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Fritz Schösser

Fritz Schösser

deutscher Gewerkschaftsfunktionär; Vorsitzender des DGB Bayern (1990-2010); SPD
Geburtstag: 24. Juni 1947 Töging am Inn
Todestag: 28. Mai 2019
Nation: Deutschland - Bundesrepublik

Internationales Biographisches Archiv 18/2010 vom 4. Mai 2010 (gi)
Ergänzt um Nachrichten durch MA-Journal bis KW 22/2019


Blick in die Presse

Herkunft

Friedrich (Fritz) Schösser, wurde 1947 in Töging am Inn geboren. Sein Vater war Betriebsrat in einem Energieversorgungsunternehmen.

Ausbildung

Sch. besuchte die Schulen und machte nach der mittleren Reife 1961-1967 bei der Innwerke AG in Töging eine Ausbildung zum Industriekaufmann. 1962 trat er in die Gewerkschaft ÖTV ein.

Wirken

Die Berufstätigkeit begann Sch. in seinem Ausbildungsbetrieb und engagierte sich nebenher in der Gewerkschaft. Er stieg vom Vorsitz der ÖTV-Jugendvertretung bei den Innwerken (1963-1966) über den DGB-Kreisjugendausschuss in Mühldorf/Altötting (1965-1967) und den ÖTV-Kreisvorstand Rosenheim (1965-1967) zum Mitglied der Großen Tarifkommission für den Bereich der Privaten Energie und des Betriebsrats bei den Töginger Innwerken auf und wurde nach Fortbildungslehrgängen in der Heimvolkshochschule Hustedt 1969 Vorsitzender des DGB-Landesjugendausschusses und Mitglied im DGB-Landesvorstand Bayern. Zudem war er nach einem Jahr Assistenz an der ÖTV-Bundesjugendschule in St. Andreasberg/Harz 1968/1969 Jugendbildungsreferent bei der ÖTV-Bezirksverwaltung in Düsseldorf.

1970 übernahm Sch. als Bezirkssekretär beim ÖTV-Landesbezirk Bayern die Verantwortung für die Bereiche Jugend, Schule, Bildung und Berufliche Bildung und anschließend 1979 die Geschäftsführung des DGB-Bildungswerks Bayern. 1982 wurde Sch. schließlich hauptamtliches Vorstandsmitglied des DGB-Landesbezirks Bayern und einer der zwei Stellvertreter des bayerischen DGB-Chefs. Acht Jahre später löste er im Febr. 1990 den nicht mehr kandidierenden, langjährigen Landesvorsitzenden des Deutschen Gewerkschaftsbundes in Bayern, Jakob Deffner, ab. Von ihm, der als sein Mentor galt, hatte das SPD-Mitglied Sch. zwei Jahre zuvor bereits den AfA-(Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen)-Landesvorsitz übernommen und danach als unangefochtener Kronprinz von Deffner gegolten. Bei seiner Wiederwahl im Afa-Vorsitz der bayerischen SPD bekam Sch. im Jan. 1992 91 % der Stimmen und mit der SPD-Bundestagsabgeordneten Ulrike Mascher eine gleichberechtigte Partnerin an der AfA-Spitze zur Seite gestellt.

Bei der bayerischen Landtagswahl von 1994 kam der im Münchner Wahlkreis 108 (Hasenbergl-Moosach-Feldmoching) nominierte Sch. erstmals ins Parlament, wo er vor allem auf dem Gebiet der Arbeitsmarktpolitik Profil zeigte und wegen seines guten Einvernehmens mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber von der SPD-Landtagsfraktion sowie seiner Gewerkschaft mitunter kritisch beäugt wurde. So missbilligten die Gewerkschaftskollegen, dass er in dieser Legislaturperiode neben dem Ministerpräsidenten auch den Wirtschaftsminister Otto Wiesheu und die Sozialministerin Barbara Stamm als "Lichtgestalten" lobte, auch wenn die Aussage nicht frei von Ironie schien, und als gern gesehener Gast in der Staatskanzlei ein und aus ging, während seine Fraktionskollegen ihm ankreideten, in den Sitzungen zu wenig präsent und im Denken zu wenig konventionell zu sein. Vor dem Hintergrund des angestrebten Bundestagsmandats erklärte Sch. bereits frühzeitig im Jan. 1997 seinen Verzicht auf eine weitere Kandidatur im Münchner Landtagswahlkreis und gewann dank des sicheren Listenplatzes 19 für die bayerische SPD bei der Bundestagswahl 1998 ein Mandat in Bonn. Vergessen war damit seine als "deutlicher Denkzettel" gewertete Wiederwahl zum DGB-Chef in Bayern mit nur mehr 83 % Zustimmung (3/1998) und sein mit 113 Ja- und 86-Neinstimmen schlechtestes Nominierungsergebnis bei der SPD-Bundestagskandidatenkür im Dez. 1997. Der als "durchsetzungsstark" beschriebene Gewerkschafter sah laut Süddeutscher Zeitung (15.12.1997) "keinen Grund, sich zu beschweren", zumal der Bonner SPD-Fraktionsvize Otto Schily nur auf Platz 29 der Landesliste gesetzt worden war. Mit 40 % (+5,8) der Stimmen erzielte Sch. bei der Bundestagswahl vom Sept. 1998 in München-Ost ein respektables Ergebnis für die in Bayern nicht erfolgsverwöhnten Sozialdemokraten, die insgesamt 34,4 % erreichten.

Auch in Bonn/Berlin stand der bodenständige Sch. rasch im Ruf, ein durchsetzungsstarker Interessenvertreter und dennoch unkonventioneller Denker zu sein, der in Bayern mit Stoiber ein "Bündnis für Arbeit" zustande gebracht hatte. Sch. arbeitete im Finanzausschuss und Ausschuss für Gesundheit mit, war stellvertretendes Mitglied des Ausschusses für Wirtschaft und Technologie sowie des Ausschusses für Arbeit und Sozialordnung und gehörte der Enquêtekommission "Demographischer Wandel" an. In der Legislaturperiode nach der Bundestagswahl vom 27. Sept. 2002 fiel er vor allem durch seinen wortgewaltigen Widerstand gegen die von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) im März 2003 verkündete Reformagenda 2010 auf und gehörte zu den ersten Unterzeichnern des internen Begehrens "Wir sind die Partei". Grundsätzlich sah der laut Süddeutscher Zeitung (30.5.2003) "Agenda-Rebell" im Reformprogramm des Bundeskanzlers eine "Kehrtwende" weg vom SPD-Wahlprogramm 2002 und dem vorangegangenen "gültigen Parteitagbeschluss" und verweigerte deshalb im Herbst 2003 dem Kanzler auch bei der Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe (Hartz-IV) die Gefolgschaft.

Nach weiteren Protesten am Kurs der rot-grünen Bundesregierung, der nach Sch.s Ansicht weder in der Arbeitsmarktpolitik noch im Bereich soziale Gerechtigkeit Konturen zeigte, kündigte Sch. im Juni 2004 an, nicht mehr für den Bundestag 2006 kandidieren, wohl aber in der Partei bleiben zu wollen. Folgerichtig schloss er auch aus, dem neuen Linksbündnis Arbeit & soziale Gerechtigkeit - Die Wahlalternative enttäuschter Genossen beizutreten, das bei der Landtagswahl von Nordrhein-Westfalen (22.5.2005) seine erste Bewährungsprobe hatte. Bayerns IG-Metall-Chef Werner Neugebauer zeigte Verständnis für Sch.s Verzicht auf ein Mandat in Berlin und sagte laut Süddeutscher Zeitung (23.6.2004), "Schösser habe sein Selbstverständnis, Gewerkschafter innerhalb der SPD zu sein, nicht Sozialdemokrat in den Gewerkschaften, immer konsequent durchgehalten und meinte, dass die ihm deshalb zugemuteten "inneren Zerreißproben" "alles andere als beglückend" gewesen wären."

2006 als DGB-Landesvorsitzender in Bayern wiedergewählt präsentierte sich Sch. auch weiterhin als gleichermaßen streitbarer wie unabhängiger Vertreter des Arbeitnehmerlagers. Seine anhaltende Kritik an den aus Gewerkschaftssicht neoliberalen Verirrungen der SPD, zu denen auch die Verschiebung des Renteneintrittsalters auf 67 und die unter der Großen Koalition aus Union und SPD unter Kanzlerin Angela Merkel (CDU) verabschiedete Gesundheitsreform zählten, trug wenig dazu bei, das Verhältnis zwischen Bayerns SPD und der DGB-Spitze zu entspannen. Der schwelende Konflikt war kurzzeitig sogar eskaliert, als Sch. drei bayerische SPD-Abgeordnete 2007 als Redner bei Mai-Kundgebungen kurzerhand wieder ausladen ließ, weil diese der Gesundheitsreform und der Rente mit 67 zugestimmt hatten. Dieser Schritt hatte auch innerhalb der Gewerkschaften für Irritationen gesorgt. Ein Austritt aus der SPD, der er seit seiner Jugend angehörte, stand für Sch. aber offenbar nie zur Diskussion.

Dagegen pflegte Sch. immer wieder gute Arbeitsbeziehungen zur Führung der CSU. Im Jan. 2010 setzte Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) eine "Sozialkommission" ein, die als Beratungsorgan des Regierungschefs für mehr soziale Gerechtigkeit im Freistaat sorgen sollte. Die Leitung übertrug er Sch. Bereits Mitte 2009 hatte Sch. erklärt, im Febr. 2010, nach 20 Jahren Amtszeit, nicht mehr für den Vorsitz des DGB Bayern zu kandidieren.

Familie

Sch. starb am 28. Mai 2019 im Alter von 71 Jahren. Er war verheiratet und hatet zwei Kinder. Privat entspannte er sich beim Krimi-Lesen und Kochen.

Mitgliedschaften

Mitgliedschaften und Mandate: Mitglied im Kuratorium der Ludwig-Maximilians-Universität München (ab 1998) , im BR-Rundfunkrat (ab 1990), im Beirat der Landeszentralbank (ab 1993), im Kuratorium des Max-Planck-Instituts für Biochemie (ab 1995), im Koordinierungsrat des Deutsch-Tschechischen Gesprächsforums (ab 1998), im Aufsichtsrat der Zahnradfabrik Passau (ab 1993), im Vorstand Technologie- und Innovationsberatung Bayern/TIBAY (ab 1999), im Präsidium AUPU (ab Dez. 2000), sowie alternierender Vorsitzender des Verwaltungsrats des AOK-Bundesverbands und des Verwaltungsrats der AOK Bayern (ab 2002) und Mitglied im Verwaltungsrat des Spitzenverbandes der Gesetzlichen Krankenversicherung. 1984-2006 fungierte er zudem als alternierender Vorsitzender der Landesversicherungsanstalt (LVA) Oberbayern.



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