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MUNZINGER Personen

Vladimir Bakaric

jugoslawischer Politiker; Dr.jur.
Geburtstag: 8. März 1912 Velika Gorica
Todestag: 16. Januar 1983 Zagreb
Nation: Jugoslawien

Internationales Biographisches Archiv 17/1983 vom 18. April 1983


Blick in die Presse

Wirken

Vladimir Bakaric kath., war Sohn eines Richters aus Zagreb in Kroatien. Er hat in Zagreb Rechtswissenschaften studiert und promovierte 1937 zum Dr. jur. Schon früh wurde er Mitglied im kommunistischen Jugendverband und war von 1935 an kommunistischer Studentenführer in Zagreb. Mehrmals wurde er wegen politischer Umtriebe verhaftet.

Während des Krieges war B. ab 1941 als politischer Kommissar in dem Hauptquartier der Volksbefreiungsarmee Kroatiens einer der ersten Organisatoren der Partisanenbewegung. Nach der zweiten AVNOJ-Sitzung (provisorische kommunistische Nationalversammlung) wurde er zum Mitglied des Nationalbefreiungskomitees von Jugoslawien ernannt. Vor dem Kriegsende in Jugoslawien, am 14. März 1944, wurde B. Präsident der ersten kommunistischen Regierung Kroatiens.

Nach dem Kriege wurde er in die höheren Parteiausschüsse gewählt und galt bis zuletzt als intimer Gefährte und Mitarbeiter Titos. Auf dem fünften Parteikongreß in Belgrad 1948 wurde er Mitglied des ZK. Im gleichen Jahr löste er den gestürzten Hebrang als führenden Politiker Kroatiens ab. Seit 1962 saß er im Politbüro bzw. Präsidium des ZK des Bundes der Kommunisten (BKJ).

Von 1955 bis 1963 fungierte er als Präsident der kroatischen Nationalversammlung. Am 13. Dez. 1971 wurde B. Mitglied des Exekutivbüros (wichtigste Parteizentrale) und des Präsidiums (Repräsentationsorgan) des BKJ.

Mit seinem Freund Kardelji (s.dort) war B. im Febr. 1948 bei Stalin. Als aufmerksamer Zeuge erlebte er damals den dramatischen Bruch zwischen Jugoslawien und der UdSSR, den er stets für richtig gehalten hat. Obwohl er nie Zweifel an seiner kommunistischen Überzeugung ließ, trat er doch immer wieder als pragmatischer Realist hervor. Er war es, der die Zwangskollektivierung der Bauern in seinem Gebiet zuerst und endgültig abbrach. Als Kardinal Stepinac 1960 starb, brachte B. Tito dahin, ein öffentliches Begräbnis zuzulassen, um böses Blut unter der Bevölkerung zu vermeiden. In den 60er Jahren ist B. mehrfach mit sehr unorthodoxen Äußerungen gegen den verhärteten innenpolitischen und wirtschaftlichen Kurs, den Tito 1962 auf Rat der Belgrader Zentralisten einschlug, hervorgetreten. Mitte Okt. 1964 wehrte er sich dagegen, daß man Freiheit nur "löffelweise" gewähre, auf diese Weise würden die Schwierigkeiten nur größer. Auch über die Nationalitätenfrage hörte man von B. ähnliche Äußerungen, doch bremste er am 3. April 1967 in einer entsprechenden Erklärung den Vorstoß einer kroatischen Gruppe unter Vorsitz des Schriftstellers Krleza auf verfassungsmäßige Anerkennung des Kroatischen als eigene Landessprache. Er gehörte auch zu jenen föderalistischen Parteiführern, die 1966 den Sturz des stalinistisch-zentralistisch orientierten Geheimdienstchefs Rankovic durchsetzten. Er befürwortete freiere wirtschaftliche Verhältnisse. Die Wirtschaftsreform von 1964/65 ging wesentlich auf B. und seine Freunde zurück. Mit Geschick überstand B. auch die Welle des nationalen Enthusiasmus, die 1970/71 Kroatien überflutete und von jüngeren Parteiführern ausgelöst worden war. Tito griff damals mit ungewöhnlicher Schärfe ein. Parteichefin Dabcevic-Kucar und Miko Tripalo mußten gehen. Allein 1972 wurde gegen mehr als 3 500 "Parteifeinde" Anzeige erstattet. B., der mäßigenden Einfluß auszuüben suchte, schied zwar aus dem Exekutivbüro des BKJ aus, blieb aber Mitglied des Parteipräsidiums. 1974 wurde er Mitglied des neukonstituierten Staatspräsidiums. 1975/76 war er für ein Jahr Stellvertreter Titos. Daß er in den 70er Jahren in Kroatien eine phantasielose und politisch mittelmäßige Mannschaft gewähren ließ in einem Klima allerdings gemäßigter polizeilicher und politischer Repression, wird ihm als Versäumnis angelastet.

Seit dem Tode Titos am 4. Mai 1980 spielte B. als Mitglied des kollektiven Staatspräsidiums, des Parteipräsidiums und als Leiter der Koordinierungsstelle für die jugoslawischen Geheimdienste eine dominierende und ausgleichende Rolle in der Parteispitze aufgrund der Tatsache, daß er einer der letzten markanten Gefährten Titos war und auch selbst über beträchtliche Popularität verfügte. Er verstand sich nun mehr als moralische Instanz und verzichtete bewußt auf Ämter in der Nach-Tito-Ära. Immerhin gelang es ihm, einen Zusammenstoß zwischen Partei und katholischer Kirche in Kroatien zu verhindern. Im Jan. 1982 warnte B. vor einer Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation, die nur durch mehr Arbeit und Sparen gemeistert werden könne. Er griff übersteigerten Luxus an und verlangte auch persönliche Opfer. Trotz liberaler Töne ging aber auch B., wohl schon wegen angegriffener Gesundheit, nicht energisch gegen Dogmatismus und Bürokratie an, auch ging sein Einfluß auf jüngere Führungskräfte erkennbar zurück.

B., der höchste jugoslawische Tapferkeitsorden und andere Auszeichnungen besaß, hat viele Veröffentlichungen auf sozialem und wirtschaftlichem Gebiet geschrieben. Er war Mitglied der jugosl. Akademie für Kunst und Wissenschaft.

Er war mit Frau Marija B. verheiratet und hatte einen Sohn und zwei Töchter. Sein Gesundheitszustand gab schon seit längerer Zeit Anlaß zu Befürchtungen. 1980 fiel er für längere Zeit aus. Am 16. Jan. 1983 erlag er im Alter von 70 Jahren einem Herzleiden.

Vladimir Bakaric



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