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Michael Vesper

Michael Vesper

deutscher Politiker und Sportfunktionär; Vorstandsvorsitzender (2014-2017) bzw. Generaldirektor (2006-2014) des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB); Minister in Nordrhein-Westfalen (1995-2005); BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN; Dr. rer. soc.
Geburtstag: 6. April 1952 Köln
Klassifikation: Funktionärswesen, Galopprennen
Nation: Deutschland - Bundesrepublik
Erfolge/Funktion: Präsident des deutschen Galopprennsports (ab 2018)
Generaldirektor bzw. Vorstandsvorsitzender des
Deutschen Olympischen Sportbundes 2006-2017
ehemaliges Mitglied der Exekutive der Nationalen
Olympischen Komitees Europas (EOC)

Internationales Sportarchiv 32/2018 vom 7. August 2018 (wk)
Ergänzt um Nachrichten durch MA-Journal bis KW 37/2020


Michael Vesper, ehemals Minister in Nordrhein-Westfalen (NRW) und in den 1980er Jahren Geschäftsführer der Fraktion DIE GRÜNEN im Bundestag, sorgte im September 2006 mit seinem beruflichen Seitenwechsel für Schlagzeilen. So legte er seine politischen Ämter nieder, um als Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), dem neu entstandenen Dachverband des deutschen Sports, eine hauptamtliche Karriere als Sportfunktionär einzuschlagen. Thomas Bach, seinerzeit DOSB-Präsident und 2013 dann zum Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) gewählt, sah in Vesper "einen Statthalter, der die Verbindungen zum politischen Berlin aufrechterhalten" (FAZ, 11.8.2012) sollte, vor allem um die finanzielle und materielle Basis des organisierten Sports in der Bundesrepublik abzusichern.

Dabei galt der mit Machtbewusstsein und guter politischer Vernetzung ausgestattete Vesper während seiner elf Jahre beim Dachverband als "der starke Mann in der DOSB-Zentrale", wie etwa die Süddeutsche Zeitung (30.3.2016) über den mehrfachen deutschen "Chef de Mission" bei Olympischen Spielen schrieb. Seit Dezember 2014 nach der Strukturreform des Verbandes als Vorstandsvorsitzender des DOSB fungierend, gelang es ihm während seiner Amtszeit jedoch nicht, eine erfolgreiche Bewerbung deutscher Städte für Sommer- oder Winterspiele zu realisieren. Zu Konflikten kam es auch z. B. auf dem Gebiet des rechtlichen Umgangs mit Top-Athleten und den vom DOSB geforderten Schiedsgerichtsvereinbarungen zwischen Athleten und Verbänden. Nach seinem altersbedingten Ausscheiden als DOSB-Vorstandschef Ende 2017 fand er als Präsident des deutschen Galopprennsports eine neue Aufgabe.

Laufbahn

Studienzeit in Köln und BielefeldNach der Grundschule (1958-1962) besuchte Michael Vesper ab 1962 das humanistische Görres-Gymnasium in Düsseldorf, wo er 1970 sein Abitur ablegte. Anschließend studierte er (bis zur Zwischenprüfung im Okt. 1972) Mathematik in Köln sowie Soziologie an den Universitäten Köln und Bielefeld. Im Okt. 1976 erwarb Michael Vesper an der Universität Bielefeld das Diplom in Soziologie. Im Dez. 1982 promovierte er dort zum Dr. rer. soc. Forschungs- und Studienaufenthalte führten ihn in das südliche Afrika (insbesondere Namibia) und nach Mexiko. 1971/1972 war Michael Vesper stellv. Bundesleiter der "Katholischen Studierenden Jugend" (KSJ) und 1973-1974 Bundesleiter des KSJ-Hochschulringes.

Akademische Laufbahn Berufstätig wurde Vesper im Januar 1977 an der Soziologischen Fakultät der Universität Bielefeld. Bis Aug. 1983 war er dort Assistent des Dekans und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich Entwicklungspolitik. Nebenbei engagierte er sich auf Bundesebene im Entwicklungspolitischen Arbeitskreis der Evangelischen und Katholischen Jugend (AEJ und BDKJ), den er vier Jahre lang führte. Als erster Referent des Deutschen Bundesjugendringes nahm er an internationalen Konferenzen in Bukarest (1972), Berlin/DDR (1973), London (1976) und Bonn (1977) teil.

Politisches EngagementPolitisch engagierte sich Michael Vesper bereits Mitte der 1970er Jahre für die Umweltpolitik. Die von ihm gegründete Bunte Liste zog 1979 als eine der ersten bundesweiten alternativen Listen in den Bielefelder Stadtrat ein. Michael Vesper saß für diese Liste als sog. "sachkundiger Bürger" zwei Jahre im Bauausschuss des Rates. Im Dez. 1979 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern des NRW-Landesverbandes DIE GRÜNEN und im Jan. 1980 zu den Gründungsmitgliedern der Bundespartei DIE GRÜNEN. 1982/1983 fungierte er als einer der gleichberechtigten Sprecher/innen des Landesvorstands der NRW-GRÜNEN. Von 1983 bis 1990 war Michael Vesper dann Fraktionsgeschäftsführer der GRÜNEN-Bundestagsfraktion (ohne selbst Mitglied des Bundestages zu sein).

Von Bonn wechselte Michael Vesper 1990 zurück nach Düsseldorf, wo er bei der Landtagswahl ein Abgeordnetenmandat für die Grünen gewann. Michael Vesper wurde zum Parlamentarischen Geschäftsführer und wurde damit gleichzeitig auch in den zweiköpfigen Fraktionsvorstand gewählt. Für den "Realo" Vesper besaßen Ökologie und Bürgerrechte das Primat in der Politik. Nach Ansicht der Süddeutschen Zeitung (9.7.1990) hatte Michael Vesper das "Zeug, zum 'Promi' der Fraktion zu werden". Die Stuttgarter Zeitung stellte im Jan. 1993 fest, Vesper habe sich in der Düsseldorfer Politik Respekt verschafft.

Stellvertretender NRW-Ministerpräsident Nach der Landtagswahl vom 14. Mai 1995 kam es zu Koalitionsverhandlungen zwischen der SPD und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN. Michael Vesper hatte als Verhandlungsführer der Grünen maßgeblichen Anteil am Zustandekommen der rot-grünen Regierung unter Ministerpräsident Rau und kam als Minister für Bauen und Wohnen sowie als stellv. Ministerpräsident in das Kabinett. Als Krisenmanager im Hintergrund bewährte sich Vesper bei den koalitionsinternen Kontroversen in der Verkehrs- und Energiepolitik, an denen das rot-grüne Bündnis mehrmals zu scheitern drohte. Nach dem Wechsel im Ministerpräsidentenamt von Rau zum bisherigen Wirtschafts- und Finanzminister Clement und einer Kabinettsreform blieb Michael Vesper in der verkleinerten rot-grünen Landesregierung weiterhin stellv. Ministerpräsident und Minister für Bauen und Wohnen.

Als Ergebnis der NRW-Landtagswahl vom 14. Mai 2000 kam es nach intensiven Verhandlungen zur Fortsetzung der rot-grünen Landesregierung. Michael Vesper erhielt als Ressortchef (Städtebau und Wohnen) zusätzlich die Kompetenzen für Kultur und Sport. Auch in der rot-grünen Regierung, die im Nov. 2002 durch den Wechsel im Ministerpräsidentenamt von Wolfgang Clement zu Peer Steinbrück umgebildet wurde, gehörte Michael Vesper zu den Aktivposten. Er hatte wesentlichen Anteil daran, dass eine schwere Koalitionskrise im Sommer 2003 beigelegt werden konnte. Nach den Landtagswahlen vom 22. Mai 2005 mussten BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN in die Opposition. Michael Vesper wurde von seiner Fraktion für das Amt des Vizepräsidenten des Landtages benannt.

Wechsel in den Sport als DOSB-Generaldirektor Bei dieser Vita war es "eine Überraschung" (SZ, 19.9.2006), dass Michael Vesper vom Präsidium des im Mai 2006 aus der Fusion von Deutschem Sport-Bund (DSB) und dem Nationalen Olympischen Komitee (NOK) entstandenen Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) einstimmig zum Generaldirektor berufen wurde. Die Position war öffentlich ausgeschrieben worden. Michael Vesper, der sich als Minister in NRW große Verdienste bei der Gründung der nordrhein-westfälischen Sportstiftung und bei der (nicht von Erfolg gekrönten) Düsseldorfer Olympia-Bewerbung erworben hatte, begründete seine Bewerbung mit der Feststellung: "Der Sport ist die größte Bürgerinitiative in diesem Land mit einer enormen gesellschaftspolitischen Bedeutung auf allen wichtigen Gebieten, die im Moment diskutiert werden" (FR, 7.10.2006). Gesundheitsreform, Integrationsoffensive, Wertefragen oder Vorbildwirkung von Athleten – auf all diesen Feldern sei der Sport gefragt. "Das ist eine einmalige Chance, eine neue Organisation aufzubauen, das lässt man nicht ungestraft an sich vorüberziehen" (FR, 19.9.2006).

DOSB-Präsident Thomas Bach bezeichnete Michael Vesper als "ausgezeichneten Kenner des nationalen Sports, der mit seinem großen politischen Geschick und seinen Führungsfähigkeiten für die Position hervorragend geeignet ist" (DOSB Presse, 19.9.2006). Als Generaldirektor des DOSB war Michael Vesper, der auf alle politischen Ämter und Mandate verzichtete, zuständig für die Leitung der DOSB-Geschäftsstelle in Frankfurt/Main. Er hatte als einziger hauptamtlich Beschäftigter Sitz und Stimme im zehnköpfigen DOSB-Präsidium. Als seine wichtigste Aufgabe betrachtete es Michael Vesper, die innere Einheit des DOSB zu schaffen. "Angesichts der personellen Einsparungen, die mit der Fusion der Spitzenverbände verbunden sind, ist die politische Erfahrung Vespers (…) hilfreich", meinte die Frankfurter Rundschau (19.9.2006) und verwies dabei auf seine im Düsseldorfer Landtag sichtbar gewordenen Fähigkeiten, Verhandlungen unterschiedlicher Partner zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit zu bringen.

Eine eindeutige Position bezog der Generaldirektor im Hinblick auf das Dopingproblem. "Wir wollen, dass Sportler, die dopen, schnell und hart bestraft werden. Das leistet der Sport mit von einem auf den anderen Tag wirkenden Sperren." Diese Machtposition des Sports sei eindeutig. Schwierig werde es, wenn parallel zur Sportgerichtsbarkeit ein staatliches Ermittlungsverfahren eingeleitet werde, welches "nach zwei Jahren eingestellt wird oder gar zu einem Freispruch führt" (FR, 7.10.2006).

Erstmals "Chef de Mission" bei Olympia 2008 Bei den Olympischen Sommerspielen 2008 in Peking führte Michael Vesper die deutsche Mannschaft erstmals als "Chef de Mission". Der von verschiedenen Seiten erhobenen Forderung, aufgrund der Menschenrechtsverletzungen in China sowie der Unterdrückungspolitik der chinesischen Regierung gegenüber Tibet die Teilnahme deutscher Sportler an den Spielen abzusagen, trat er entgegen. Einen Boykott lehnte er ab, weil dieser "den Menschen nicht hilft und die Falschen bestraft, nämlich die Athleten" (FR, 27.7.2008). In die Kritik geriet er, als er versuchte, die chinesische Zensur des Internets mit der Sperrung rechtsradikaler Internetseiten in Deutschland auf eine Stufe zu stellen. Mit der sportlichen Bilanz der deutschen Athleten in Peking konnte Michael Vesper nicht wirklich zufrieden sein (41 Medaillen, davon 16 goldene). Es war die schlechteste Bilanz seit Barcelona 1992, den ersten Olympischen Sommerspielen nach der Wiedervereinigung.

Im DOSB profilierte sich Michael Vesper laut WELT Online (3.12.2010) an der Seite von Präsident Thomas Bach "als Türöffner und stringenter Verhandler". Gemeinsam hätten beide Funktionäre ihre Organisation "als Verhandlungspartner der Politik auf gefühlter Augenhöhe positioniert. In der Praxis sieht das so aus: Im Hintergrund zieht Bach die Strippen, an der Front, wo es knallt und raucht, arbeitet Vesper" (ebd.).

Streit um rechtlichen Umgang mit Athleten In Vorbereitung auf die Olympischen Winterspiele von 2010 in Vancouver sah sich der DOSB mit einem komplizierten Dopingverdacht konfrontiert. Die Eisschnellläuferin Claudia Pechstein, mit neun olympischen Medaillen, davon fünf goldene, die erfolgreichste deutsche Wintersportlerin, wurde des Blutdopings verdächtigt. Die Athletin war nicht bereit, die vom obersten internationalen Sportgerichtshof CAS ausgesprochene zweijährige Sperre zu akzeptieren und strebte eine strafrechtliche Klärung an. Im Zuge der Affäre kamen Stimmen auf, die ein staatliches Sportschutzgesetz forderten. Michael Vesper lehnte dies ab: es bestehe "die Gefahr zweier paralleler Rechtslagen", erklärte er (WELT, 31.12.2009). Niemand könne wollen, "dass man mit Sanktionen gegen dopende Sportler wartet", bis ein höchstrichterliches Urteil vorliege. Als im April 2014 das Landgericht München befand, "dass die Athletenvereinbarung, mit der sich Sportler und Sportlerinnen der Gerichtsbarkeit des Sports unterwerfen, ungültig sei, weil sie unter (…) Zwang zustande" kommt, ignorierte Vesper das Urteil (FAZ, 16.4.2014). Er riet den deutschen Sportverbänden, die Athleten "auch weiterhin zur Unterschrift unter die Schiedsgerichtsvereinbarungen zu drängen".

London 2012Bei den Olympischen Spielen 2012 in London erreichten die deutschen Athleten - mit Vesper als "Chef de Mission" - Platz sechs der Länderwertung und gewannen 43 Medaillen (elfmal Gold). Für Aufregung sorgte eine im Nachgang ans Licht gekommene, von DOSB, Bundesinnenministerium und Fachverbänden abgeschlossene Medaillen-Zielvereinbarung, die laut Vesper aber niemals "unsere konkreten Medaillenprognosen gewesen" seien (SZ, 13.8.2012): "Wir haben eine exzellente Bilanz vorzuweisen, aber reden nur noch über Zielvereinbarungen, das macht mich ratlos" (ebd.), so der deutsche Delegationsleiter.

Gescheiterte Olympiapläne für München 2018Das beachtliche Abschneiden der deutschen Athleten bei den vorangegangenen Winterspielen 2010 in Vancouver – gegenüber Turin 2006 hatte es eine leichte Verbesserung der Medaillenbilanz gegeben, in der Länderwertung aber war der Spitzenplatz an Gastgeber Kanada (mehr Goldmedaillen) gegangen – war einer der Gründe dafür gewesen, dass sich der DOSB und mit ihm die Stadt München nach dem Scheitern bei der Bewerbung um die Ausrichtung der Winterspiele für 2018 für eine erneute Bewerbung aussprachen. Die Enttäuschung bei Michael Vesper war dann groß, als sich bei einem Volksentscheid in den beteiligten vier bayerischen Gemeinden und Landkreisen im November 2013 die Mehrheit gegen eine Olympiabewerbung für 2022 entschied. "Das ist sehr bitter für den deutschen Sport, dass wir nicht die Chance bekommen haben, der Welt zu zeigen, wie man heutzutage nachhaltige Olympische Winterspiele veranstalten kann", betonte er (Hbg. Abl., 3.2.2014).

Er war über dieses Resultat vor allem auch deshalb so enttäuscht, weil der DOSB und die Organisatoren der Sportwelt hätten zeigen können, "dass man Winterspiele ohne Umweltzerstörung nachhaltig organisieren kann" (Hbg. Abl., 3.2.2014). Mit diesen Worten bezog sich Vesper, seit September 2013 Mitglied des Exekutivkomitees der Nationalen Olympischen Komitees Europas (EOC), vor allem auf die "ökologischen und finanziellen" Auswüchse der Spiele von Sotschi 2014, die darüber hinaus unter der beginnenden Krimkrise litten. Im gleichen Atemzug aber lobte Michael Vesper, wie 2012 auch 2014 "Chef de Mission" der deutschen Mannschaft, die "Sportanlagen, Atmosphäre und Durchführung der Spiele" in Sotschi (SZ, 8./9.3.2014). Die deutschen Athleten erkämpften dort insgesamt 18 Medaillen, darunter sechs goldene, rutschten aber in der Länderwertung auf Rang sechs zurück.

Rolle des Breitensports und mediale Fußball-Dominanz Kritiker warfen Michael Vesper eine angebliche Vernachlässigung des Breitensports und die Bürokratisierung bei der Organisation des Leistungssports vor (vgl. FAZ, 11.8.2012). In einem Interview mit der Stuttgarter Zeitung (7.12.2012) widersprach er aber entschieden der Aussage, "der Breitensport führt im DOSB ein Schattendasein". Trotz Ganztagsschulen, demografischem Wandel und verändertem Freizeitverhalten sei der Sportverein "kein Auslaufmodell". Die Zahl von seinerzeit über 27 Mio. DOSB-Mitgliedern, knapp ein Drittel der Gesamtbevölkerung, führte er als aussagekräftigen Beweis an. Michael Vesper verwies in diesem Zusammenhang auch darauf, dass sich der DOSB erfolgreich für eine Verbesserung der finanziellen Anerkennung der ehrenamtlichen Arbeit im Sportverein engagierte.

Kritisch äußerte sich Vesper wiederholt "zur Fernsehdominanz des Fußballs" (FAZ, 19.4.2012) in den öffentlich-rechtlichen Anstalten. Diese dürfe nicht "auf Kosten des übrigen Sports gehen", forderte er und fügte hinzu: "Wenn deutsche Sportler Weltmeister geworden sind, dann sollte man das in den öffentlich-rechtlichen Sendern sehen." Um auch den Randsportarten mehr Publicity zu ermöglichen, forderte er – ähnlich wie in Österreich –, "eine Art Phoenix-Kanal für den Sport einzuführen".

DOSB-Vorstandsvorsitzender nach Strukturreform Nach der Wahl von Thomas Bach zum Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) im September 2013 übernahm der bisherige Chef des Deutschen Ski-Verbandes, Alfons Hörmann, die DOSB-Präsidentschaft, ehe sich der Dachverband im Folgejahr einer Strukturreform unterzog. Diese wirkte sich auch auf die Rolle Vespers aus, der auf einer Mitgliederversammlung im Dezember 2014, auf der auch Hörmann wiedergewählt wurde, vom DOSB-Generaldirektor zum -Vorstandsvorsitzenden mit Verantwortung für das operative Geschäft aufrückte.

Hamburger Nein zu Olympia Mit Bach an der IOC-Spitze und der von ihm eingeleiteten neuen Politik bei der Ausrichtung Olympischer Spiele sah der DOSB die Zeit gekommen, noch einmal in die Offensive zu gehen. Doch auch ein dritter Versuch in der Ära Vesper, das Großereignis Olympische Spiele erstmals nach München 1972 wieder nach Deutschland zu holen, scheiterte. Mit Berlin und Hamburg stellten sich zwar zwei mögliche Kandidatenstädte für die Sommerspiele 2024 oder gegebenenfalls 2028 vor. Und auf der Basis von Meinungsumfragen und unter Beachtung nationaler und internationaler Kriterien legten sich das Präsidium des DOSB und die nationalen Sportverbände im März 2015 dann auch auf Hamburg fest, die wenige Tage später stattfindende außerordentliche Mitgliederversammlung des DOSB folgte dieser Empfehlung. Jedoch stimmten die Bürger der Hansestadt bei einem Referendum im Nov. 2015 mehrheitlich gegen eine Bewerbung. "Hamburg mit seinem kompakten und nachhaltigen Konzept in einer mittelgroßen Metropole hätte beim IOC sehr gute Chancen gehabt" (Hbg. Abl., 26./17.8.2017), meinte ein damals nach eigenen Worten "sehr niedergeschlagen aus Hamburg" (ebd.) abgereister Vesper rückblickend mit Bedauern.

Auch in Rio 2016 "Chef de Mission" Nach den umstrittenen Winterspielen von Sotschi 2014 führte Michael Vesper zum vierten Mal als "Chef de Mission" auch die 425 Athleten umfassende deutsche Olympiadelegation für Rio de Janeiro im Sommer 2016. Überschattet wurden die Spiele am Zuckerhut schon im Vorfeld von der Dopingproblematik. In dieser Sache verteidigte Vesper die Entscheidung des IOC, russische Athleten trotz der zuvor ans Licht gekommenen Belege für ein staatliches Doping-System nicht komplett von den Wettkämpfen auszuschließen. Mit 42 gewonnenen Medaillen belegte das deutsche Team im Medaillenspiegel Platz fünf.

Abschied als DOSB-Vorstandsvorsitzender Nachdem das DOSB-Präsidium im März 2016 den im September 2016 auslaufenden Vertrag mit Michael Vesper noch einmal bis Jahresende 2017 verlängert hatte, schied der dann 65-Jährige schließlich planmäßig aus Altersgründen als DOSB-Vorstandsvorsitzender aus. Seine Nachfolge übernahm die 47-jährige Veronika Rücker, bisherige Leiterin der Kölner DOSB-Führungsakademie. Als "Chef de Mission" bei Olympia beerbte ihn Dirk Schimmelpfennig, der dieses Amt erstmals bei den Winterspielen von Pyeongchang 2018 ausübte.

Bilanz seiner Amtszeit "In den DOSB brachte Vesper seine politische Beschlagenheit genauso ein wie einen bisweilen rauen Umgangston", zog der Tagesspiegel (1.12.2017) nach Vespers Rückzug Bilanz und konstatierte: "Vesper wich kaum einer Auseinandersetzung aus und konnte dadurch manches bewirken." Zu seinen Verdiensten wurde die ambitionierte Zusammenführung von NOK und DSB zum fusionierten DOSB gezählt. Am Ende seiner Dienstzeit seien jedoch, wie Beobachter kritisierten, auch noch wichtige Projekte offen: "Im Anti-Doping-Kampf wehrte sich der Sport verbissen gegen ein härteres Gesetz, wie es inzwischen in Kraft ist. Die Berater von Ernst & Young stellten dem Verband ein schlechtes Zeugnis aus. Und die angedachte Reform des Leistungssportes verliert sich im Dauerstreit zwischen DOSB und Bundesinnenministerium, dem wichtigsten Geldgeber", zählte die Süddeutsche Zeitung (1.12.2017) einige Punkte auf. Zudem platzten sämtliche unter seiner Ägide angestrebten Olympia-Pläne.

Die Spiele - "gleich ob Winter oder Sommer" - hätte Michael Vesper nach eigenen Worten zwar gerne nach Deutschland geholt. Dass dieses Vorhaben ohne Erfolg geblieben war, sei aber "nichts, was mir bis an mein Lebensende schlaflose Nächte bereiten wird" (pfaelzischer-merkur.de, 29.11.2017), so Vesper. Insgesamt blicke er "mit sehr positiven Gefühlen" auf seine Zeit in Diensten des DOSB zurück. So sagte er: "Ich habe den Seitenwechsel von der Politik zum Sport keine Sekunde lang bereut" (ebd.). Es sei "ein absolutes Privileg, mit dem Sport so eng auf Tuchfühlung zu sein" (Hbg. Abl., 26./27.8.2017). Sein persönliches Fazit lautete: "Es gibt immer befriedigende und unbefriedigende Situationen, aber insgesamt empfinde ich die elf Jahre als erfolgreich" (SZ, 1.12.2017). Zu seinem Führungsstil meinte er: "Natürlich bin ich nicht fehlerfrei und manchmal vielleicht zu ungeduldig. Aber Sie können in dieser Funktion nicht immer Everybody's Darling sein. Irgendwann müssen Sie ja oder nein sagen, und dann ist immer auch mal jemand enttäuscht" (ebd.)

Seinen Gegnern bleibe der als höchster hauptamtlicher Vertreter des deutschen Sports scheidende Vesper "als eloquenter, harter und ausdauernder Kämpfer in Erinnerung", wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung (4.12.2017) schrieb. Weiter stellte das Blatt fest, es gebe "ernstzunehmende Stimmen unter Gestaltern des Sports, die ihn als ersten Profi im DOSB-Geschäft beschreiben". Zwar bezeichneten Medien nach der engen Zusammenarbeit mit Bach das Verhältnis Vespers zu Präsidentennachfolger Hörmann als etwas wechselhafter - "aber in vielen Fragen" galt der machtbewusste Vesper "als der eigentlich starke Mann, der den Laden im Griff hat", wie die Süddeutsche Zeitung (30.3.2016) schrieb. Mit dem Abtreten des nicht unumstrittenen Vesper und der Personalie der sportpolitisch unerfahrenen Rücker - so spekulierten Beobachter - verbleibe im DOSB mit Präsident Alfons Hörmann nur noch ein Alphatier, und die hohe Sportpolitik laufe Gefahr, "zur One-Man-Show von Hörmann" (SZ, 1.12.2017) zu verkommen.

Präsident des deutschen Galopprennsports "Nach einer so intensiven Lebensphase ist es gut, sich nicht gleich in das nächste große Abenteuer zu stürzen. Ich lasse, was die Zukunft bringt, einfach mal auf mich zukommen" (Hbg. Abl., 26./17.8.2017), sagte der scheidende DOSB-Vorstandschef Michael Vesper über seine weiteren Pläne. Schon wenige Wochen nach seinem DOSB-Abschied hatte er dann jedoch bereits eine neue Aufgabe gefunden: Mitte März 2018 wählte ihn die Mitgliederversammlung des Direktoriums für Vollblutzucht und Rennen e. V. zu ihrem neuen Präsidenten - als Nachfolger des seit 2009 amtierenden Albrecht Woeste. "Ich freue mich über das große Vertrauen, das mir entgegengebracht wird, und auf die Aufgaben, die als Präsident des deutschen Galopprennsports auf mich zukommen" (german-racing.com, 14.3.2018), sagte Vesper bei seinem Amtsantritt bei dem unter der Dachmarke "GERMAN RACING" auftretenden Verband.

Informationen und Meldungen zum weiteren Fortgang der Karriere siehe Journal

Persönliches

Michael Vesper ist verheiratet mit der Journalistin Ferdos Forudastan, die ab September 2012 als Sprecherin von Bundespräsident Joachim Gauck fungierte. Das Ehepaar hat drei Kinder: Ramin (1997), Daria (1998) und Navid (2003). Darüber hinaus ist Michael Vesper Vater des 1980 geborenen Sohnes Daniel. Der Diplom-Soziologe, der 1982 zum Dr. rer. soc. promovierte, ist seit dem Jahr 2004 Dr. jur. h.c. der Fernuniversität Hagen. Der Hobby-Koch und Weinliebhaber (Südtiroler Weißburgunder) veröffentlichte u. a. die Bücher: "Misereor und die Dritte Welt" (1997), "Überleben in Namibia – Homelands und kapitalistisches Weltsystem" (1983).

Als Jugendlicher war Michael Vesper nach eigenen Worten ein "passionierter Tischtennisspieler" (WELT, 20.9.2006). Der als Anhänger der Fußballklubs Arminia Bielefeld und 1. FC Köln geltende Vesper versuchte sich als jugendlicher Freizeitkicker bei DJK TuSA 06 Düsseldorf. Bei einem Prominentenspiel Jahre später zog er sich einen Achillessehnenriss zu. Danach verlegte er seine sportlichen Aktivitäten auf das Laufen (Halbmarathon). In den 1980er Jahren lebte er in Bonn in einer Hausgemeinschaft, zu der auch der spätere Bundeskanzler Gerhard Schröder sowie die Ex-Ministerinnen Edelgard Bulmahn und Renate Schmidt gehörten. "Neben politischem Kalkül lernte ich, wie man ein Schnitzel richtig brät und was Gastfreundschaft bedeutet" (SZ, 30.9.2014), meinte er später einmal über diese Zeit.

Adresse

c/o Deutscher Galopp e.V., Rennbahnstraße 154, 50737 Köln, Tel.: 0221 7498-50, E-Mail: info@deutscher-galopp.de, Internet: www.german-racing.com

Karriere in Zahlen

Stationen:

1970: Abitur in Düsseldorf
1970 - 1972: Studium der Mathematik und Soziologie an der Universität Köln
1972 - 1976: Studium von Soziologie an der Universität Köln und Bielefeld; Abschluss als Dipl.-Soziologe
1977 - 1983 Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld
1979 - 1981: Sachkundiger Bürger im Bauausschuss der Stadt Bielefeld
1982: Promotion zum Dr. rer. soc.
1983 - 1990: Geschäftsführer der Fraktion DIE GRÜNEN im Bundestag
1990 -1995: Parlamentarischer Geschäftsführer der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN im Landtag von Nordrhein-Westfalen (NRW)
1995 - 2000: Stellv. Ministerpräsident von NRW, Minister für Bauen und Wohnen
2000 - 2005: Stellv. Ministerpräsident von NRW, Minister für Städtebau und Wohnen, Kultur und Sport
2004: Verleihung der Ehrendoktorwürde Dr. jur. h.c. durch die Fernuniversität Hagen
2005 - 2006: 2. Vizepräsident des Landtages von NRW, Sprecher des Sportausschusses des Landtages von NRW
2006 - 2014: Generaldirektor des DOSB
2013 - 2017: Mitglied des Exekutivkomitees der Nationalen Olympischen Komitees Europas (EOC)
12/2014 - 12/2017: Vorstandsvorsitzender des DOSB
seit 3/2018: Präsident des deutschen Galopprennsports

Journal

Ergänzungen aus MA-Journal. Die nachfolgenden Meldungen werden bei der nächsten redaktionellen Bearbeitung in den Text integriert.

7. September 2020: Die Mitgliederversammlung des Galopprennsport-Dachverbandes Deutscher Galopp e.V. wählt Michael Vesper einstimmig für eine weitere Amtszeit zum Vorstandspräsidenten.



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