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Hein Verbruggen

niederländischer Radsportfunktionär
Geburtstag: 21. Juni 1941 Helmond
Todestag: 14. Juni 2017 Leuven
Klassifikation: Funktionärswesen, Radsport (Funktionäre u.a.)
Nation: Niederlande
Erfolge/Funktion: Präsident des Internat. Radsportverbandes UCI
Mitglied des IOC

Internationales Sportarchiv 50/2000 vom 4. Dezember 2000 (ph)
Ergänzt um Nachrichten durch MA-Journal bis KW 24/2017


Hein Verbruggen, seit 1991 Präsident des Internationalen Radsportverbandes UCI, seit 1996 Mitglied des IOC, ist nach Ansicht verschiedener Beobachter einer derjenigen führenden Funktionäre des Weltsportes, die im Kampf gegen Doping eine verschwommene Position einnehmen. Obwohl der Radsport regelmäßig mit Dopingmeldungen konfrontiert wurde, erklärte Verbruggen in einem Online-Interview im März 1999 (www.mountainbike.co.nz/worldcup /uci/index.htm), dass es immer nur Journalisten seien, für die Doping von Interesse sei. Nach seiner Ansicht spiele Doping in der Radsportszene "keine" entscheidende Rolle. Die französische Polizei war in dieser Hinsicht anderer Meinung und nahm Verbruggen im Zusammenhang mit seiner Befragung zur Festina-Doping-Affäre während der Tour de France 1998 im Mai 1999 vorübergehend in Polizeigewahrsam.

Laufbahn

Den Namen Verbruggen sucht man in den Annalen der großen Radrennen und Radklassiker vergeblich. Hein Verbruggen, der in Helmond in der Nähe von Eindhoven aufwuchs, war in seinen Kinder- und Jugendjahren kein Radrennsportler. Die Schule habe Vorrang, diese Worte hatte sich der Junge von seiner Mutter immer wieder anhören müssen (WELT, 5.10.1999). Trotz dieser Restriktionen entwickelte Hein Verbruggen ein enges Verhältnis zum Radsport, das sich insbesondere in seiner Verehrung für den Italiener Fausto Coppi dokumentierte.

Nach Abschluss seiner beruflichen Ausbildung war Hein Verbruggen vier Jahre Regionaldirektor einer Gesellschaft in Belgien und danach sieben Jahre Verkaufsdirektor bei einem Nahrungsmittelkonzern. Ab 1975 arbeitete er als Selbstständiger im Bereich Finanz- und Marketingberatung. Seine Funktionärskarriere begann Verbruggen 1975 als Mitglied im holländischen Radsport-Verband. 1978 startete er seine internationale Karriere im damals noch bestehenden Profiverband FCIP, dessen Präsident er ab 1984 bis zur Auflösung und Verschmelzung mit der UCI im Jahre 1991 war.

Große Auswirkungen auf die Popularisierung des Radsports außerhalb der großen Rundfahrten hatte der unter Verbruggens Federführung 1989 ins Leben gerufene Weltcup. In einem Interview mit dem Züricher Sport (2.11.1990) erklärte er voller Zufriedenheit: "Wir haben expandiert in dem Sinn, dass wir an neuen Orten Rennen veranstaltet haben. Und wir haben das Niveau der Veranstaltungen deutlich erhöht." Es sei notwendig, so führte er weiter aus, dass der Profiradsport seine Rolle neu definiere: "Soll der Profiradsport nur für sich selber, oder soll er dem gesamten Radsport dienen?" Für ihn, so beantwortete Verbruggen die selbst gestellte Frage, sei nur "die zweite Variante sinnvoll". Der Weltcup sei "das spektakuläre Element, ein Klassement, das nicht nur für die Athleten, sondern auch für den Zuschauer spannend und wichtig ist". Der Sport attestierte ihm, dass er, was die Verbreiterung des Rennsportkalenders anbelangte, ohne Zweifel sehr erfolgreich gewesen sei.

1991, damals noch Präsident des FICP, trat Verbruggen mit dem Vorschlag an die Öffentlichkeit, die großen Rundfahrten Vuelta (Spanien), Giro (Italien) und Tour (Frankreich) zeitlich gesehen neu im Jahr zu verteilen. "Momentan ist die Saison nach der Tour de France doch ziemlich flau - außer der WM und einigen Weltpokalrennen geschieht nichts mehr" (isk, 18.3.1991). Zum Bahnradsport vertrat Verbruggen über Jahre hinweg eine ziemlich destruktive Position. "Ich habe nichts gegen den Bahnradsport, so zum Zuschauen gefällt er mir sogar. Aber ich sehe, dass er nicht mehr populär ist, dass nicht die Bahn der Ort ist, wo man den Leuten Radsport näher bringen und ihn spektakulär machen kann. Der Bahnradsport ist ein krankes Kind, zu krank, um darin noch zu investieren" (Sport, 2.11.1990).

Als Verbruggen im Herbst 1991 per Akklamation als einziger Kandidat von 34 nationalen Verbänden zum neuen Präsidenten der UCI bestimmt wurde, hatte er sich von dieser Haltung aber verabschiedet. Denn neben seinem Hauptanliegen, der Auflösung der organisatorischen Trennung von Amateuren und Profis, wollte er sich dafür stark machen, dem Bahnradsport bei Olympischen Spielen "mehr Gewicht" (Schw. Z., 30.11.1991) zukommen zu lassen. Verbruggen schwärmte vor allem von der Volksverbundenheit seiner Sportart. "Radsportler sind für andere fassbar - darauf bin ich stolz" (WELT, 5.10.1999).

In einem Interview mit dem Fachblatt Radsport (6.9.1994) zog er nach dreijähriger Amtszeit eine erste Bilanz: "Es ist definitiv entschieden. Ab 1. Januar 1996 ist das Wort Profi aus dem Wortschatz unseres Verbandes gestrichen." Es werde eine Klassifizierung einzelner Rennen eingeführt. Einen Sonderstatus gebe es für die WM, den Giro und die Tour. Als Top-Kategorie wurden u. a. die Tour de Suisse und die Spanienrundfahrt Vuelta eingestuft. Danach folgte eine Vielzahl kleinerer Rundfahrten. "Den Begriff Profi will ich nicht mehr hören, weil er die Entwicklung nicht mehr rechtfertigt", machte er aus seinem Herzen keine Mördergrube.

Auch im Bahnradsport setzt Verbruggen neue Akzente. Einerseits sorgte er dafür, dass Tandem und Steherrennen aus dem WM-Programm gestrichen wurden. Anderseits aber öffnete er neuen "Exoten" (Radsport, 6.9.1994) - Zweiermannschaftsfahren und Keirin - die Teilnahme an Olympischen Spielen. Voller Stolz erklärte Verbruggen bei den Olympischen Spielen in Sydney deshalb, dass Radsport die einzige Sportart sei, die vier neue Disziplinen im Programm habe.

In einem Interview mit der NZZ (20./21.2.1999) gestand Verbruggen ein, dass die UCI unter seiner Präsidentschaft in Bezug auf das Regelwerk "mehrmals Anpassungen vornehmen musste". Er begründete dies im Zusammenhang mit den neuen Lizenzen (keine Amateure und Berufsfahrer mehr, nur noch Elite-Fahrer) und der Struktur der Sportgruppen. Die Regeländerungen hätten allerdings nur stattgefunden, weil die Verantwortlichen der UCI "zahlreiche Einzelinteressen berücksichtigen müssen". Denn "Fahrer, Sponsoren, nationale Verbände und Organisationen versuchen natürlich stets, für sich das Optimum herauszuholen".

Widersprüchlich war seine Position zur Dopingproblematik. 1990 positionierte er sich in einem Interview mit dem Züricher Sport (2.11.1990) mit der Feststellung: "Um kompetent über Doping reden zu können, muss man auch den Sport kennen." In diesem Zusammenhang beklagte er nicht das Doping, sondern erklärte, es sei noch niemals untersucht worden, "warum Radfahrer überhaupt zu Doping greifen". Die UCI, so Verbruggen, mache deshalb auch keine Dopingkontrollen, sondern führe Bluttests durch, und die sind nach seiner Ansicht eine reine "Gesundheitskontrolle".

"Meine Mitarbeiter und ich verwenden einen beträchtlichen Teil der Arbeitszeit zur Lösung dieses Problems. Wir bekämpfen Doping von allen Verbänden am härtesten", betonte Verbruggen in einem Interview mit der NZZ (20./21.2.1999). Pro Jahr gäbe es in der UCI 12.000 Kontrollen, 1.500 Bluttests. Das koste die Föderation pro Jahr 4,2 Millionen Schweizer Franken. Er musste aber eingestehen, dass die Erfolge beim Nachweis von Doping äußerst bescheiden waren. Nur etwa 1 Prozent der getesteten Fahrer seien positiv.

Die Zeitschrift Tour (4/1999) berichtete über Verbruggens Positionen zu diesem Thema in einem Beitrag, in dem es einleitend hieß: "Durch seinen Widerstand trug UCI-Präsident Hein Verbruggen bei der Weltdopingkonferenz in Lausanne dazu bei, dass ein einheitliches Vorgehen des Weltsports gegen Doping vereitelt wurde." Die Zeitschrift griff Verbruggens Argumentation auf, die hieß: Bei einer pauschalen Bestrafung von zwei Jahren für Dopingvergehen sehe er eine Prozessflut wegen Berufsverbot kommen, die die nationalen Radsportverbände finanziell überfordern würde.

Auf Grund seiner Intervention, die vor allem bei FIFA-Präsident Blatter Unterstützung fand, wurden die Festlegungen des neuen Anti-Doping-Codes bei ertappten Dopingsündern durch folgenden Zusatz ergänzt: "Allerdings kann diese Zweijahressperre, auf der Grundlage spezifischer, außergewöhnlicher Umstände, bestimmt von der ersten Instanz der zuständigen Weltverbände, modifiziert werden."

Mehrere hochrangige Sportfunktionäre traten nach dieser Verwässerungsaktion von ihren Ämtern zurück (de Merode legte den Vorsitz der Medizinischen Kommission des IOC nieder, der Australier Mark Tewksbury trat aus der Athletenkommission aus). Doch es gab auch Funktionäre wie den DLV-Präsidenten Helmut Digl, die "Verständnis für die Sorgen, die Herr Verbruggen in Lausanne vorgetragen hat", hatten (Tour, 4/1999). Digl vertrat ebenfalls die Meinung, dass die Etats nationaler Verbände im Falle von Berufsverbotsklagen überführter Sportler nicht ausreichen würden, um die Forderungen der Athleten begleichen zu können. Das Hauptargument Verbruggens für die Aufweichung des Anti-Doping-Codes war deshalb laut Tour "die Machtlosigkeit der Sportgerichtsbarkeit gegenüber der Zivilgerichtsbarkeit". Im Herbst 2000 geriet Verbruggen als Zeuge beim so genannten "Festina-Prozess" in der Dopingfrage erneut schwer unter Druck.

Anfang September 2000 wurde Hein Verbruggen vom IOC als Vorsitzender der Bewertungskommission für die Olympischen Spiele 2008 eingesetzt, die die Bewerberstädte der Spiele der XXIX. Olympiade vergleicht.

Informationen und Meldungen zum weiteren Fortgang der Karriere siehe Journal

Persönliches

Hein Verbruggen ist verheiratet mit Frau Marijke und Vater zweier Söhne. Er wohnt in der Umgebung von Lausanne. Verbruggen arbeitet seit 1994 im Full-Time-Job als UCI-Präsident ohne Bezahlung, weil das Amt statutenmäßig ein Ehrenamt ist. Verbruggens sportliche Vorlieben gelten neben dem Radsport Squash, dem Lauf- und dem Skisport.

14. Juni 2017: Der niederländische Radsportfunktionär Hein Verbruggen stirbt im Alter von 75 Jahren in Leuven an den Folgen einer Leukämie-Erkrankung. Verbruggen war von 1991 bis 2005 Präsident des Internationalen Radsportverbandes UCI, sowie langjähriges Mitglied des IOC. In seine Amtszeit als UCI-Präsident fiel der Dopingfall Lance Armstrong.

Karriere in Zahlen

Erfolge:

seit 1975: Mitglied des holländischen Radsportverbandes
1978 - 1984: Präsidiumsmitglied des Internationalen Radsport-Profiverbandes (FICP)
1984 - 1991: Präsident FICP
seit 1991: Präsident des Internationalen Radsportverbandes UCI
seit 1996: Mitglied des IOC
seit 1996: Mitglied der Bewertungskommission des IOC für die Spiele der XXVIII. Olympiade
seit 2000: Vorsitzender der Bewertungskommission des IOC für die Spiele der XXIX. Olympiade

Journal

Ergänzungen aus MA-Journal. Die nachfolgenden Meldungen werden bei der nächsten redaktionellen Bearbeitung in den Text integriert.

April 2001: Der Internationale Radsport-Verband UCI beschließt als erster Sportverband, regelmäßige Tests auf die verbotene Einnahme des Hormons EPO vorzunehmen. UCI-Präsident Hein Verbruggen spricht von einem wichtigen Schritt im Kampf gegen Doping.

12. Oktober 2001: Der Niederländer Hein Verbruggen wird beim Kongress des Internationalen Radsport-Verbandes (UCI) in Lissabon einmütig für vier Jahre als Präsident des Verbandes bestätigt. Seit 1996 ist er auch Mitglied des IOC.

November 2001: Hein Verbruggen wird von IOC-Präsident Jacques Rogge zum Koordinator für die Olympischen Spiele 2008 in Beijing ernannt.

5. August 2002: Der Chef des Radsport-Weltverbands UCI, Hein Verbruggen, erklärt seinen Rückzug aus der Antidoping-Weltagentur Wada, deren Chef Dick Pound er "Wildwest-Methoden" vorwirft. Auslöser des Eklats war die Verdächtigung des Radsportlers Galdeano, bei der sich die Wada laut Verbruggen nur auf Presseartikel stützte.

Juni 2005: Hein Verbruggen, Präsident des Radsportweltverbandes UCI, wird als "Offizier im Orden von Oranje Nassau" ausgezeichnet. Verbruggen ist seit Mai 2004 als Nachfolger des wegen Korruption verurteilten Südkoreaners Kim Un Yong auch Präsident der Vereinigung der Internationalen Sportverbände (AGFIS).

23. September 2005: Der 55-jährige Ire Pat McQuaid gewinnt in Madrid die von Turbulenzen begleitete Wahl zum neuen Präsidenten des Radsport-Weltverbandes UCI. Der enge Vertraute des scheidenden UCI-Chefs Hein Verbruggen setzt sich gegen Gregorio Moreno aus Spanien in geheimer Wahl mit 31:11 Stimmen durch. Verbruggen war besonders wegen seiner Dopinginformationspolitik in die Kritik geraten. Nachfolger von Sylvia Schenk - eine der schärfsten Kritikerinnen Verbruggens - im UCI- Präsidium wird BDR-Präsident Rudolf Scharping. Jens Voigt wird im Amt des UCI-ProTour-Fahrervertreters bestätigt.

24. September 2008: Hein Verbruggen erklärt seinen Rücktritt vom Posten des Vizepräsidenten der UCI. Der Niederländer war von 1991 bis 2005 UCI-Präsident, in dieser Zeit führte er die Weltrangliste, den Rad-Weltcup und zuletzt die ProTour ein.

26. September 2008: Hein Verbruggen wird von den Organisatoren der Olympischen Spiele von Peking mit dem Friendship Award ausgezeichnet. Der UCI-Funktionär war Vorsitzender des Koordinationskomitees für die Spiele.

18. November 2013: Der lebenslang gesperrte ehemalige Radprofi Lance Armstrong beschuldigt den früheren Präsidenten des Weltradsportverbandes UCI, Hein Verbruggen, an einer Vertuschung einer positiven Dopingprobe Armstrongs beteiligt gewesen zu sein. Bei der Tour de France 1999 soll Verbruggen Armstrong geraten haben, ein Rezept rückdatierten zu lassen, um Kortison-Doping zu vertuschen. Damit rückt der umstrittene frühere UCI-Präsident und die UCI erneut ins Zwielicht in Bezug auf die Dopingvergangenheit im Radsport. Verbruggen weist die Vorwürfe zurück, indem er die Glaubwürdigkeit Armstrongs anzweifelt und erklärt, dass die angesprochene Kortison-Probe laut den Satzungen des zuständigen französischen Ministeriums nicht als Dopingvergehen behandelt worden sei.

Januar 2014: Der Radsport-Weltverband UCI richtet eine dreiköpfige Kommission ein, die die Verwicklung des Verbandes und des früheren UCI-Präsidenten Hein Verbruggen in den Dopingfall Lance Armstrong klären soll.

April 2014: IOC-Präsident Thomas Bach ernennt den früheren Chef der Welt Anti Doping Agentur, Richard Pound, zum Vorstandschef für das Olympia-Fernsehen Olympic Broadcasting Services (OBS). Pound tritt die Nachfolge von Hein Verbruggen an.

9. März 2015: Die unabhängige Radsport-Untersuchungskommission CIRC (UCI's Cycling Independent Reform Commission) veröffentlicht einen 227-seitigen Bericht, wonach der inzwischen wegen Dopingvergehen lebenslang gesperrte Radprofi Lance Armstrong von den Oberen des Radsport-Weltverbands UCI jahrelang "beschützt" und "verteidigt" worden sein soll. Namentlich genannt werden die ehemaligen UCI-Präsidenten Hein Verbruggen und Pat McQuaid. Auch der bei der Tour de France 2010 positiv getestete und daraufhin für zwei Jahre vom Internationalen Sportgerichtshof CAS gesperrte Alberto Contador soll demnach eine Vorzugsbehandlung seitens des UCI genossen haben. Zur aktuellen Situation stellt der Bericht fest, dass Doping immer noch ein verbreitetes Problem im Radsport ist.



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