MUNZINGER Wissen, das zählt | Zurück zur Startseite
Wissen, das zählt.


MUNZINGER Personen

Alexander Demandt

deutscher Historiker; Prof. em.; Dr. phil.
Geburtstag: 6. Juni 1937 Marburg
Nation: Deutschland - Bundesrepublik

Internationales Biographisches Archiv 15/2022 vom 12. April 2022 (cs)


Blick in die Presse

Herkunft

Alexander Demandt, ev., wurde am 6. Juni 1937 in Marburg geboren. Sein Vater Karl Ernst Demandt war als Spezialist für Landesgeschichte insbesondere am Staatsarchiv in Marburg tätig. 1959 veröffentlichte der Vater die "Geschichte des Landes Hessen".

Ausbildung

Nach dem Abitur 1957 in Büdingen bei Frankfurt/Main studierte D. an den Universitäten Tübingen, München und Marburg Geschichte sowie Lateinische Philologie. Nach den Examina wurde er 1963 in Marburg bei Christian Habicht zum Dr. phil. promoviert. Basis war die Dissertation "Zeitkritik und Geschichtsbild bei Ammianus Marcellinus", einem römischen Historiker des 4. Jahrhunderts. 1970 folgte in Konstanz die Habilitation mit der Schrift "Magister Militum" (Bezeichnung für den Oberbefehlshaber eines regionalen Feldheeres in der römischen Spätantike).

Wirken

Akademische LaufbahnAls Assistent an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt/Main erhielt D. für 1964/1965 ein Reisestipendium des Deutschen Archäologischen Instituts. 1966 bis 1970 war er Assistent an der Universität Konstanz, danach übte er Lehraufträge in Kiel und Frankfurt/Main aus. Von 1974 an war er bis zur Emeritierung 2005 dann 31 Jahre lang ordentlicher Professor für Alte Geschichte am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin. Schwerpunkt seiner Forschungen bildeten die römische Welt und die Spätantike; außerdem befasste er sich mit dem Phänomen des Niedergangs in der Geschichte, Kulturvandalismus und Geschichtstheorie sowie Wissenschaftsgeschichte.

Neben seinen akademischen Stationen legte D. auch immer Wert auf Vermittlung der Themen über ein Fachpublikum hinaus. So betreute er beispielsweise 2007 in Trier die Ausstellung "Konstantin der Große" mit dem "heidnisch-christlichen Kulturübergang" (SZ, 7.6.2007) als einem thematischen Schwerpunkt. Mehrfach trat er auch im Fernsehen auf, darunter in ZDF-Dokumentationen von Guido Knopp.

Standardwerke zur Spätantike"1984 legte D. den monumentalen Band "Der Fall Roms" vor, den er 2014 um neuere Forschungen ergänzt neu publizierte. Der Band über - so der Untertitel - "Die Auflösung des Römischen Reiches im Urteil der Nachwelt" fand in der Fachwelt breite Zustimmung, darunter von Karl Christ (HZ 240 /1985; vgl. auch R. Brendel, in: H-Soz-Kult, 23.6.2014). D. diskutierte in dem Band auch, "inwieweit sich Parallelen zwischen dem Schicksal Roms und heutigen Erscheinungen von Verfall und Umbruch finden lassen" (Verlagstext). 1989 stellte D. das Standardwerk "Die Spätantike" vor, 2007 in einer aktualisierten Fassung ebenfalls neu veröffentlich. Dabei schilderte er jene Epoche mit Schwerpunkt ab dem Kaiser Diocletian (285-305) über die Reichsteilung und bis zum Tode des byzantinischen Kaisers Justinian 565. Gemäß diesem Konzept behandelte er auch die ersten Jahrzehnte nach Absetzung des letzten weströmischen Kaisers 476. Kulturhistorisch arbeitete D. heraus, dass die Spätantike - entgegen vielfacher Auffassung - auch Neues generiert habe und dass ihr Nachleben letztlich sehr viel beeindruckender sei als der bloße Zerfall (vgl. S. Esders, in: H-Soz-Kult, 10.11.2008).

Unkonventionelle VeröffentlichungenAnders als die meisten deutschen Historiker wagte sich D. auch an - in der englischsprachigen Geschichtsschreibung nicht unübliche - sogenannte kontrafaktische Überlegungen und publizierte 1984 "Ungeschehene Geschichte" sowie 2010 "Es hätte auch anders kommen können" über denkbare Alternativen (vgl. SZ, 7.12.2010: "Überlegungen über Handlungsspielräume"). Durchaus auf ein breiteres Publikum richtete D. den Band "Das Privatleben der römischen Kaiser" (1996) aus, der nicht nur auf "die Sitten- und Unsittengeschichte" einging, sondern auch belegte, wie groß zu allen Zeiten die Lust auf den "Sumpf aus Klatsch, Hass und Lobhudelei" sein mag (WELT, 19.7.1997). Unkonventionell war auch D.s Veröffentlichung der von Theodor Mommsen (1817-1903) nicht mehr publizierten "Geschichte des römischen Kaiserreichs". Basis waren von D. in einem Antiquariat entdeckte Mitschriften von Mommsens Vorlesungen (1882-1886). D. machte damit die Sichtweise des für die ältere Rom-Forschung maßgeblichen Forschers zugänglich.

Biographien1999 legte D. eine umfangreiche Monographie zu einer Nebenfigur der römischen Geschichte vor, "Hände in Unschuld. Pontius Pilatus in der Geschichte". Dabei nutzte er das Thema als Aufhänger für eine Geschichte des jüdischen Volkes in der Antike, darunter die Einbindung ins Römische Reich. Auch so gelang D. eine Entmystifizierung des Statthalters von Judäa (26-36), da Pilatus auch beim in den Evangelien geschilderten Prozess in erster Linie den Kontakt zur jüdischen Führung zu stabilisieren hatte (vgl. FAZ, 20.4.2020). D.s "eminent lesbare" (SZ, 23.1.2010) Monumentaldarstellung "Alexander der Große" (2009) führte diesen nicht nur als Feldherr vor, sondern dem Verlag zufolge auch als "Entdecker, Staatsmann und Integrationsfigur für Völker unterschiedlicher Kulturen". Lob fanden Detailreichtum und der souveräne Umgang mit den Quellen (vgl. ZEIT, 15.4.2010), aber auch die zahlreichen Exkurse zu Themen im Kontext der Eroberungszüge (vgl. FAZ, 14.12.2009). 2018 stellte D. mit "Marc Aurel" eine Biographie des Kaisers (161-180) vor, der für seine philosophischen Selbstbetrachtungen bekannt geblieben ist, in seiner Regierungszeit aber in erster Linie mit der letzten erfolgreichen Abwehr von Invasionen (Donauvölker, Parther) und weiteren Katastrophen wie der Pest konfrontiert gewesen war. D. arbeitete insbesondere die Selbstüberwindung des Philosophen heraus, sich den praktischen Herausforderungen zu stellen (vgl., FAZ, 31.8.2018). Eindruck machte auch eine von D. erarbeitete Chronologisierung anhand der Münzen jener Zeit (vgl. ZEIT, 13.12.2018).

Weltgeschichtliche Überblicke2001 schilderte D. in "Sternstunden der Geschichte" einzelne Ereignisse aus über 2.000 Jahren. Dabei ging es ihm dem Verlag zufolge um "Schritte" oder zumindest "Ausblicke" auf eine humanere Welt, aber auch um die Entlarvung einiger Mythen (vgl. NZZ, 21.3.2001). Mit "Kleine Weltgeschichte" (2003) legte D. "Die ganze Weltgeschichte in einem Band" vor, mit Blick auf ein breites Publikum vielfach am Beispiel von Persönlichkeiten und ergänzt um zahlreiche Karten sowie Bilder. Obschon von D. bewusst als knapper Überblick konzipiert, bemäkelten einige Rezensenten, D. "galoppiere" durch die Geschichte (ZEIT, 9.10.2003) und zeige in der Neuzeit einen gewissen "Eurozentrismus" (FR, 8.1.2004). Mit "Über die Deutschen" widmete sich D. 2007 einem weiteren Thema jenseits der Antike, wobei es ihm um Lebensformen und kulturelle Leistungen ging. In "Philosophie der Geschichte" arbeitete D. nicht zuletzt das "europäische Geschichtsdenken seit der Antike" heraus. D. betonte dabei, es gebe keinen neutralen Blick auf die Geschichte, da dieser immer von einem bestimmten Menschen- und Weltbild geprägt sei (vgl. FR, 13.4.2012).

Epochenübergreifende Themen-Enzyklopädien2002 legte D. mit "Über allen Wipfeln" einen Band über die Kulturgeschichte des Baumes vor, eine materialreiche, umfassende Abhandlung von der Genesis bis zur Glorifizierung des Waldes durch die NS-Diktatur. 2015 publizierte D. in "Zeit. Eine Kulturgeschichte" 364 Aufsätze zu Einzelaspekten rund um das Messen und Wahrnehmen von Zeit. 2020 folgte mit demselben Aufbau der Band "Grenzen". D. ging es dabei nicht nur um solche zwischen Staaten und Städten (Jerichos Mauern stellte er als älteste bekannte Grenze vor). Er untersuchte auch inhaltliche Grenzen, solche zwischen Gegensätzen (Licht / Dunkelheit, privat / öffentlich) und Abgrenzungen als Definition von Begriffen. Neben der Fülle des Wissens zeichne sich der Band - so der Tagesspiegel (18.11.2020) - auch durch Lesbarkeit aus, teils durch Anekdoten, teils durch Kommentare zur Gegenwart.

Familie

D. und seine Frau Dr. Barbara Demandt, eine Mittelalterspezialistin, haben drei Kinder und sind Großeltern. D.s Sohn, der Kunsthistoriker Philipp Demandt, wurde 2016 Direktor des Städel-Museums in Frankfurt. Seit D.s Emeritierung lebt das Paar in dem von D.s Großvater erworbenen "Schlösschen Lindheim" in der Wetterau nördlich von Frankfurt. Als Hobby bemalt D., der weder Radio noch Fernseher besitzt und keine Zeitungen liest, Bucheinbände und spielt Orgel.

Werke

Monographien (u. a.): "Verformungstendenzen in der Überlieferung antiker Sonnen- u. Mondfinsternisse" (70), "Geschichte als Argument" (72), "Metaphern für Geschichte" (78), "Der Fall Roms" (84, Neubearbeitung 14), "Ungeschehene Geschichte" (84), "Die Spätantike. Römische Geschichte von Diocletian bis Justinian 284-565 n. Chr." (89, aktualisiert 07), "Endzeit?", "Der Idealstaat. Die politischen Theorien der Antike" (93), "Antike Staatsformen" (95), "Das Privatleben der römischen Kaiser" (96), "Geschichte der Geschichte", "Vandalismus. Gewalt gegen Kultur" (97), "Die Kelten" (98), "Hände in Unschuld" (99), "Sternstunden der Geschichte" (01), "Über allen Wipfeln" (02), "Kleine Weltgeschichte" (03), "Apseudestata" (06), "Über die Deutschen. Eine kleine Kulturgeschichte" (07), "Alexander der Große" (09), "Es hätte auch anders kommen können" (10), "Philosophie der Geschichte" (11), "Pontius Pilatus" (12), "Zeit" (15), "Marc Aurel" (18), "Grenzen" (20).

Herausgeber/Mitherausgeber: "Macht und Recht" (90), "Deutschlands Grenzen in der Geschichte" (90), "Theodor Mommsen: Römische Kaisergeschichte" (92; mit Barbara Demandt), "Mit Fremden leben" (95), "Das Attentat in der Geschichte" (96), "Das Ende der Weltreiche" (97), "Theodor Mommsen. Wissenschaft und Politik im 19. Jahrhundert" (05), "Konstantin der Große" (07); "Millennium" (04).

Auszeichnungen

Auszeichnungen (u. a.): Ausonius-Preis (03), Kulturpreis des Wetteraukreises (08), Ehrenmedaille der Gemeinde Altenstadt.

Mitgliedschaften

Mitgliedschaften: Korrespndierendes Mitglied im Deutschen Archäologischen Institut (90) und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (00).

Adresse

Düdelsheimer Str. 21, 63674 Lindheim, Tel.: 06047 5614



Die Biographie von Nigel Paul Farage ist nur eine von über 40.000, die in unseren biographischen Datenbanken Personen, Sport und Pop verfügbar sind. Wöchentlich bringen wir neue Porträts, publizieren redaktionell überarbeitete Texte und aktualisieren darüberhinaus Hunderte von Biographien.
Unsere Datenbanken sind unverzichtbare Recherchequelle für Journalisten und Publizisten, wertvolle Informationsquelle für Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft, Grundausstattung für jede Bibliothek und unerschöpfliche Fundgrube für jeden, der mit den Zeitläuften und ihren Protagonisten Schritt halten will.



Lucene - Search engine library