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Radka Denemarková

tschechische Schriftstellerin, Übersetzerin und Journalistin; Dr. phil.
Geburtstag: 14. März 1968 Kutná Hora
Nation: Tschechische Republik

Internationales Biographisches Archiv 40/2022 vom 4. Oktober 2022 (hr)
Ergänzt um Nachrichten durch MA-Journal bis KW 51/2023


Blick in die Presse

Herkunft

Radka Denemarková wurde am 14. März 1968 in Kutná Hora rd. 70 km östlich von Prag geboren.

Ausbildung

D. studierte an der Prager Karls-Universität Germanistik und Bohemistik.

Wirken

Nach ihrer Promotion 1997 war sie am Institut für Tschechische Literatur der Akademie der Wissenschaften und zudem als beratende Dramaturgin des Theaters Divadlo Na zábradlí, dem künstlerischen Zufluchtsort von Dissidenten wie Václav Havel vor 1989, tätig. Ab 2004 arbeitete sie als freischaffende Autorin und Journalistin. Neben ihren Romanen schrieb sie Sachbücher, Kritiken und Essays, übersetzte deutsche Literatur ins Tschechische, u.a Werke wie "Die Atemschaukel" und "Herztier" von Herta Müller oder den Roman "Lea" von Pascal Mercier. Sie arbeitete als Beraterin für deutsche Sprache u. a. bei Fernsehreportagen und gab als Dozentin Kurse in kreativem Schreiben.

D. gilt als eine der wichtigsten zeitgenössischen Schriftstellerinnen und politisch profilierten Stimmen in Tschechien. Sie setzte sich in ihren Büchern mit historischen Themen und deren Verdrängung als "Tschechische Nachkriegsmythen" (DIE WELT, 18.1.2022), wie die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg und Antisemitismus ("Ein herrlicher Flecken Erde", 2009) auseinander. "Meine Bücher", so D. über ihr Selbstverständnis als Autorin, "sind Gleichnisse für die Auseinandersetzung mit der Geschichte meines Landes" (zit. n. DIE WELT, 13.2.2010).

Kritische politische BeobachterinDie überzeugte Europäerin positionierte sich in zahlreichen Veröffentlichungen auch als scharfsichtige Kritikerin der politischen Verhältnisse in Tschechien, das sie wie viele Länder in Osteuropa politisch als "unreifes Land" bezeichnete (vgl. WELT-Interview, 26.6.2019: "Osteuropa hat vom Westen praktisch nur Konsumverhalten gelernt"). Sie beklagte die EU-Skepsis, einen Nationalismus, der "monströse Formen" annehme (Deutschlandfunk Kultur, 16.5.2019), und die Sehnsucht nach einem starken Führer in der Manier eines Andrej Babiš (tschechischer Premier 2017-2021; vgl. SZ, 7.5.2019). Babiš' autoritäre Machtausübung, die Beeinflussung der Medien und Korruptionsaffären lösten 2019 allerdings auch Massendemonstrationen aus wie seit der "samtenen Revolution" 1989 nicht mehr. D. erkannte darin vor allem das Aufbegehren einer Zivilgesellschaft der jungen Menschen. "(Sie) … haben es satt, dass über Europa nur noch die reden, die es schlecht reden" (Deutschlandfunk, ebd.).

Werke zu düsteren ThemenNach ihrem Romandebüt "Dreht euch nicht um" (2005) folgte ein Jahr später 2006 D.s Roman "Ein herrlicher Flecken Erde" (im Original: "Geld von Hitler", dt. 2011), der mit dem wichtigsten tschechischen Literaturpreis Magnesia ausgezeichnet wurde. D. verknüpfte in der Hauptfigur der Jüdin und Überlebenden des Holocaust, Gita, die als deutsch Sprechende nach dem Krieg zudem aus dem Dorf vertrieben wurde, zwei über Jahrzehnte hinweg tabuisierte Themen: den Antisemitismus und die Vertreibung der Deutschen (Beneš-Dekrete 1945). "Die Abneigung gegen die Wahrheit" habe Tschechien nach D.s Auffassung zu einem "tragischen Land" gemacht, das den Beitrag der jüdischen und deutschen Kultur verschweige (DIE WELT, 13.2.2010). Diese "Doktrin des Verdrängens" führt D. im Roman anhand der Reaktionen der Dorfbevölkerung vor: Als Gita 2005 mit 76 Jahren zurück kehrt, wird sie erneut diffamiert und aus dem Dorf vertrieben.

Auch als Dramatikerin und Expertin für das tschechische Avantgarde-Theater machte sich D. einen Namen. 2008 erschien ihr Buch über den Regisseur Petr Lébl ("Tod, du wirst dich nicht fürchten: Die Geschichte über Petr Lébl"), 2010 wurde D.s schwarze Komödie "Schlafstörungen", in der u. a. Virginia Woolf und Sylvia Plath im Himmel über ihre Texte diskutieren, am Na zábradlí Theater aufgeführt.

Mit ihrem Roman "Ein Beitrag zur Geschichte der Freude" (dt. 2019) wandte sie sich einem weiteren düsteren Thema zu. Oberflächlich handelt es sich um einen Krimi. Die Aufklärung des Mordes an einem reichen Unternehmer führt den Ermittler zu drei alten Damen, die ein Archiv über sexuelle Gewalt an Frauen weltweit angelegt haben und Rache an Vergewaltigern nehmen. Ihre Motive und Vorgeschichten stehen im Mittelpunkt des, so die Neue Zürcher Zeitung (17.7.2019), "inhaltlich stachligen und formal virtuosen Buches". Der Krimi bilde dabei nur einen Vorwand "für sprachlich brillante und kompliziert verästelte Reflexionen über die universelle Gewalt gegen Frauen" (vgl. auch FAZ, 16.3.2019).

Ihre Erfahrungen aus mehreren Aufenthalten in der VR China verarbeitete D. in dem Roman "Stunden aus Blei" (2019, dt. 2022). Sie erzählt dabei aus unterschiedlichen Perspektiven von einer Überwachungsdiktatur, die zeige, "dass Kapitalismus und Totalitarismus einander nicht ausschließen, sondern eine eigentümlich perfekte Symbiose eingehen können" (br.Kultur.de, 7.1.2022). Kritisch nimmt D. ein v. a. von wirtschaftlichen Interessen geprägtes Verhältnis Tschechiens zur Volksrepublik in den Blick. Die Protagonistin, "die Schriftstellerin", reist nach Peking, um die Dimensionen der Überwachung und die Verfolgung von "Unumerziehbaren" auszuloten. Die Figuren des Romans haben keine Namen, sondern werden in ihrer Funktion als Freund, Anwalt, Diplomat, Programmierer, Mutter, junge Chinesin, Goldgräber, Geheimdienstler u. a. m. eingeführt, die jeweils auch eine entsprechende Haltung zur Diktatur repräsentieren. Ein tausend Jahre alter Kater kommentiert das Geschehen. D. sei "mit ihrem voluminösen Roman ein beträchtliches Wagnis eingegangen", befand DIE WELT (18.1.2022), der Roman sei "realistischer Hardcore-Bericht, Totenklage und poetische Rhapsodie (…) Allegorie unserer Zeit und gleichzeitig ausgefeilte Detail-Nuancierung". Auch die Neue Zürcher Zeitung (15.2.2022) unterstrich die Vielschichtigkeit des Textes als "ein Gewebe aus vielen Stimmen, die einander ins Wort fallen: philosophische und alltägliche, symbolische und realistische, erzählende und journalistische", sodass ein "polyfones, oft surreal anmutendes Schattenbild" entstehe. Der Roman wurde in 19 Sprachen übersetzt und in Taiwan veröffentlicht. China hatte D. bereits 2017 mit einem lebenslangen Einreiseverbot belegt.

Familie

D. lebt mit Tochter Ester und Sohn Jan in Prag.

Werke

Veröffentlichungen in deutscher Übersetzung u. a.: "Ein herrlicher Flecken Erde" (05; im Original: "Geld von Hitler", dt. 11), "Ein Beitrag zur Geschichte der Freude" (dt. 19), "Als wäre das alles gestern geschehen" (21; hrsg. v. Deutsch-Tschechischen Zukunftsfond, zweisprachig mit einem Essay von D. zum Holocaust), "Stunden aus Blei" (19; dt. 22).

Auszeichnungen

Auszeichnungen u. a.: Magnesia-Litera (07; für beste Prosa, "Ein herrlicher Flecken Erde"), Magnesia-Litera (09; bestes Sachbuch, "Tod, du wirst dich nicht fürchten: Die Geschichte über Petr Lébl"), Usedomer Literaturpreis (11; "Ein herrlicher Flecken Erde", m. Übersetzerin Eva Profousová), Georg Dehio-Buchpreis, Dt. Kulturforum östliches Europa (12; für "Ein herrlicher Flecken Erde"), WALD Press Award (16), Stadtschreiberin von Graz (17), H.C. Artmann Stipendium (19; "Ein Beitrag zur Geschichte der Freude"), Spycher. Literaturpreis Leuk (19; "Ein Beitrag zur Geschichte der Freude"), Magnesia Litera, Buch des Jahres (19; "Stunden aus Blei"), Literaturpreis des Landes Steiermark (22; "Stunden aus Blei").

Mitgliedschaften

13. November 2023: Die Mitgliederversammlung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung wählt Radka Denemarková zum neuen Mitglied.

Adresse

c/o Hoffmann und Campe Verlag, Harvestehuder Weg 42, 20149 Hamburg, Tel.: 040 44188-0, E-Mail: email@hoca.de, Internet: www.hoffmann-und-campe.de

E-Mail: info@denemarkova.eu, Internet: www.denemarkova.eu



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