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Werner Weidenfeld

Werner Weidenfeld

deutscher Politikwissenschaftler und Historiker; Prof.; Dr. phil.
Geburtstag: 2. Juli 1947 Cochem
Nation: Deutschland - Bundesrepublik

Internationales Biographisches Archiv 23/2022 vom 7. Juni 2022 (se)


Blick in die Presse

Herkunft

Werner Weidenfeld wurde am 2. Juli 1947 in Cochem geboren. Er ist ein Neffe des Benediktinerabtes der Abtei Maria Laach, Ildefons Herwegen

Ausbildung

W. machte 1966 in Koblenz Abitur und studierte bis 1971 Politikwissenschaft, Geschichte und Philosophie an der Universität Bonn. Er promovierte dort 1971 mit einer Dissertation über die Englandpolitik Gustav Stresemanns zum Dr. phil. und habilitierte sich 1975 im Fach Politikwissenschaft in Mainz mit einer Arbeit über die deutsche Europapolitik in der Ära Konrad Adenauer.

Wirken

Wissenschaftliche Karriere1975 erhielt W. eine Professur in Politikwissenschaft an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz (bis 1995).

Als Wissenschaftler beschäftigte sich W. vorrangig mit Fragen der europäischen Integration, der Identität der Deutschen und der Europäer sowie ihrem Geschichtsbewusstsein und mit den Beziehungen Europas zu Amerika. Er arbeitete an deutsch-amerikanischen Wissenschaftsprojekten mit und veröffentlichte eine Vielzahl von international anerkannten Werken zur europäischen und internationalen Politik sowie zur deutschen Zeitgeschichte.

Noch während Helmut Kohl (CDU) Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz war, kam W. mit ihm in Verbindung und gehörte später mit dem Historiker Michael Stürmer zum engeren Beraterkreis des Bundeskanzlers und CDU-Vorsitzenden. Gleichwohl bewahrte sich W. eine kritische Distanz zur Union und sprach die Defizite in ihren Programmen immer wieder öffentlich an.

Deutsch-amerikanischer Koordinator der Regierung Kohl1986 wurde W., der stets auch enge Beziehungen zu französischen Wissenschaftlern pflegte, professeur associé an der Pariser Sorbonne (bis 1988). Anfang Okt. 1987 berief die Bonner CDU/CSU/FDP-Regierung Kohl ihn zum Koordinator für die deutsch-amerikanische zwischengesellschaftliche, kultur- und informationspolitische Zusammenarbeit. Vor ihm hatten Hildegard Hamm-Brücher (FDP) und der Diplomat/Staatssekretär Bernd von Staden dieses Amt im Auswärtigen Amt inne. W.s Bestellung wurde 1987 vielfach als Richtungsentscheidung gewertet, weil mit ihm ein ausgewiesener Experte die Pflege der transatlantischen Beziehungen übernahm. Zu W.s Aufgaben zählten u. a. die Koordinierung von Schüler- und Studentenaustauschprogrammen sowie die Förderung der wissenschaftlichen Zusammenarbeit. Im März 1999 wurde W. auf Wunsch des bündnisgrünen Bundesaußenministers Joschka Fischer von Karsten Voigt abgelöst.

Leiter des "Centrum für angewandte Politikforschung"1995 übernahm W. den Lehrstuhl "Politische Systeme und Europäische Einigung" am Geschwister-Scholl-Institut für Politische Wissenschaft der Ludwig-Maximilians-Universität München und zudem die Leitung des "Centrum für angewandte Politikforschung" (C.A.P.), das in den Bereichen der Europa-, Einstellungs- und Deutschlandforschung interdisziplinär angelegte und praxisorientierte Forschungsprojekte betreibt. W. hatte das C.A.P. bereits 1978 an der Universität Mainz gegründet und transferierte die "Denkfabrik" 1995 nach München, wo sie weiter expandierte. 2007 beriet das C.A.P. mit etwa 100 Mitarbeitern nach eigenen Angaben 40 Regierungen, Institutionen, Stiftungen und Großfirmen und arbeitete besonders eng mit einem der wichtigsten Geldgeber, der Bertelsmann Stiftung, zusammen (s.u.).

BuchveröffentlichungenZu W.s wichtigsten Veröffentlichungen zählt die Fachkritik seine Bücher zur Entwicklung von Deutschland und Europa nach 1945, ferner zur Technologiegesellschaft und Mediendemokratie oder zum "Ende transatlantischer Selbstverständlichkeiten". Mit Karl-Rudolf Korte schrieb W. den Band "Die Deutschen – Profil einer Nation", mit dem er nach Meinung der WELT (8.10.1991) durch die "Verknüpfung empirischer Daten und theoretischer Beiträge" eine "treffliche und gut lesbare Zusammenfassung der aktuellen Diskussion der politischen Kultur Deutschlands" vorlegte. Ein "großes Werk zur deutschen Einigungspolitik der Jahre 1989/1990" veröffentlichte W. nach Einschätzung der ZEIT (25.3.1999) mit dem in der Reihe "Geschichte der deutschen Einheit" erschienenen Band "Außenpolitik für die deutsche Einheit", der zum "Standardwerk zur deutschen Einigung aus Bonner Perspektive" avancierte. Als "prägnante Studie über den Machtwechsel in Bonn" las DIE WELT (3.7.1999) W.s Buch "Zeitenwechsel" (1999). Im Band "Die Europäische Verfassung in der Analyse" (2005) beleuchtete W. in 15 Kapiteln die Kernpunkte der Verfassung. Er arbeitete mit seinem Team weiter daran, die EU vom Ruf eines "bürokratischen Monsters" zu befreien. W. schaffe es, "komplizierte Zusammenhänge auf eine Weise dazustellen, die ihn zu einem anerkannten Gesprächspartner der Medien macht", bescheinigte die Frankfurter Allgemeine Zeitung (2.7.2007) dem "Konferenz-Conferencier" und umtriebigen Politikberater. 2007 wählten seine politikwissenschaftlichen Kollegen W. wie schon zehn Jahre zuvor erneut zur Nummer Eins der Politikberatung. 2008 legte W. mit dem schmalen Band "Europa leicht gemacht. Antworten für junge Europäer" nach Ansicht des Handelsblatts (25.-27.4.2008) ein verständlich formuliertes und modernes Nachschlagewerk für Schüler und politisch interessierte Laien vor. Als Anwort auf die Baustelle Europa werteten Rezensenten auch den 2014 erschienenen Band "Europa. Eine Strategie".

Politikberatung und weitere ProfessurenW., der seit 1992 als Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung fungierte und 1990-2004 zugleich Mitglied des Kuratoriums war, geriet jedoch wegen seiner zahlreichen Beratertätigkeiten auch in die Kritik. 2005 berichtete das manager magazin (8/05) über "ausschweifende Operationen" W.s und über die im Vorstandskollektiv der Stiftung laut gewordene Kritik, dass sich W.s Politik-Thinktank C.A.P. zu 20 % aus Gütersloher Stiftungsaufträgen finanziere. Als nicht nachvollziehbar wurde gewertet, dass W. neben seinem Lehrauftrag an der Münchner Uni 2004 noch 175 Arbeitstage für die Bertelsmann Stiftung abgerechnet hatte. Nachdem bekanntgeworden war, dass die Staatsanwaltschaft München aufgrund anonymer Hinweise seit Juni 2007 wegen des Verdachts der Untreue gegen den viel beschäftigten Politikberater ermittelt hatte, legte W. sein Mandat bei der Bertelsmann Stiftung zum 30. Nov. 2007 nieder. Das Ermittlungsverfahren, bei dem es um Unregelmäßigkeiten bei der Spesenabrechnung ging, wurde gegen eine Zahlung von 10.000 Euro eingestellt. W. hatte die Vorwürfe, er habe privaten Ausgaben in Höhe eines vierstelligen Euro-Betrags über die Stiftung abgerechnet, zurückgewiesen.

2012 wurde W. von der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste, Salzburg, zum Rektor der Alma Mater Europaea ernannt. Er trat dieses Amt nach seiner Emeritierung an der LMU 2013 an. Außerdem lehrte er 2012-2015 an der privaten Zeppelin Universität in Friedrichshafen und wirkte als Gastprofessor, u. a. an der Renmin Universität Peking sowie an der Hebräischen Universität Jerusalem.

Familie

Seit 1976 ist W. mit der Juristin und Professorin Gabriele Kokott-Weidenfeld verheiratet, die Mitglied des Rheinland-Pfälzischen Landtags war. Sie engagierte sich vorwiegend in Jugend- und Medienfragen und war Vorsitzende des Landtagsausschusses für Frauenfragen. In der Landeszentrale für privaten Rundfunk führte sie den Vorsitz des Rechts- und Zulassungsausschusses. Nachdem ihr Mandat beendet war, nahm sie ihre Hochschultätigkeit wieder auf.

Werke

Veröffentlichungen u. a.: "Jalta und die Teilung Deutschlands" (69), "Die Englandpolitik Gustav Stresemanns" (72), "Europa - Bilanz und Perspektive" (mit Th. Jansen; 73), "Konrad Adenauer und Europa" (76), "Europa 2000. Zukunftsfragen der europäischen Einigung" (80), "Die Frage nach der Einheit der deutschen Nation" (81), "Europäische Zeitzeichen. Elemente eines deutsch-französischen Dialogs" (82; mit Joseph Rovan), "Die Identität der Deutschen" (83), "Die Bilanz der Europäischen Integration" (84), "Ratlose Normalität. Die Deutschen auf der Suche nach sich selbst" (84), "Die Identität Europas" (85), "Nachdenken über Deutschland" (85), "Wege zur Europäischen Union" (86), "30 Jahre EG. Bilanz der Europäischen Integration" (87), "Geschichtsbewusstsein der Deutschen. Materialien zur Spurensuche einer Nation" (87), "Der deutsche Weg" (90), "Die Deutschen - Profil einer Nation" (91; mit Karl-Rudolf Korte), "Handwörterbuch zur deutschen Einheit" (92), "Standort Europa. Handeln in der neuen Weltwirtschaft" (95; mit Jürgen Turek), "Demokratie am Wendepunkt" (96), "Kulturbruch Amerika? Das Ende transatlantischer Selbstverständlichkeiten" (96), "Demokratie am Wendepunkt" (96), "Europa öffnen" (97; Hrsg.), "Außenpolitik für die deutsche Einheit. Die Entscheidungsjahre 1989/90" (98), "Zeitenwechsel" (99), "Amsterdam in der Analyse. Strategien für Europa" (99), "Deutschland-Trendbuch. Fakten und Orientierungen" (01; Hrsg. mit Karl-Rudolf Korte), "Nizza in der Analyse. Strategien für Europa" (01; Hrsg. mit Korte), "Europa-Handbuch" (02; Hrsg.), "Wie Zukunft entsteht" (02), "Herausforderung Terrorismus - Die Zukunft der Sicherheit" (04), "Die Europäische Verfassung in der Analyse" (05), "Europa leicht gemacht. Antworten für junge Europäer" (08), "Lissabon in der Analyse. Der Reformvertrag der Europäischen Union" (08; Hrsg.), "Die Europäische Union" (10), "Europa. Eine Strategie" (14).

Herausgeberschaften u. a.: "Jahrbuch der Europäischen Integration" (seit 1980; mit Wolfgang Wessels), "Europa von A-Z - Taschenbuch der europäischen Integration", "Mainzer Beiträge zur Europäischen Einigung" (82-95), "Strategien für Europa" (seit 87), "Münchner Beiträge zur Europäischen Einigung" (seit 97), Zeitschrift "Internationale Politik" (95-05).

Auszeichnungen

Auszeichnungen u. a.: Columbus Medaille der deutsch-amerikanischen Gesellschaft München e. V. (91), Ehrendoktor von Middlebury/USA (94), Medaille für besondere Verdienste um Bayern (96), Bayerischer Schulbuchpreis (97), General-Lucius-D.-Clay-Medaille (98), Bundesverdienstkreuz I. Klasse (98), A World of Difference-Preis der Anti-Defamation League, New York (99), Europäischer Kulturpreis der Europäischen Kulturstiftung (01), Rumänischer Orden für treue Dienste im Rang eines Kommandeurs (04), Ehrenmitglied der Ungarischen Akademie der Wissenschaften (07), Ehrensenator der Alma Mater Europaea, European Campus Maribor/Slowenien (17).

Mitgliedschaften

Mitgliedschaften/Ämter (u. a.): Mitglied des Präsidiums der Bertelsmann Stiftung (92-07), des Präsidiums der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik und des Arbeitskreises Europäische Integration, des Advisory Board für europäische Studien beim Chicago Council on Foreign Relations, der Europäischen Akademie der Wissenschaften, Salzburg, des Kuratoriums des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung, München und der Zeppelin Universität Friedrichshafen sowie zahlreicher weiterer Wissenschaftsräte, Stiftungen und Beiräte. W. wurde 1996 als erster Deutscher in das Kuratorium der amerikanischen Brandeis University, Boston, berufen.

Adresse

c/o Geschwister-Scholl-Institut für Politische Wissenschaft, Oettingenstr. 67, 80538 München, Tel.: 089 2178-3040

c/o Ludwig-Maximilians-Universität München, Centrum für angewandte Politikforschung (C.A.P.), Maria-Theresia-Str. 21, 81675 München, Tel.: 089 2180-1300, E-Mail: cap.office@lrz.uni-muenchen.de



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