers entstammend, in denen der Pietismus im vorigen Jahrhundert feste Wurzeln schlug, wuchs B. in einem von liberalem, christlich-sozialem Gedankengut geprägten Elternhaus auf, das ihm allerdings nur wenig Kenntnis über die sozialen Bedingungen in Deutschland vor Hitlers Machtergreifung vermittelte. Seine damalige politische Blindheit empfand der selbstkritische B., der sich vom passionierten, national denkenden Offizier zum konsequenten Pazifisten wandelte, später als bittere Schuld.

Ausbildung

Nach dem Abitur absolvierte B. ein Praktikum als Maschinenschlosser und eine Landwirtschaftslehre. Zeitweise war er als landwirtschaftlicher Beamter tätig. Ab 1934 leistete er Militärdienst beim Jägerbataillon des Infanterieregiments Kolberg, schied aber 1938 wieder aus, um weiter als Landwirt tätig sein zu können. Den Krieg erlebte er von Beginn an als Reserveoffizier, zuletzt im Rang eines Oberstleutnants. Als Bataillonskommandeur wurde er 1942 mit dem Ritterkreuz, als Regimentskommandeur im Nov. 1944 mit dem Eichenlaub zum Ritterkreuz ausgezeichnet. B. stand dem Kreis des organisierten Widerstands nahe, hatte aber Vorbehalte gegenüber den "konservativen" Vorstellungen einiger der geistigen Führer des Widerstands. 1945 geriet er in englische Kriegsgefangenschaft.

Wirken

Aus dem Kriege zurückgekehrt, engagierte sich B. zunächst in der Jugendarbeit. Bis 1949 war er Leiter des Jugendamtes Herford. Von dort aus gründete er den Jugendhof Vlotho, der sich zu einem Mittelpunkt der Jugendarbeit im norddeutschen Raum entwickelte und der Jugendgruppen aller Weltanschauungen und politischer Richtungen einbezog. 1949 wurde er zum Leiter des Sozialamtes der Evangelischen Kirche Westfalens in Haus Villigst bei Schwerte/Ruhr berufen. Hier schuf er eine neue Betriebs- und Sozialordnung für Bergleute und gründete zusammen mit dem katholischen Bischof von Essen, Hengsbach, die "Gemeinsame Sozialarbeit der Konfessionen im Bergbau".

1955 wurde B. Mitglied des Präsidiums des Deutschen Evangelischen Kirchentages und der Gesamtdeutschen Synode der Evangelischen Kirchen in Deutschland (bis 1967). Von 1977 bis 1979 war er Präsident des Ev. Kirchentages. Einige Jahre war er auch Mitglied im Zentralkomitee des Weltrates der Kirchen.

Mitte Dez. 1960 wurde B., der bereits 1953 Mitglied im Verwaltungsrat des ehemaligen NWDR geworden war, vom Verwaltungsrat des Westdeutschen Rundfunks (WDR) in Köln einstimmig zum Intendanten gewählt. In diesem Amt wurde er 1965 und 1971 bestätigt. Obwohl Kandidat der CDU, übte er sein Intendantenamt "mit der Freiheit und Unbekümmertheit eines selbstbewußten, mündigen Protestanten" (Rhein. Merkur) aus, was ihn gelegentlich in Konflikt mit der Union brachte. Als WDR-Intendant initiierte B. fremdsprachige Programme für Gastarbeiter, auch setzte er sich ungeachtet des "Kalten Krieges" immer wieder für Versöhnung und Verständigung ein, insbesondere mit Polen. Die Einrichtung von Studios in Moskau und Ostberlin gehörten mit zu seinen Verdiensten. Auf die Kandidatur für eine dritte Amtszeit verzichtete er, u. a. als Folge kritischer Äußerungen an seiner Amtsführung (z. B. bei der CDU). Nachfolger B.s wurde 1976 Friedrich-Wilhelm Frhr. von Sell.

Nach seinem Weggang vom WDR engagierte sich B. u. a. für die evangelische Kirche in der Umsiedlerfrage. Mit Peter Scholl-Latour unternahm er eine Reise ins südliche Afrika. Eine neue Aufgabe übernahm er, als er Ende März 1977 als Nachfolger Hans von Herwarths, der aus Altersgründen auf eine weitere Kandidatur verzichtet hatte, zum Präsidenten des Goethe-Instituts gewählt wurde (1981 und 1985 bestätigt), der wichtigsten Einrichtung der Bundesrepublik "zur Pflege der deutschen Sprache im Ausland zur Förderung der internationalen kulturellen Zusammenarbeit". Obwohl als Präsident nur mit begrenzten Funktionen ausgestattet, war B. mit großem Engagement bemüht, in Zusammenarbeit mit dem Generalsekretär Horst Harnischfeger, die Kulturarbeit der Goethe-Institute auch bei zunehmend schwieriger Finanzlage zu gewährleisten. In seiner Amtszeit konnten besonders die Kulturbeziehungen mit den sozialistischen Ländern intensiviert werden. 1979 wurde das erste Goethe-Institut in Rumänien eröffnet, 1987 folgte Ungarn. Gelegentlichen Versuchen, besonders der bayerischen Staatskanzlei, das Goethe-Institut straff an die kulturpolitische Leine der Regierung zu nehmen und damit den Auftrag des Goethe-Instituts, die deutsche Kulturszene "so umfassend wie möglich darzustellen" einzuschränken, widersetzte sich B. mit Hartnäckigkeit und Diplomatie.

Zum 1. April 1989 schied B. nach zwölf Jahren aus dem Amt des Präsidenten. An seiner Stelle trat der Journalist Hans Heigert an die Spitze des Goethe-Instituts.

Familie

B. war ab 1939 mit Ruth-Alice, geb. v. Wedemeyer, verheiratet und hinterließ sieben Söhne und eine Tochter. Frau v. Bismarck ist die Schwester von Maria v. Wedemeier (+ 1977), die mit Dietrich Bonhoeffer bis zu dessen Ermordung im April 1945 verlobt war. Frau v. Bismarck gab 1992, zusammen mit Ulrich Kabitz, unter dem Titel "Brautbriefe Zelle 92" den durch familien- und zeitgeschichtliche Hinweise ergänzten Briefwechsel der Verlobten heraus. B. starb am 22. Mai 1997 im Alter von 85 Jahren in Hamburg.

Werke

Veröffentlichungen: "Industrialisierung des Bewußtseins" (1986; Koautor), "Aufbruch aus Pommern. Erinnerungen und Perspektiven" (1992). B., dessen Hauptinteresse einer religiös-motivierten Sozialpolitik gilt, hat außerdem immer wieder in Aufsätzen und Vorträgen zu Fragen der Existenz des evangelischen Christen in der gewandelten Gesellschaft, dem Dienst des Laien, dem Eigentumsproblem und der Auseinandersetzung mit dem Marxismus Stellung genommen. Er war Mitherausgeber der Schriftenreihe "Kirche im Volk" und der "Zeitschrift für Evangelische Ethik". Zusammen mit Walter Dirks gab er "Christlicher Glaube und Ideologie" (1964) und das zweibändige Werk "Neue Grenzen - Ökumenisches Christentum morgen" (1966, 1969) heraus.

Literatur

2013: Jochen Thies: "Die Bismarcks. Eine deutsche Dynastie". 2013.

Auszeichnungen

Auszeichnungen: Freiherr-vom-Stein-Preis (1954), Ehrendoktor der ev. theol. Fakultät der Universität Münster (1959), Adolf-Grimme-Preis (1976), Großes Bundesverdienstkreuz mit Stern (1982), Komturkreuz des italienischen Verdienstordens, Carlo-Schmid-Preis (1989).

Mitgliedschaften

Mitgliedschaften/Ämter: B. war von 1957 bis 1964 Präsident der Gesellschaft für Sozialen Fortschritt in der Bundesrepublik Deutschland, von 1958 bis 1961 Präsident der Internationalen Gesellschaft für Sozialen Fortschritt. 1966 war er einige Zeit Mitglied der Deutschen UNESCO-Kommission und von 1969 bis 1977 Mitglied des Board of Trustees des Internationalen Broadcast Institute (jetzt Institute for International Communication) mit Sitz in London. Im Jan. 1990 war er Mitgründer der "Deutschen Gesellschaft", die eine Vertiefung des Verständnisses der Deutschen in Ost und West anstrebt.

Adresse

Letzte Adresse: Jungfrauenallee 2, 20149 Hamburg



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