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MUNZINGER Personen
Daniel Barenboim

Daniel Barenboim

israelischer Pianist und Dirigent
Geburtstag: 15. November 1942 Buenos Aires (Argentinien)
Nation: Israel

Internationales Biographisches Archiv 18/2023 vom 2. Mai 2023 (ds)


Wichtige Stationen im Überblick

  Musikalische Ausbildung in Europa bei Edwin Fischer und dem Dirigenten Igor Markevitsch
1954 Gewinn des Alfredo-Casella-Klavierwettbewerbs in Neapel
  Jüngster Meisterkurs-Schüler aller Zeiten an der "Accademia di Santa Cecilia" in Rom
1955 Studium des Dirigierens an der "Accademia Chigiana" in Siena
  Klavierkonzerte in Europa, den USA, in Südamerika, Australien und Fernost
1964 Klavierkonzert in Berlin anlässlich des 10. Todestages des Dirigenten Wilhelm Furtwängler
1967 Debüt als Dirigent mit dem New Philharmonica Orchestra in London
1973 Leiter des English Chamber Orchestra bei den Edinburgher Festspielen und der ersten Opernaufführung "Don Giovanni"
1975 - 1989 Musikalischer Direktor des Orchestre de Paris
  Gründung des Chors des Orchestre de Paris
1978 Exklusiv-Schallplattenvertrag mit der Deutschen Grammophon-Gesellschaft
1981 - 1999 Dirigent der Bayreuther Festspiele
1982 Gründung des Mozart-Festivals des Orchestre de Paris
30.07.1987 - 13.01.1989 Musikalischer und künstlerischer Direktor der neuen Bastille-Oper in Paris
1988 - 1992 Aufführung von Wagners "Ring des Nibelungen" bei den Bayreuther Festspielen
04.1990 Erste Konzertreise mit den Berliner Philharmonikern nach Israel
1991 - 2006 Musikdirektor des Chicago Symphony Orchestra
1992 Großes Bundesverdienstkreuz
01.1992 - 01.2023 Generalmusikdirektor der Deutschen Staatsoper Berlin (bis 2002 auch Künstl. Leiter)
1993 Aufführung von Wagners "Tristan und Isolde" bei den Bayreuther Festspielen (auch 1994, 1995 und 1996)
1997 Androhung seines Rückzugs aus Berlin wegen Sparmaßnahmen im Kulturhaushalt
1999 Gründung des "West-Eastern Divan Orchestra" zusammen mit Edward Said zur Annäherung der verfeindeten Volksgruppen im Nahostkonflikt
2002 Autobiographie "Die Musik - Mein Leben"
2002 Prinz-von-Asturien-Preis
2003 Klassik-Grammy
2006 Ernst-von-Siemens-Musikpreis
2006 Hessischer Friedenspreis
2006 - 2011 Ständiger Dirigent ("Maestro Scaligero at La Scala") der Mailänder Scala
2007 Praemium Imperiale
2008 Ehrenstaatsbürgerschaft Palästinas
2010 Neuinszenierung von Wagners "Ring"
2010 Preis des Westfälischen Friedens
2011 Vertragsverlängerung als Generalmusikdirektor der Deutschen Staatsoper Berlin
2011 - 2014 Musikdirektor der Mailänder Scala
2012 Eröffnung der Barenboim-Said-Akademie
2013 Marion-Dönhoff-Preis für Verständigung und Versöhnung
2017 Wiedereröffnung der Staatsoper Unter den Linden in Berlin
07.2020 Festival Neuer Musik "Distance/Intimacy" während Corona-Pandemie
31.01.2023 Rücktritt als Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper

Blick in die Presse

Herkunft

Daniel Barenboim (jiddisch für "Birnbaum") wurde am 15. Nov. 1942 in Buenos Aires geboren und ist russisch-jüdischer Abstammung; die Urgroßeltern waren bereits Ende des 19. Jahrhunderts eingewandert, die Großeltern um 1900. Seine Eltern Aida, geb. Schuster, und Enrique Barenboim arbeiteten beide als Klavierlehrer, sein Vater hatte Philosophie studiert. 1952 übersiedelte die Familie nach Israel.

Ausbildung

B.s Eltern versuchten, ihrem musikalischen Wunderkind, das als Pianist im Aug. 1950 in Buenos Aires mit Beethoven-Sonaten debütierte und neunjährig im Salzburger Mozarteum auf Mozarts Spinett das Bach'sche d-Moll-Konzert spielte, eine weitgehend "normale" Jugend zu ermöglichen. B. besuchte ein staatliches Gymnasium und lernte sechs Sprachen. Ein Stipendium ermöglichte ihm ab 1954 die musikalische Ausbildung in Europa. In Salzburg von Edwin Fischer und dem Dirigenten Igor Markevitsch unterrichtet, wurde er dann in Rom an der Accademia di Santa Cecilia als jüngster Meisterkurs-Schüler aller Zeiten aufgenommen. Mit 13 Jahren (1955) erhielt er sein Diplom. Noch im selben Jahr studierte er Dirigieren an der Accademia Chigiana in Siena und gewann den Alfredo-Casella-Klavierwettbewerb in Neapel. In Komposition wurde B. von Nadia Boulanger in Paris unterwiesen. Seinem großen Idol Wilhelm Furtwängler spielte er erstmals 1954 vor und bekam prompt eine Einladung nach Berlin als Solist. B.s Vater untersagte die Reise jedoch, weil für Juden die Zeit noch nicht gekommen sei, nach Berlin zurückzukehren. Erst 1964, anlässlich des 10. Todestages des großen Dirigenten Furtwängler, spielte B. in Berlin dessen Klavierkonzert.

Wirken

Auftritte als (dirigierender) PianistSchon früh im Ruf genialischer Musikalität stehend, konzertierte B. ab Mitte der 1950er Jahre als Pianist regelmäßig in Europa, den USA, in Südamerika, Australien und Fernost. In den 1960er Jahren spielte er mit Otto Klemperer die fünf Klavierkonzerte von Beethoven sowie mit Sir John Barbirolli die beiden Klavierkonzerte von Brahms ein und nahm in der Doppelfunktion als Pianist und Dirigent alle Mozart-Klavierkonzerte mit dem English Chamber Orchestra auf. Wie sein zweites großes Vorbild, Edwin Fischer, wurde B. im Laufe der Zeit ein dirigierender Pianist. Von 1962 an konzentrierte er sich immer stärker auf das reine Dirigieren und übte diese Funktion ab 1965 nicht mehr nur am Konzertflügel aus. Bevorzugt arbeitete er, der auch als Chorgründer und Festspielleiter vielfach tätig wurde, mit dem English Chamber Orchestra zusammen, das er 1973 bei den Edinburgher Festspielen und seiner ersten Opernaufführung ("Don Giovanni") leitete. 1967 gab B. sein Debüt als Dirigent in London mit dem New Philharmonia Orchestra, 1969 in Berlin und in New York, dann in Chicago.

Chefdirigent in Paris und Chicago1975 wurde er musikalischer Direktor des 1967 gegründeten französischen Orchestre de Paris, mit dem er bis Herbst 1989 zusammenarbeitete. Häufige Tourneen mit Programmen auch von zeitgenössischen Werken führten u. a. nach Japan und in die USA. 1975 gründete B. den Chor des Orchestre de Paris und rief 1982 das Mozart-Festival des Orchestre de Paris ins Leben, bei dem er 1982-1985 in jedem Frühjahr eine Oper und andere Werke dirigierte. Am 30. Juli 1987 wurde B. von der Pariser Regierung Jacques Chirac zum musikalischen und künstlerischen Direktor der damals noch nicht fertiggestellten, neuen Bastille-Oper bestellt. Seine Arbeit an diesem Prestigeprojekt endete bereits nach 18 Monaten am 13. Jan. 1989 mit einem Eklat: Pierre Bergé, der Präsident der Pariser Oper und des Modeimperiums Yves Saint Laurent, enthob B. seines Postens nach einem Streit um die Gestaltung des Jahresgehalts und des Spielplans. Der internationalen Karriere von B. taten die Pariser Querelen jedoch keinen Abbruch. Im Febr. 1989 bestellte man ihn mit Wirkung zum 1. Sept. 1991 zum Music Director des Chicago Symphony Orchestra und damit zum Nachfolger von Sir Georg Solti.

B.s größte Erfolge waren nach Kritikermeinung in den 1980er und 1990er Jahren in Bayreuth der von ihm dirigierte "Ring des Nibelungen" (1988-1992) in der Regie von Harry Kupfer und die Wagner-Oper "Tristan und Isolde" (1993-1996) in der hochgelobten Neuinszenierung von Heiner Müller. B.s Verbindung zu Berlin und zu den dortigen Philharmonikern riss trotz der vielen internationalen Verpflichtungen nicht ab. Ein Markstein in der engen Zusammenarbeit mit den Berliner Philharmonikern war die Einspielung der Beethoven-Klavierkonzerte. Nach dem Rücktritt von Herbert von Karajan (Apr. 1989) dirigierte B. als erster Dirigent nach Karajan die Berliner, die er auch im Nov. 1989, 48 Stunden nach der Öffnung der Berliner Mauer, durch das Benefizkonzert für Ost-Berliner Musikfreunde führte. Und nicht der neue Chefdirigent Claudio Abbado, sondern B. war es, der die Berliner Philharmoniker auf ihrer ersten Konzertreise nach Israel im April 1990 begleitete. Im März 1991 gastierte er mit ihnen bei den Salzburger Osterfestspielen.

Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper1992 übernahm B., ausgestattet mit einem Zehnjahresvertrag, die Position des künstlerischen Leiters und Generalmusikdirektors der Staatsoper Berlin (einschließlich der Staatskapelle Berlin). Gleichzeitig unterschrieb der neue Intendant Georg Quander seinen Vertrag. In nur kurzer Zeit gelang es B. nach Beobachtermeinung, der Berliner Oper Unter den Linden erneut Weltgeltung zu verschaffen und auf vielen Tourneen die Staatskapelle als internationales Spitzenorchester zu positionieren. Er selbst dirigierte in Berlin mit großem Erfolg u. a. den "Parsifal", "Elektra" (1996), "Lohengrin" (1994), Chéreaus "Wozzeck"-Version (1997), das Ballett "Schwanensee", "Aida" (1998), Jürgen Flimms "Otello" (2001), Doris Dörries erste Operninszenierung "Così fan tutte" (2001) und alle zehn Wagner-Opern zu Ostern 2002. Man feierte an der Lindenoper ferner die "Pique Dame" 2003 mit B. am Pult und den von Bernd Eichinger inszenierten "Parsifal" (2005), auch den Abschluss seines Beethoven-Sonatenzyklus an der Staatsoper im Juli 2005 und Mussorgskis "Boris Godunow" oder den "Tristan", den Stefan Bachmann für die Osterfesttage der Berliner Staatsoper 2006 in Szene setzte.

Mit einem Rückzug aus Berlin hatte B. erstmals im Herbst 1997 wegen der drastischen Sparmaßnahmen im Kulturhaushalt gedroht. Den Berliner Kulturpolitikern warf B. vor, aus Angst vor Konflikten keine Prioritäten zu setzen. "Wozu braucht Berlin neun Orchester? Berlin subventioniert nicht gute Musik, sondern leere Plätze!" (FAZ, 16.5.1998), ließ er hierzu vernehmen. Die kontroverse politische Auseinandersetzung um die Zukunft der drei großen Opernhäuser wurde im Sept. 2001 mit der Vertragsverlängerung für B. entschieden. Gleichzeitig unterzeichnete Sir Simon Rattle als neuer Chefdirigent und Nachfolger von Claudio Abbado bei den Berliner Philharmonikern seinen Vertrag. Im Juni 1999 hatten sich die Berliner Philharmoniker in geheimer Abstimmung für Rattle als künftigen künstlerischen Leiter und gegen B. entschieden, der sich ebenfalls beworben hatte.

Leitungsposten in Mailand und BerlinZum Ende der Saison 2005/2006 gab B. nach 15 Jahren die musikalische Leitung des Chicago Symphony Orchestra ab und ließ sich 2006 bis 2011 als ständiger Dirigent ("Maestro") der Mailänder Scala unter Vertrag nehmen, wodurch die Kooperation zwischen Mailand und der Berliner Staatsoper noch intensiviert wurde. Seit 2011 wurde B. offiziell mit einem Fünfjahresvertrag zum Musikdirektor der Scala und damit faktisch zum Nachfolger von Riccardo Muti ernannt, der den Posten 2006 aufgegeben hatte. Im selben Jahr verlängerte B., der 2000 bereits symbolisch zum Dirigent auf Lebenszeit ernannt worden war, seinen Vertrag in Berlin um weitere zehn Jahre bis 2022. In Zusammenarbeit der beiden Häuser startete B. gemeinsam mit dem Regisseur Guy Cassiers 2010 eine Neuinszenierung von Wagners "Ring" mit zwei Premieren an der Scala und zwei an der Staatsoper bzw. - wegen der ab 2010 realisierten Sanierung des Hauses - im Ausweichquartier Schillertheater. Seinen Posten als Musikdirektor an der Scala gab B. Ende 2014 ab. 

Gründung des West-Eastern Divan Orchestra, friedenspolitische BemühungenNeben den Leistungen des Dirigenten und Pianisten B., der zum Beispiel 2004 in Wien alle 32 Klaviersonaten von Beethoven interpretierte, traten zunehmend auch seine friedenspolitischen Aktivitäten ins öffentliche Bewusstsein. Mit seinem Freund, dem palästinensischen Literaturwissenschaftler Edward Said gründete er 1999 das "West-Eastern Divan Orchestra", das sich in gemeinsamen Konzerten oder Workshops von jüdischen und arabischen Musikerinnen und Musikern für eine Annäherung der verfeindeten Volksgruppen im Nahostkonflikt einsetzt. Trotz vielfältiger Proteste ließ B. 2001 als Zugabe Richard Wagner in Israel spielen, "weil Tabus keinen Platz haben in einer Demokratie", wie ihn die Frankfurter Rundschau (10.3.2004) zitierte, und löste im Mai 2004 in der Knesseth, dem israelischen Parlament, große Empörung aus, als er in seiner Dankesrede nach der Verleihung des israelischen Wolf-Preises fragte, ob sich das jüdische Volk den Rechten und Leiden eines Nachbarvolkes verschließen könne. Im Juni 2004 gründete der für sein friedenspolitisches Engagement vielfach ausgezeichnete B. im palästinensischen Ramallah einen ersten Musikkindergarten (der zweite folgte 2005 in Berlin) und gastierte im Aug. 2005 mit seinem West-Eastern Divan Orchestra dort zum Gedenken an den 2003 verstorbenen Literaturwissenschaftler Said. Der Dokumentarfilm "Wir können den Hass verringern" ("Knowledge is the Beginning"; Regie: Paul Smaczny) über B.s multinationales West-Eastern Divan Orchestra wurde im Nov. 2006 in New York als einziger deutscher Beitrag mit einem Emmy ausgezeichnet. Im Dez. 2006 spielte das Orchester im Rahmen einer US-Tour zum Abschied von UN-Generalsekretär Kofi Annan. Das Orchester stand aufgrund der politischen und militärischen Auseinandersetzungen im Nahostkonflikt vor großen Herausforderungen. 2009 mussten Konzerte in Kairo und Katar wegen des Gaza-Krieges abgesagt werden. Doch B.s Engagement tat dies keinen Abbruch. Regelmäßig nutzte er die Sommermonate für Tourneen mit dem Ensemble: "Ich bin dann vollständig glücklich, wenn wir in allen acht Ländern gespielt haben, aus denen unsere Musiker kommen. Also in Ägypten, Israel, Syrien, im Libanon, in Jordanien, Palästina, Iran und in der Türkei", erklärte er 2008 (zit. n. SPIEGEL, 18.8.2008). 2011 gab er mit einem nur für diesen Anlass zusammengestellten Orchester für Gaza (bestehend aus Musizierenden der Wiener und Berliner Philharmoniker sowie anderer europäischer Orchester) erstmalig ein Konzert in Gaza. Sein West-Eastern Divan Orchestra wurde auch als "Barenboims Herzenssache und eine politische Dauerprovokation" (SZ magazin, 2.1.2012) bezeichnet.

Ein weiteres Herzensanliegen, nach eigenen Worten "ein humanistisches Projekt" (zit. n. MM, 15.11.2017), realisierte B. mit der Gründung der Barenboim-Said-Akademie 2012 in Berlin, einer Akademie für junge Musikerinnen und Musiker aus dem Nahen Osten. Nach Plänen des Architekten Frank O. Gehry wurde das Magazingebäude der Staatsoper Unter den Linden umgebaut. Finanziell unterstützt wurde das Projekt durch den Bund mit 20 Mio. Euro und mit der Übernahme der Betriebskosten sowie aus Stiftungs- und Sponsorengeldern. In dem 2017 eröffneten Umbau war neben der Akademie, die Studienplätze für bis zu 100 Studierende bot, auch ein Konzertsaal untergebracht, der nach Pierre Boulez benannt wurde.

Weitere ProjekteZwischen Febr. und April 2006 hielt sich B., der täglich Spinoza liest (SPIEGEL, 40/2017), für die BBC-Reihe der "Reith-Lectures" in London, Chicago, Berlin, Ost- und West-Jerusalem auf und zeigte in seinen Vorträgen auf, dass "Musik im Zentrum dessen steht, was wir als menschlich bezeichnen". 2009 leitete B. erstmals das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker (ebenso 2014 und 2021) und feierte sein Debüt an der Metropolitan Opera in New York mit "Tristan und Isolde". Im gleichen Jahr gastierte er erstmals in Kairo und brachte dort Beethovens 5. Sinfonie zu Gehör. Mit dem West-Eastern Divan Orchestra feierte er 2010 mit Auftritten im Teatro Colón in seiner Geburtsstadt Buenos Aires sein 60-jähriges Bühnenjubiläum. Nach Argentinien reist B. regelmäßig; 2018 machte er eine Tournee mit der Staatskapelle (und etwa 180 Mitgliedern) in Argentinien und gab im Teatro Colón eine Aufführung von "Tristan und Isolde" in der aus den 1990er Jahren stammenden Inszenierung von Harry Kupfer. Die Finanzierung dieser Tournee übernahm er selbst. Beachtet wurden auch seine gemeinsam mit Sasha Waltz realisierte Inszenierung des "Sacre" in Berlin (2013). 2018 wirkte B. in der Animationsserie "Max & Maestro" als Musikstar für den Kinderkanal KiKa mit. In der Hochzeit der Coronavirus-Pandemie initiierte B. zusammen mit Emmanuel Pahud das vier Tage dauernde digitale Festival Neuer Musik "Distance/Intimacy" vom 9. bis zum 12. Juli 2020 im Boulez-Saal in Berlin; dazu gehörten zehn Uraufführungen, u. a. von Olga Neuwirth, Philippe Manoury, Benjamin Attahir und Matthias Pintscher.

Kammermusiker und BegleiterGroßer Beliebtheit erfreute sich B. auch immer wieder als Kammermusiker in kleinem Ensemble oder als Begleiter im Duo; oft nutzte er dazu den Kammermusiksaal der privaten Barenboim-Said-Akademie. So trat er im April 2018 mit Werken von Claude Debussy und Maria Furtwängler als Sprecherin im Pierre-Boulez-Saal auf. Im selben Jahr gab es einen ersten Auftritt im Duo mit Anne-Sophie Mutter in der Philharmonie. Im Boulez-Saal spielte er 2018 auch alle Beethoven-Sonaten auf seinem selbst entworfenen Maene-Barenboim-Flügel; 2019 gab er dasselbe Programm mit großem Erfolg in Zürich. 2021 veranstaltete er einen Trio-Abend mit Anne-Sopie Mutter und Martha Argerich in der Philharmonie.

Rückkehr an die Staatsoper Zur Eröffnung der Saison 2017/2018 stand die Rückkehr an die Spielstätte Staatsoper an, deren Sanierung sich nicht nur um vier Jahre verzögert hatte, sondern auch deutlich teurer (statt 239 Mio. rund 400 Mio. Euro) geworden war. Im Sommer 2017 dirigierte B. noch an der Ersatzspielstätte Schillertheater die von Wim Wenders inszenierte Bizet-Oper "Perlenfischer"; Anfang Oktober dann die erste Premiere in der sanierten Staatsoper mit "Szenen aus Goethes Faust" von Robert Schumann unter der Regie von Jürgen Flimm. Aus den Repertoire-Stücken wie Wagners "Tristan und Isolde", Verdis "Falstaff", und "Macbeth" ragten die Dirigate von Cherubinis "Médée" (2018), Prokofjews "Die Verlobung im Kloster" (2019) und Saint-Saëns' "Samson et Dalila" (2019) heraus, vor allem wegen B.s Unterstützung der Solisten. Gelobt wurde auch B.s musikalische Leitung der Mozart-Oper "Le nozze di Figaro" (2021), deren szenische Inszenierung durch Vincent Huguet allerdings Verrisse kassierte (vgl. u. a. SZ, 3.4.2021). Dennoch gab es noch zwei weitere Mozart-Huguet-Inszenierungen mit "Così fan tutte" im selben Jahr und mit "Don Giovanni" (2022).

Kritik an Führungsstil, gesundheitliche Probleme, Abschied von der StaatsoperBereits Anfang 2019 hatte es Klagen über B.s Führungsstil gegeben, der als "autoritär, demütigend, cholerisch" (TSP, 22.2.2019) beschrieben wurde - zunächst anonym, dann namentlich von dem früheren Ersten Trompeter und Assistenten Leo Siberski (vgl. WELT, 28.2.2019) sowie zwei weiteren Orchestermitgliedern. B. nahm dazu in einem zweiseitigen Interview in DIE ZEIT (28.1.2019) Stellung und vermutete hinter dem Timing des Protests den Versuch einer Verhinderung seiner Vertragsverlängerung. Obwohl sich das Orchester demonstrativ hinter B. gestellt hatte (vgl. FAZ, 20.4.2019), leitete die Staatsoper eine Untersuchung der Vorwürfe ein. Im Juni 2019 verlängerte B. seinen Vertrag als Generalmusikdirektor der Staatsoper Berlin vorzeitig um weitere fünf Jahre bis 2027. Auch weitere, Anfang Sept. 2019 durch eine frühere Orchestermanagerin vorgetragene Vorwürfe gegen B. stellten die Position des Generalmusikdirektors nicht infrage.

Im Sept. 2020, im ersten Jahr der Coronavirus-Pandemie, feierte die Staatskapelle Berlin ihr 450-jähriges Bestehen mit einem Konzert unter der Leitung ihres Chefdirigenten B. und einer Festrede des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier. Mit dabei war auch die erste Konzertmeisterin der Staatskapelle, die seit 2017 amtierende Südkoreanerin Jiyoon Lee.

In den folgenden Jahren häuften sich die gesundheitlichen Probleme des Stardirigenten. Bereits 2019 hatte er eine Augenoperation, im Febr. 2022 musste er sich einem chirurgischen Eingriff an der Wirbelsäule unterziehen. Im selben Jahr mehrten sich die Absagen von Auftritten wegen einer schweren neurologischen Erkrankung. Im Aug. 2022 dirigierte B. sichtlich angeschlagen das Salzburger Opernkonzert im Sitzen. Im Sept. 2022 musste er die geplante Aufführung von Wagners "Ring" wegen Krankheit absagen und bat Christian Thielemann, der als möglicher Nachfolger B.s gehandelt wurde, um Übernahme des Dirigats. Anfang Okt. 2022 meldete sich B. dann für mehrere Monate krank, im Nov. 2022 lautete die Diagnose: Hautkrebs, kaputte Bandscheiben und Vaskulitis, eine Entzündung der Blutgefäße (vgl. WELT, 15.11.2022). Dennoch dirigierte B. an Silvester Beethovens 9. Sinfonie im Sitzen. Er habe "eine neue Stufe künstlerischer Wahrhaftigkeit erreicht", schrieb die Süddeutsche Zeitung (2.1.2023) zu diesem Anlass. Vier Tage später gab B. bekannt, seinen Posten als Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper nach mehr als 30 Jahren zum 31. Jan. 2023 aus gesundheitlichen Gründen niederlegen zu wollen. In einer Pressemitteilung B.s hieß es wörtlich: "Ich kann die Leistung nicht mehr erbringen, die zu Recht von einem Generalmusikdirektor verlangt wird" (zit. n. MM, 9.1.2023). Der Tagesspiegel (15.11.2022) resümierte, die Bilanz von 30 Jahren: 760 Musiktheatervorstellungen, 856 Konzerte, davon 450 auf Gastspielreisen in 80 verschiedenen Städten.

Nach einer mehrwöchigen Pause, die erneut seinem angeschlagenen Gesundheitszustand geschuldet war, kehrte B. Ende Febr. 2023 mit einem Konzert der Staatskapelle Berlin und der Mezzosopranistin Cecilia Bartoli in der Berliner Philharmonie - von Kritik und Publikum einmal mehr bejubelt (vgl. u. a. SZ, 28.2.2023) - ans Dirigierpult zurück. Nicht weniger Lob gab es für seinen Auftritt im Wiener Musikverein im März 2023, an dem sich auch B.s Freundin aus Kindertagen, die Pianistin Martha Argerich, beteiligte (vgl. Standard, 9.3.2023).

EhrungenFür sein musikalisches Lebenswerk, aber v. a. für seinen Beitrag zur Völkerverständigung, wurde B. mit zahlreichen Preisen gewürdigt. Für sein "völkerverbindendes Engagement und seine Bemühungen um einen Frieden im Nahen Osten" erhielt er 2006 den renommierten Ernst-von-Siemens-Musikpreis. Zwei Drittel des Preisgeldes in Höhe von 150.000 Euro spendete er für die Sanierung der Staatsoper Unter den Linden und ein Drittel stellte er der Barenboim-Stiftung für Musikbildung zur Verfügung. Für seinen Einsatz für die Verständigung zwischen Israelis und Palästinensern erhielt B. als erster Kulturschaffender und erster Israeli auch den Hessischen Friedenspreis 2006. Er sei ein "Troubadour der Hoffnung und des Friedens", hieß es in der Laudatio zur Preisverleihung am 1. Febr. 2007. Darauf folgte die Auszeichnung mit dem als Nobelpreis der Künste bekannten Praemium Imperiale, gleichzeitig erhielt das West-Eastern Divan Orchestra den Praemium Imperiale Grant for Young Artists. B. wurde 2007 zum Friedensbotschafter der Vereinten Nationen ernannt und erhielt 2008 als erster Israeli die Ehrenstaatsbürgerschaft Palästinas. 2010 würdigten ihn die Stiftung Kulturförderung mit dem Deutschen Kulturpreis für sein Lebenswerk und die Wirtschaftliche Gesellschaft für Westfalen und Lippe mit dem Preis des Westfälischen Friedens. Er gilt als "eine zentrale Institution im internationalen Musikkosmos" (NZZ, 15.11.2012). Die beiden ECHO Klassik-Preise für sein Lebenswerk und ein Ehren-ECHO (2012 und 2013 erhalten) gab B. im April 2018, zusammen mit weiteren früheren Preisträgern, zurück - aus Protest gegen die Preisvergabe an die unter Antisemitismus-Verdacht stehenden Rapper Kollegah und Farid Bang.

Familie

B. war ab Juni 1967 mit der britischen Ausnahme-Cellistin Jacqueline Du Pré verheiratet, die an Multipler Sklerose erkrankte und 1987 nach langem Leiden starb. In zweiter, 1988 geschlossener Ehe ist er mit der russischen Pianistin Elena Baschkirowa, der Tochter des berühmten Pianisten und Lehrers Dmitri Baschkirow und Ex-Frau von Gidon Kremer, verheiratet. Er ist Vater von zwei in Paris geborenen Söhnen, David (*1983) und Michael ("Misha", *1985). Die Familie spricht untereinander Französisch, Russisch und Englisch. Michael B. machte sich als Violinist und Konzertmeister des West-Eastern Divan einen Namen, David B. ist Musiker (E-Gitarre) und Hip-Hop-Produzent (ZEIT-Mag., 7.9.2017). B. besitzt neben der argentinischen auch die spanische, israelische und palästinensische Staatsbürgerschaft. Seit seiner Kindheit begeistert er sich für Fußball. Eine lebenslange enge Freundschaft verbindet ihn mit der argentinischen Pianistin Martha Argerich.

Werke

Diskographie: 1978 schloss B. einen Exklusiv-Schallplattenvertrag mit der Deutschen Grammophon-Gesellschaft, für die er u. a. einen Bruckner-Zyklus, die Schumann-Sinfonien und eine Berlioz-Reihe einspielte. Bei EMI liegen seine Aufnahmen aller Mozart-Klavierkonzerte und der späten Symphonien vor, bei Tolteke die Gesamtaufnahme von Wagners "Tannhäuser", die 2003 den Klassik-Grammy bekam. 2017 erschien "Daniel Barenboim - A Retrospective", eine Box mit 43 CDs und 3 DVDs bei Sony.

Veröffentlichungen u. a: "A Life in Music" (91; mit and.), "Musik - Mein Leben" (dt. 02; Autobiographie), "Parallelen und Paradoxien. Über Musik und Gesellschaft" (dt. 04; mit Edward W. Said; Hrsg. Ara Guzelimian), "Klang ist Leben. Die Macht der Musik" (08), "Dialoghi su musica e teatro: Tristano e Isotta" (08; zus. mit Patrice Chéreau), "Musik ist alles und alles ist Musik: Erinnerungen und Einsichten" (14).

Literatur

Misha Aster: "Staatsoper. Die bewegte Geschichte der Berliner Lindenoper im 20. Jahrhundert" (17).

Auszeichnungen

Auszeichnungen u. a.: Beethoven-Medaille (58), Paderewski-Medaille (63), Medaille der Beethoven-Gesellschaft (82), Großes Bundesverdienstkreuz (92), Ehrendoktorwürde der Universität Manchester (97), Internationale Medaille der Künste der Stadt Madrid (00), Chefdirigent auf Lebenszeit der Staatskapelle Berlin (00), Prinz-von-Asturien-Preis (02), Großes Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland (02), Toleranz-Preis der Evangelischen Akademie Tutzing (03), Wilhelm-Furtwängler-Preis (03), Klassik-Grammy (03), Buber-Rosenzweig-Medaille (04), Wolf-Preis (04), Robert-Schumann-Preis (05), Kulturgroschen (06), Ernst-von-Siemens-Musikpreis (06), Friedenspreis der Geschwister-Korn-und-Gerstenmann-Stiftung (06), Hessischer Friedenspreis (06), Goethe-Medaille (07), Ehrendoktorwürde der Universität Oxford (07), Friedensbotschafter der vereinten Nationen (07), Commandeur dans l'Ordre National de la Legion d'Honneur (07), Praemium Imperiale (07), Royal Philharmonic Society Gold Medal (08), palästinensische Ehrenstaatsbürgerschaft (08), Léonie-Sonning-Musikpreis (09), Moses-Mendelssohn-Medaille (09), Theodor-Wanner-Preis des Instituts für Auslandsbeziehungen (09), Markgräfin-Wilhelmine-Preis der Stadt Bayreuth (09), Deutscher Kulturpreis für sein Lebenswerk (09), Westfälischer Friedenspreis (10), Herbert-von-Karajan-Musikpreis (10), Dresden-Preis (10), Menschenrechtspreis der Karl-Franzens-Universität Graz (11), Honorary Knight Commander of the Order of the British Empire (11), Internationaler Willy-Brandt-Preis (11), ECHO Klassik für sein Lebenswerk (12; 18 zurückgeg.), Großes Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband der Bundesrepublik Deutschland (13), Ernst-Reuter-Plakette (13), Ehren-ECHO (13; 18 zurückgeg.), Marion-Dönhoff-Preis für Verständigung und Versöhnung (13), Orden Pour le Mérite (15), Konrad-Adenauer-Preis der Stadt Köln (19), Rheingau Musikpreis für B. und sein West-Eastern Divan Orchestra (20).

Adresse

E-Mail: danielbarenboim@hotmail.com, Internet: www.danielbarenboim.com

c/o Daniel-Barenboim-Stiftung, Französische Str. 33d, 10117 Berlin, Tel.: 030 2096717-10, E-Mail: info@daniel-barenboimstiftung.org, Internet: https://daniel-barenboim-stiftung.org/m



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