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Stephen Shore

Stephen Shore

amerikanischer Fotograf
Geburtstag: 8. Oktober 1947 New York
Nation: Vereinigte Staaten von Amerika (USA)

Internationales Biographisches Archiv 40/2021 vom 5. Oktober 2021 (ds)


Blick in die Presse

Herkunft

Stephen (Eric) Shore wurde am 8. Okt. 1947 in der großbürgerlichen Upper East Side von New York geboren. Sein Vater, ein erfolgreicher Handtaschenhersteller, spezialisierte sich später auf Finanzspekulationen. In den Ferien bereiste die Familie Europa.

Ausbildung

Mit sechs Jahren bekam S. von einem Onkel eine Dunkelkammer-Ausrüstung geschenkt, begann zu experimentieren und drei Jahre später auch zu fotografieren. 1961 präsentierte S. vierzehnjährig seine Fotografien dem international bekannten Fotografen Edward Steichen, damals Kurator des New Yorker Museum of Modern Art (MoMA), der drei seiner Bilder für die Fotografische Sammlung erwarb. Mit siebzehn brach S. seine Schulausbildung an einer exklusiven Privatschule ab, um sich ganz der Fotografie zu widmen.

Wirken

Auf Einladung des Pop-Art-Künstlers Andy Warhol fotografierte S. 1965-1967 in zahlreichen Schwarz-Weiß-Aufnahmen das Kommen und Gehen in dessen "Factory", einer Kunstkommune und Treffpunkt vieler Avantgarde-Künstler der 1960er und -70er Jahre. Als Assistent war er bei Filmproduktionen dabei und arbeitete als Beleuchter. In dieser Zeit entstanden auch die "Sequences": S. lief etwa die Avenue of the Americas entlang und machte an jeder Straßenkreuzung ein Bild. Bereits 1971 widmete das Metropolitan Museum of Art in New York den strengen Schwarz-Weiß-Serien eine erste Einzelausstellung. S. war der erste lebende Fotograf, dem diese Ehre zuteil wurde - mit gerade einmal 24 Jahren.

Nach diesem frühen Erfolg reiste S. zwei Jahre lang mit einer Kleinbildkamera durch die USA und dokumentierte tagebuchähnlich alles, was er sah – "ein paar abgenagte Knochen, zwei Beine beim Pinkeln, eine Kioskverkäuferin mit fluoreszierenden Ringen um die Augen, silberne Löffel, Freunde, Tankstellen, Häuser" - wie in einem fotografischen "Roadmovie" (SZ, 26.8.2010), diesmal jedoch in Farbe. "American Surfaces" nannte S. die vielen tausend Bilder in Schnappschuss-Ästhetik. Farbfotos hatten Anfang der 1970er Jahre lediglich in Werbung, Mode und Journalismus Eingang gefunden, in Künstlerkreisen galt es als vulgär, in Farbe zu fotografieren, und so gehörte S. mit William Eggleston und Joel Meyerowitz zu den Pionieren der Farbfotografie.

Ab 1974 fotografierte S. mit einer Großbildkamera, deren Aufbau allein 15 Minuten benötigte. Es entstand die Serie "Uncommon Places" (dt. ungewöhnliche Orte), triviale, zumeist ereignislose Ansichten von Tankstellen, Gewerbegebieten, Siedlungen und Straßenkreuzungen des ländlichen, kleinstädtischen Amerika, so z. B. "La Brea Avenue und Beverly Boulevard, 21. Juni 1975", das eine Kreuzung mit vier Tankstellen zeigt und eine Ikone der amerikanischen Fotografie wurde. Von den Platten fertigte S. 20 x 25 cm große, bestechend scharfe Kontaktabzüge, die wie in Licht getaucht wirken. An jedem Punkt schwindelerregend intensiv seien S.s Bilder, sie vereinigten Qualitäten der vormodernen Ära der Photographiegeschichte mit beispiellosem Sinn für den Standort des Photographen, den richtigen Ausschnitt und die Farbe der Objekte, urteilte der Freitag (8.12.1995). S. habe "eine bisher übersehene Schönheit des Banalen" freigelegt, schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung (17.12.2015). Im Unterschied zu den Fotografien des alltäglichen Amerika in der Provinz von z. B. Walker Evans kam bei S. durch die Farbe ein weiteres Moment der Künstlichkeit hinzu.

In den 1980ern widmete sich S.vor allem Landschaftsaufnahmen. Für das Metropolitan Museum in New York fotografierte er Claude Monets Garten in Giverny. Zwischendurch knipste er mit einer Polaroid-Kamera, ab 1991 kehrte er für zehn Jahre zur Schwarz-Weiß-Fotografie zurück. S., der "unablässig experimentierende Künstler" (TSP, 24.2.2016) arbeitete seit 2014 auch mit einer Digitalkamera und für Magazine wie "Fortune" und "Architectural Digest", aber auch für Modeketten wie Urban Outfitters. Später machte er Aufnahmen mit dem iPhone und postete die Aufnahmen bei Instagram (FAZ, 7.10.2017), wo er bereits Mitte 2020 über 180.000 Follower hatte (SZ, 22.5.2020). In einem Interview sprach er 2021 davon, dass er auch mit einer Drohne fotografiere (vgl. WELT, 19.6.2021).

S.s Werk, das von den Fotografen Robert Frank und Garry Garry Winogrand inspiriert wurde, ist in zahlreichen Sammlungen vertreten. Es findet sich in internationalen Museen wie im George Eastman House, im Art Institute of Chicago, im Center for Creative Photography in Tucson und im Getty Museum in Los Angeles. Dass S.s Arbeiten ihrerseits auch deutsche Fotografen wie Andreas Gursky oder Thomas Struth beeinflussten, zeigte eine Ausstellung im Düsseldorfer NRW-Forum Kultur und Wirtschaft Ende 2010. Unter dem Titel "Der rote Bulli" belegte sie S.s Einfluss "auf die neu-sachliche Fotografie der von den Fotografen Bernd und Hilla Becher begründeten Düsseldorfer Fotoschule" (WELT, 13.9.2010). Als einer der einflussreichsten Fotografen der Gegenwart erhielt S. im Sept. 2010 den Kulturpreis der Deutschen Gesellschaft für Fotografie in Düsseldorf. 1982 wurde S. zum Leiter des Fotografie-Programms am Bard College in Upstate New York ernannt und lehrt seitdem am Lehrstuhl für Kunst Susan Weber. 1996-2000 war S. Chairman der Arts Divison am Bard College.

Familie

S. lebt mit seiner Frau Ginger in Tivoli, einer kleinen Stadt in der Nähe von New York im Hudson Valley. Mit ihr teilt er seine zweite Passion, das Fliegenfischen.

Werke

Solo-Ausstellungen (Auswahl): Metropolitan Museum of Art New York (71), Museum of Modern Art New York (76), Kunsthalle Düsseldorf (77), Art Institute of Chicago (84), Center for Creative Photography Tucson (85), Fondation Cartier Jouy-en-Josas (90), Westfälischer Kunstverein Münster (95), George Eastman House Rochester (96), Nederlands Foto Instituut Rotterdam (97), SK Stiftung Kultur Köln (99), Victorian Arts Center Melbourne (00), Akademie der Bildenden Kunst Wien (04), UCLA Hammer Museum Los Angeles (05), Jeu de Paume Paris (05), P.S.1 MoMA Long Island (05), International Center of Photography New York (07), Fundación Mapfre Madrid (14), C/O Berlin (16), MoMA New York (17).

Ca. 40 Publikationen/Bildbände u. a.: "Andy Warhol" (68), "The City" (71), "American Surfaces" (72, 99), "Uncommon Places" (82, 04), "The Gardens at Giverny: A View of Monet's World" (83), "The Velvet Years: Andy Warhols Factory 1965-67" (95), "Photographs 1973-93" (95), "Uncommon Places: The Complete Work" (04), "The Nature of Photographs" (07, dt. 09, "Das Wesen der Fotografie"), "A Road Trip Journal" (08), "Mose: a preliminary report" (11; Bildband), "Factory Andy Warhol 1965-1967" (16), "Transparencies. Small Camera works 1971-79" (20; Bildband), "American surfaces" (20; überarb. u. erw. Fass.), "Steel Town" (21; Bildband, mit einem Essay von Helen Epstein).

Auszeichnungen

Auszeichnungen: National Endowment for the Arts Grant (74, 79), Guggenheim Fellowship Foundation (75), American Academy in Rome Special Fellowship (80), MacDowell Colony (93), Aperture Award (05), Kulturpreis der Deutschen Gesellschaft für Fotografie (10), Ehrenmitgliedschaft bei der Royal Photographic Society (10), Master Photographer der Photo London (19), Lucie Awards (19).

Adresse

Internet: www.stephenshore.net

c/o Bard College, 30 Campus Road, Annandale Hudson, NY 12504-9800, U.S.A., Tel.: +1 845 758-7240, E-Mail: sshore@bard.edu, Internet: https://www.bard.edu/faculty/details/?id=804

c/o 303 Gallery, 547 W 21st Street, New York, NY 10011, U.S.A., Internet: www.303gallery.com.



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