Christian Kracht
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Internationales Biographisches Archiv
Ergänzt um Nachrichten durch MA-Journal bis KW
bis 1989 | Studium von Film und Literatur in den USA | |
1991 - 1996 | Redakteur bei "Tempo" | |
1995 | "Faserland" | |
06.1997 - 01.1998 | Asien-Korrespondent des "SPIEGEL" in Neu Delhi | |
1999 | "Tristesse Royal. Ein popkulturelles Quintett" | |
2000 | "Der gelbe Bleistift" (Reiseglossen) | |
2001 | "1979" | |
09.2004 - 06.2006 | Herausgeber der Literaturzeitschrift "Der Freund" | |
11.2006 - 10.2007 | Kolumnist der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" | |
2007 | "Metan" | |
2008 | "Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten" | |
2011 | "Five Years. Briefwechsel 2004-2009. Band 1: 2004-2007" | |
2012 | "Imperium" | |
2012 | Wilhelm-Raabe-Literaturpreis | |
2013 |
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2016 | "Die Toten" | |
2016 | Schweizer Buchpreis für "Die Toten" | |
2016 | Hermann-Hesse-Literaturpreis | |
10.2019 | Vorlass an das Deutsche Literaturarchiv Marbach | |
2021 | "Eurotrash" | |
2022 | Schweizer Literaturpreis für "Eurotrash" | |
30.03.2023 |
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2025 | "Air" |
Christian Kracht wurde am 29. Dez. 1966 in Saanen im Berner Oberland geboren und hat eine Schwester. Sein Vater war der Journalist und Verlagsmanager
K. besuchte 1971-1978 die John F. Kennedy International School in Saanen, danach die kanadische Lakefield College School in Ontario und ab 1980 die Schule Schloss Salem (Baden-Württemberg), ein Internatsgymnasium. 2018 machte er öffentlich, dass er als Zwölfjähriger am Jungeninternat in Lakefield von einem Schulpastor sexuell missbraucht worden war. Nach dem Abitur 1985 ging K. in die USA, wo er Film und Literatur studierte, zunächst am College of Liberal Arts der Pennsylvania State University und 1986-1989 am Sarah Lawrence College in Bronxville/New York. Anschließend absolvierte er ein journalistisches Volontariat beim deutschen Zeitgeist-Magazin "Tempo".
Journalist, Reiseautor und HerausgeberK. machte sich einen Namen als Redakteur bei "Tempo" (1991-1995), bevor sein Debütroman "Faserland" erschien (s. u.). 1996-1998 arbeitete er für das Hamburger Nachrichtenmagazin "DER SPIEGEL" und ging als Nachfolger des Indien-Korrespondenten Tiziano Terzani nach Neu-Delhi. Es folgte ein kurzes Intermezzo bei der Boulevardzeitung "B.Z." in Berlin - seiner Meinung nach "die schrecklichste Stadt der Welt" (TSP, 2.7.2000). Danach lebte er einige Jahre in Bangkok/Thailand und bereiste mehrere asiatische Länder. Seine Asien-Kolumne "Der gelbe Bleistift", die bis 1999 in der "Welt am Sonntag" erschien, kam im Folgejahr unter gleichem Titel als Buch heraus. Zuvor hatte K. mit Eckhart Nickel den Band "Ferien für immer. Die angenehmsten Orte der Welt" (1998) mit 60 Reise-Miniaturen veröffentlicht.
In der Anthologie "Mesopotamia" (1999) versammelte K. als Herausgeber 17 "ernste Geschichten am Ende des Jahrtausends" (Untertitel). Später erregte er Aufsehen als Herausgeber der Literaturzeitschrift "Der Freund" mit Sitz in Kathmandu/Nepal (Chefredakteur: Eckhart Nickel). Das Magazin erschien 2004-2006 in acht Ausgaben und erfuhr viel Anerkennung für seine aufwendige Gestaltung. Manche sahen darin ein Gegenprogramm zu einer immer hektischeren und dadurch austauschbaren Sicht auf die Welt, andere dagegen eher einen Versuch, "von ganz oben herab auf die Welt zu blicken" (vgl. TSP, 18.4.2006). Ab Nov. 2006 schrieb K. ein Jahr lang für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" die Kolumne "Brief aus ..." (bzw. "Gespräch mit ..."), die sich nach eigenen Worten mit der "Selbstreferenzialität" beschäftigte (FAZ, 20.10.2007).
Erste RomaneAls umstrittener "Kultroman" wurde K.s Debütwerk "Faserland" von 1995 rezipiert, worin ein schnöseliger, namenloser Ich-Erzähler durch Deutschland reist und seine Gedanken über Partys, Markenklamotten, Konsum, innere Leere und Lebenslangeweile mitteilt. Das Buch, das einige Rezensenten als platt und oberflächlich kritisierten, war für andere ein Schlüsselbeitrag zur deutschsprachigen "Popliteratur" der 1990er Jahre (eine von K. abgelehnte Bezeichnung), ein Werk über die Wohlstandsverwahrlosung der 20- bis 30-Jährigen und das "spezielle Null-Bock-Syndrom" jener Generation, wie es in einer Kritik hieß (FR, 18.12.1995). Literaturwissenschaftler diskutierten den Roman auch als "Anti-Bildungsroman", der die postmoderne Variante einer scheiternden Identitätssuche thematisiere, und revidierten den Vorwurf der Trivialität anhand der zahlreichen intertextuellen Verweise auf Literaturklassiker, u. a. von
In K.s zweitem Roman "1979" (2001) erzählt ein deutscher Innenausstatter von den Wirren der Islamischen Revolution im Iran. Der homosexuelle Protagonist verliert seinen zynischen Partner, reist zu einer Pilgerfahrt nach Tibet und landet später in einem chinesischen Arbeitslager, wo er durch seinen Verzicht auf Individualität überlebt.
Der Roman "Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten" (2008), den K. als Schlussteil eines Triptychons (mit "Faserland" und "1979") bezeichnete, entwirft einen alternativen Verlauf der Weltgeschichte seit dem Ersten Weltkrieg. Demnach hat
"Imperium" und LiteraturstreitK.s Roman "Imperium" (2012) erzählt in der Sprache der wilhelminischen Zeit von einer historisch verbürgten Figur, dem Nürnberger Nudisten und lebensreformerisch beseelten Radikal-Vegetarier August Engelhardt, der 1902 auf eine Südseeinsel auswandert, dort einen Kokosnuss-Orden gründet und im Wahnsinn endet. Dieser Kolonial-Roman polarisierte die Fachkritik: Erkannten die einen darin eine "furiose Satire auf deutsche Ermächtigungsphantasien" und ein "hochartistisches, auch manieriertes Erzählexperiment" (SZ), so sprachen andere von "grauenhaftem Rollenprosakitsch" und "gedrechseltem Quatsch" (FR; jew. 16.2.2012). Eine vehemente Feuilleton-Debatte löste ein SPIEGEL-Beitrag von Georg Diez aus (13.2.2012), der K. als "Türsteher" rechten Gedankenguts bezeichnete und ihm bzw. dessen Werk eine "rassistische Weltsicht" und "totalitäres Denken" unterstellte. Diez bezog sich hierbei nicht nur auf den Roman, sondern auch auf den 2011 veröffentlichten, bislang unbeachteten Briefwechsel K.s mit dem umstrittenen US-Dirigenten David Woodard ("Five Years"), in dem die beiden sich u. a. über die gescheiterte Arier-Exklave Nueva Germania in Paraguay oder Nordkoreas Diktator
"Die Toten"2016 legte K. mit "Die Toten" eine weitere "Historien-Farce" (FAZ, 3.9.2016) vor, eine wilde Mischung aus Geschichte und Fiktion über die Welt der frühen 1930er Jahre am Vorabend des Totalitarismus. Der mit Gewalt gespickte Plot kreist um eine fiktive cinematographische Verbindung zwischen Berlin und Tokio im Jahr 1933; unter den Romanfiguren sind auch reale Personen wie
Poetik und Trauma: Als K. 2018 die Frankfurter Poetikvorlesungen hielt, thematisierte er erstmals öffentlich seine Missbrauchserfahrung als Internatsschüler in Kanada. Da seine Eltern ihm dies nicht geglaubt hätten, habe er selbst lange gedacht, es sei Einbildung gewesen, bis er 2017 auf Berichte früherer Mitschüler gestoßen sei, die Ähnliches erlebt hätten. K. erinnerte sich auch an "kryptofaschistische" Straf- und Regelsysteme an jener Schule. Spuren des verschütteten Traumas entdeckte er schließlich im eigenen Romanwerk, das von ausschweifend unbarmherzigen, mitleidslosen Figuren bevölkert sei und ihm als Autor den "widersinnigen Vorwurf" eingebracht habe, ein Faschist zu sein - was er mit hörbarem Groll vortrug (vgl. SPON, 16.5.2018; TA, 18.5.2018). K. sprach zudem über sein zwiespältiges Verhältnis zur deutschen Sprache ("der Sprache
"Eurotrash"An "Faserland" knüpft K.s Roman "Eurotrash" (2021) an, worin der Ich-Erzähler, der diesmal den Namen des Autors trägt, seine senile, psychisch kranke Mutter in Zürich besucht und mit ihr zu einer letzten Reise aufbricht. Zur Sprache kommen hierbei die Tabletten- und Alkoholsucht der Mutter, deren Missbrauchserfahrung als Kind, die NS-Verstrickung ihres Vaters, das Aufsteigertum ihres Ehemannes und weitere dunkle Ecken der Familiengeschichte. Viele Rezensenten lasen den streckenweise auch mit szenischer Komik aufwartenden Roman als autobiographisch grundiert, betonten aber, dass man es wiederum mit einem "unzuverlässigen Erzähler" zu tun habe (SPIEGEL, 27.2.2021) bzw. einem Autor der "literarischen Avantgarde, in der es keine Eindeutigkeiten gibt" (ZEIT, 4.3.2021). "Grausam und schön" nannte der Cicero (4/2021) den Roman. "So virtuos" wie K. verwische keiner die Grenzen zwischen Dichtung und Wahrheit, urteilte die Neue Zürcher Zeitung (4.3.2021). Denkbar erschien auch eine Deutung als "Parodie auf die Mode des autobiographischen Schreibens" (FAZ, 13.3.2021). "Eurostrash" stand 2021 auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis und wurde für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert; K. erhielt für dieses Werk 2022 einen weiteren Schweizer Literaturpreis. Ebenfalls 2022 wurde K. mit dem Wolfgang-Koeppen-Preis für Literatur der Universitäts- und Hansestadt Greifswald ausgezeichnet.
FilmeMit seiner Frau, der Dokumentarfilmerin Frauke Finsterwalder, schrieb K. das Drehbuch zum Spielfilm
BühnenadaptionenMehrere Romane K.s wurden für das Theater adaptiert und von namhaften Regisseuren auf die Bühne gebracht, so etwa "1979" von
K. ist seit 2007 mit der deutschen Filmemacherin Frauke Finsterwalder verheiratet. Nach der Heirat lebte das Paar mehrere Jahre in Buenos Aires (Argentinien), 2014 zog K. mit seiner Frau und der gemeinsamen Tochter Hope nach Los Angeles. Später lebte die Familie zeitweise in Indien und ab 2020 in der Schweiz. 2019 übertrug K. dem Deutschen Literaturarchiv Marbach sein privates Archiv als Vorlass.
Werke u. a.: Romane: "Faserland" (95), "1979" (01), "Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten" (08), "Imperium" (12), "Die Toten" (16), "Eurotrash" (21). Reisebücher: "Ferien für immer" (98; m. E. Nickel), "Der gelbe Bleistift" (00), "New Wave" (06), "Die totale Erinnerung. Kim Jong IIs Nordkorea" (06; Bildbd.; m. E. Munz u. L. Nikol), "Gebrauchsanweisung für Kathmandu und Nepal" (09; m. E. Nickel). Sonstiges: "Tristesse Royal. Ein popkulturelles Quintett" (99; m. and.), "Metan" (07; m. I. Niermann), "Five Years. Briefwechsel 2004-2009" (11; Bd. 1; m. D. Woodard). Als Hrsg.: "Mesopotamia" (99). Hörbuch: "Das Sobhraj Quartett. Asiatische Reisenotizen" (04; m. E. Nickel). An weiteren Hörbüchern war K. als Sprecher beteiligt, u. a. "Liverecordings" (99) mit Auszügen aus dem Stuckrad-Barre-Roman "Soloalbum".
Drehbuch:
30. März 2023: Kinostart (D):
2025:
Literatur u. a.: Johannes Birgfeld, Claude D. Conter (Hrsg.): "Christian Kracht. Zu Leben und Werk" (07), Matthias N. Lorenz, Christine Riniker (Hrsg.): "Christian Kracht revisited. Irritation und Rezeption" (18), Stefan Bronner, Björn Weyand (Hrsg.): "Christian Krachts Weltliteratur" (18), Heinz Drügh, Susanne Komfort-Hein (Hrsg.): "Christian Krachts Ästhetik" (19).
Auszeichnungen u. a.: Axel-Springer-Preis (93), Bronzener Nagel des ADC (06), LeadAward in Gold (06), Phantastik-Preis der Stadt Wetzlar (09), Wilhelm-Raabe-Preis (12), Preis der Deutschen Filmkritik (13), Hermann-Hesse-Literaturpreis (16), Schweizer Buchpreis (16), Schweizer Literaturpreis (22), Wolfgang-Koeppen-Preis (22).
c/o Verlag Kiepenheuer & Witsch, Bahnhofsvorplatz 1, 50667 Köln, Tel.: 0221 37685-0, E-Mail: verlag@kiwi-verlag.de, Internet: www.kiwi-verlag.de
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