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Ravi Shankar

indischer Musiker
Geburtstag: 7. April 1920 Varanasi
Todestag: 11. Dezember 2012 San Diego/CA (USA)
Nation: Indien

Internationales Biographisches Archiv 21/2010 vom 25. Mai 2010 (rw)
Ergänzt um Nachrichten durch MA-Journal bis KW 50/2012


Blick in die Presse

Herkunft

Ravi Shankar (eigentlich Robindro Shaunkor Chowdhury) wurde am 7. April 1920 in Varanasi (Benares) als jüngster von sieben Söhnen einer reichen und konservativen bengalischen Brahmanenfamilie geboren. Der Vater Shyam Shankar war zunächst Verwaltungsbeamter des Maharadscha von Jhalawar und mit S.s Mutter Hemangini Devi verheiratet, arbeitete später jedoch als Anwalt in London, wo er eine zweite Ehe einging. S. wuchs bei seiner Mutter in Varanasi auf.

Ausbildung

Im Alter von 10 Jahren reiste S. mit der Tanzgruppe "Compagnie de Danse et Musique Hindou" seines Bruders Uday nach Paris, wo er einen Großteil seiner Erziehung erhielt. Ab 1932 tourte er mit der Truppe durch Europa und Nordamerika, erlernte neben dem Tanzen verschiedene indische Instrumente und kam in Kontakt mit westlicher klassischer Musik, Jazz, Filmen sowie westlichen Sitten und Gebräuchen. 1935 nahm Allauddin Khan, Multiinstrumentalist und führender Hofmusiker des Maharadscha von Maihar, als Solist an einer Europatournee der Truppe teil. 1938 gab S. das Tanzen auf, um sich in Maihar in klösterlicher Abgeschiedenheit bei Allauddin Khan in klassischer indischer Musik und dem Spiel auf der 20-saitigen Sitar ausbilden zu lassen. Seinen ersten Auftritt hatte er im Dez. 1939 in Allahabad zusammen mit Ali Akbar Khan, dem Sohn seines Lehrers.

Wirken

Nach Beendigung seiner Ausbildung (1944) ging S. nach Mumbai (Bombay), wo er Musik für Filme ("Dharti Ke Lal", "Neecha Nagar") sowie Ballettmusik (u. a. "India Immortal") für die Indian People's Theatre Association komponierte. In dieser Zeit hatte er Soloauftritte in ganz Indien. 1949 gründete er das Indian National Orchestra, für das er experimentelle Kompositionen mit einer Mischung indischer und westlicher Instrumente schuf. 1949-1956 war er Musikdirektor von All India Radio (AIR) Neu-Delhi. Zwischen 1955 und 1959 komponierte er die Filmmusik für Satyajit Rays international erfolgreiche "Apu-Trilogie".

1954 trat S. als Sitarspieler erstmals in der Sowjetunion auf, die er als Teilnehmer einer kulturellen Delegation bereiste, und tourte ab 1956 durch Großbritannien, Deutschland und die Vereinigten Staaten. Er trat vor kleinem Publikum auf, das er mit indischer Musik und deren Improvisations- und Kompositionsrahmen (Raga) bekannt machte. Ebenfalls 1956 nahm er in London seine erste Langspielplatte "Three Ragas" auf. S. gilt als der erste Musiker, der die klassische indische Musik ab den 60er Jahren durch Lehre, Auftritte und Kontakte zu Star-Violinist Yehudi Menuhin, verschiedenen Jazz-Musikern sowie George Harrison von den "Beatles" bekannt machte. Harrison erlernte 1966 bei ihm das Sitarspiel, mit dem er psychedelische Beatles-Songs wie "Norwegian Wood" oder "Within You, Without You" bereicherte; weitere Musiker und Bands wie die "Butterfield Blues Band" oder "The Byrds" übernahmen den Raga-Sound.

1962 gründete S. die Kinnara School of Music in Mumbai und 1967 eine Zweigstelle in Los Angeles. Er spielte 1967 beim Monterey Music Festival und 1969 - neben Jimi Hendrix, Janis Joplin und anderen Musikgrößen - beim legendären Woodstock Festival, wobei er den offenen Drogenkonsum der Hippies sowie deren oberflächliche Einstellung gegenüber Indien und seiner Musik kritisierte. Gemeinsam mit seinem Freund Harrison, der ihn einmal als "Godfather of World Music" titulierte und einige seiner späteren Alben produzierte, organisierte er 1971 mit dem "Concert for Bangladesh" das weltweit erste Wohltätigkeitskonzert und tourte 1974 mit ihm durch die USA.

Im Okt. 1970 übernahm S. die Leitung der Abteilung für Indische Musik am California Institute of the Arts, nachdem er bereits zuvor am City College in New York, an der University of California in Los Angeles und anderen Hochschulen unterrichtet hatte. Er beschäftigte sich mit westlicher Musik und schrieb Instrumentalkonzerte für Sitar und Orchester, deren erstes - eine Auftragskomposition des London Symphony Orchestra - er 1971 in London unter der Leitung von André Previn als Solist aufführte. S. komponierte zahlreiche Filmmusiken, etwa zu Tapan Sinhas "Kabuliwala" (1956) oder Richard Attenboroughs "Gandhi" (1982), und arbeitete u. a. mit dem Minimal-Music-Komponisten Philip Glass zusammen, mit dem zusammen er 1990 das Album "Passages" produzierte. Seine Kompositionen, die oft an indische und insbesondere bengalische volkstümliche Melodien angelehnt sind, zeichnen sich durch besondere Melodiosität aus.

Ab den 70er Jahren bis in die Gegenwart tourte S., der als "größter indischer Musiker aller Zeiten" (FAZ, 7.4.2010) gilt, weltweit, so etwa 1989 mit Zubin Mehta und dem European Youth Orchestra durch Europa und Indien. Oft begleitete ihn seine Tochter Anoushka, der er das Sitarspielen beigebracht hatte und die auch den Solopart bei der Premiere von S.s drittem Konzert für Sitar und Orchester im Jan. 2009 in der New Yorker Carnegie Hall übernahm. Sein eigenes Plattenlabel "East Meets West Music" gründete er im Jan. 2010.

1986 wurde S. von Ministerpräsident Rajiv Gandhi für das Rajya Sabha (Oberhaus des indischen Parlaments) nominiert, dem er als Mitglied bis 1992 angehörte. Zu seinen zahlreichen Auszeichnungen zählen neben den höchsten indischen Zivilorden der Praemium Imperiale (1997) und der Polar Music Prize (1998, inoffizieller "Nobelpreis für Musik") für sein Lebenswerk, mit dem er die "Kunstmusik des Ostens auf herausragende Weise gespielt, erforscht und dem Westen nahegebracht" habe. Die Preisgelder investierte S. in die 1997 gegründete Ravi Shankar Foundation, die Studenten bei der Ausbildung in traditioneller indischer Musik unterstützt.

Familie

1941 heiratete S. Allauddin Khans Tochter Roshanara "Annapurna", mit der er einen Sohn Shibhendra (1942-1992) hatte. Nach der Trennung von seiner Frau (Scheidung 1961) unterhielt er Beziehungen zu der Tänzerin Kamala Shastri (ab den späten 40er Jahren bis 1981) und zu der New Yorker Konzertproduzentin Sue Jones, mit der er 1981-1986 zusammenlebte (Tochter Norah, geb. 1979). 1989 ging S. eine zweite Ehe mit Sukanya Rajan ein, die er bereits in den 70er Jahren kennengelernt hatte und mit der er die Tochter Anoushka (geb. 1981) hat. Sowohl Shibhendra als auch Anoushka, die beide das Sitarspiel erlernten, begleiteten ihren Vater oft auf seinen Touren. Norah Jones ist seit 2000 als Sängerin ebenfalls im Musikgeschäft tätig und gewann 2003 acht Grammys.

Im Sept. 1974 erlitt S. bei seiner Nordamerika-Tour eine Herzattacke und musste sich 1992 einer Angioplastie unterziehen. Mit seiner Frau Sukanya lebte der Hindu und Vegetarier S. in Südkalifornien.

11. Dezember 2012: Der indische Musiker Ravi Shankar stirbt im Alter von 92 Jahren mehrere Tage nach einer Operation in einem Krankenhaus im kalifornischen San Diego.

Werke

Diskografie u. a.: "Three Ragas" (56), "India's Master Musician" (57), "Improvisations" (62), "Exciting Music of" (63), "In London", "Ragas & Talas", "Portrait of Genius" (64), "Sound of the Sitar" (65), "Live at Monterey", "In San Francisco", "West Meets East", "The Exotic Sitar and Sarod" (67), "A Morning Raga / An Evening Raga", "The Sounds of India", "In New York" (68), "Woodstock Festival" (69), "The Concert for Bangladesh" (71), "Shankar Family and Friends" (74; mit George Harrison), "Homage to Mahatma Gandhi", "Concertos 1 and 2 for Sitar and Orchestra, Raga Jageshwari" (81), "Pandit Ravi Shankar" (86), "Tana Mana" (87), "Inside the Kremlin" (88), "Passages" (90; mit Philip Glass), "Concert for Peace: Royal Albert Hall" (95), "Chants of India" (97), "Concerto for Sitar & Orchestra" (99; mit André Previn), "Full Circle: Carnegie Hall 2000" , "Between Two Worlds" (01), "From the Sitar to the Guitar" (06; mit Yehudi Menuhin), "Flowers of India" (07), "Nine Decades: Vol. 1 1967-68" (10), "The Living Room Sessions Part 1" (12).

Filmmusik u. a.: "Kabuliwala" (56), "A Chairy Tale" (57), "The Sword and the Flute" (59), "Apur Sansar" (59), "Anuradha" (60), "Godaan" (63), "The Psychedelics" (66), "Chappaqua" (66), "Charly" (68), "Sex and the Animals" (69), "Unterwegs nach Kathmandu" (71; TV), "Gandhi" (82), "Genesis" (86).

Buchveröffentlichungen u. a.: "My Music, My Life" (69; Autobiogr.), "Learning Indian Music: A Systematic Approach" (79), "Raga Mala. The Autobiography of Ravi Shankar" (97; Hrsg. George Harrison),.

Literatur

Literatur/Filme u. a.: "Raga" (71; Dokum.film, Regie: Howard Worth), Anoushka Shankar: "Bapi: Love of My Life" (02), "Ravi Shankar, l'extraordinaire leçon" (09; frz. TV-Dokum.), "Ravi Shankar in Portrait" (03; Dokum., Regie: Mark Kidel).

Auszeichnungen

Auszeichnungen u. a.: Silberner Bär der Berlinale (57; für Filmmusik zu "Kabuliwala"), Sangeet Natak Akademi Award (62), Padma Bhushan (67), 3 Grammys (68, mit Y. Menuhin, für "West Meets East"; 72, für "The Concert for Bangladesh"; 02, für "Full Circle: Carnegie Hall 2000"), Music Council UNESCO Award (75), Padma Vibhushan (81), Fukuoka Asian Culture Prize (91), Ramon Magsaysay Award (92), Praemium Imperiale (97), Polar Music Prize (98; mit Ray Charles), Bharat Ratna (99), Commandeur de la Legion d'Honneur (00), Commander of the Order of the British Empire (01), ISPA Distinguished Artists Award (03), Lifetime Award, CNN-IBN (09), George Harrison Humanitarian Award (09), Grammy für "The Living Room Sessions Part 1" in der Kategorie "Best World Music Album" (13); zahlreiche Ehrendoktorate.

Mitgliedschaften

Mitgliedschaften u. a.: Sangeet Natak Akademi (seit 75), UN International Rostrum of Composers, Ehrenmitglied der American Academy of Arts and Letters.

Adresse

Letzte Adresse: c/o Ravi Shankar Foundation, E-Mail: info@ravishankar.org, Internet: www.ravishankar.org

Letzte Adresse: c/o Sulivan Sweetland, 1 Hillgate Place, Balham Hill, London, SW12 9ER, Großbritannien, Tel.: +44 20 8772-3470, Fax: +44 20 8673-8959, E-Mail: info@sulivansweetland.co.uk, Internet: www.sulivansweetland.co.uk



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