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Hanns-Josef Ortheil, geboren am 5. 11. 1951 in Köln-Lindenthal. Aufgewachsen in Wuppertal und Mainz. Studium der Philosophie, Germanistik, Musikwissenschaft und Vergleichenden Literaturwissenschaft in Mainz. Promotion 1976 mit einer Dissertation über die geschichtsphilosophische Theorie des Romans. 1976 bis 1988 Assistent am Deutschen Institut der Universität Mainz, seitdem freier Autor. Teilnahme am Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt 1978 und 1982. Studienaufenthalte in Rom und Paris. Writer in Residence an der Washington University in St. Louis 1988, Gastdozentur für Poetik an der Universität Paderborn 1993/94 und an der Universität Heidelberg 1998. Mitglied im PEN-Zentrum der Bundesrepublik Deutschland und der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. 2003 übernahm Ortheil die erste Professur für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Deutschland an der Universität Hildesheim. 2009 wurde er dort Direktor des neu gegründeten Instituts für Literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft. 2015 übernahm er an der Kunsthochschule für Medien Köln eine Dozentur für Literarisches Schreiben. Ortheil ist seit 1983 mit der Verlegerin Imma Klemm, der Enkelin des Lyrikers Wilhelm Klemm, verheiratet; sie haben zwei Kinder, Lukas und Lotta. Ortheil lebt in Stuttgart und Wissen an der Sieg.
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„Das Schriftsteller-Sein ist eine Projektion, die mit der Anstrengung verbunden ist, sich in der Zukunft als ein anderer zu erleben.“ In seinem autobiografischen Essay „Das Element des Elephanten“ (1994) erzählt Hanns-Josef Ortheil von den Wurzeln seines Wunsches, Schriftsteller zu sein: „Es ist die Angst der Kindertage, in denen ich mich vor nichts mehr fürchtete als davor, daß meine Person irgendwann einmal zerfallen und verschwinden würde.“ Schreiben ist für Ortheil die Vergewisserung seiner Existenz. Es ist, obwohl in seiner literarischen Produktion stets autobiografische Elemente auszumachen sind, eine geborgte Existenz: Ortheil eifert großen Vorbildern nach. (Noch sein zitierter Essay, der persönlichste Dinge aus Kindertagen berührt, liest sich über weite Strecken wie eine Paraphrase von Sartres „Die Wörter“.) Unterschwellig ist immer spürbar, dass die Haltung des Autors eine Projektion ist: Obwohl seine Kunstfertigkeit unbestritten ist, weckt seine Prosa den Verdacht, dass Ortheil Posen einnimmt und über keine eigene Sprache verfügt. Musikalität ist ihm zu bescheinigen: Er nimmt eine Melodie auf und versteht es, sie virtuos zu führen. Der Bezug auf die literarischen Codes der Vergangenheit, zugleich die Diagnose gegenwärtiger Tendenzen, wobei er sich einem wirklichen Engagement entzieht, geben der Identität dieses Schriftstellers jedoch eine seltsame Unschärfe. Stärker als der Erzählinhalt rücken die Ambitionen des Autors in den Vordergrund. Ortheil, ein intellektueller Autor, reflektiert selbstverliebt und eloquent sein Schreiben, weiß seine Poetik zu verbinden mit den aktuellen ästhetischen Paradigmen und liefert zu jedem seiner Werke Selbstkommentare.
Kurz vor der Veröffentlichung seines Debütromans „Fermer“ (1979) publizierte er den Aufsatz „Deserteure in bleierner Zeit“ (wiederabgedruckt in: „Schauprozesse“, 1990). Im Namen der Altersgenossen werden kollektive Erfahrungsmuster und Orientierungsversuche artikuliert, die in einen vagen Ausblick münden: „Wir müssen weiter, weit, ja weit über das Gestrige hinaus.“ Als gestrig und überholt erscheint, zehn Jahre nach dem politischen Aufbruch Ende der 1960er Jahre, Literatur als sozialkritische Aufklärung, die auf eine Veränderung der bestehenden Gesellschaft zielt. Fermer, der Titelheld des Romans, ist ein Bundeswehr-Deserteur, doch nicht aus politischen Motiven hat er sich dem Militärdienst entzogen: Er ist ein zart besaiteter Romantiker und sensibler Individualist. Das Kasernen-Leben nimmt ihm „jede Möglichkeit zum Lesen“ und hindert hin, „jene Unterhaltung mit sich selbst fortzusetzen (…), die ihm während der Schulzeit wenigstens einen Rest innerer Freiheit erhalten hatte“. In dem parallel entstandenen Essay formuliert Ortheil als Bewusstseinslage seiner Generation: „Gezwungen waren wir, von innen zu leben, die Hülsen der Außenwelt ließen sich nicht mehr zurechtbiegen. Spieler und Empfindungszauberer waren wir geworden.“
Der Roman löste eine Kontroverse aus. Während Christian Schultz-Gerstein sich provoziert fühlte von „bang und weh daherschwebender Prosa, in der es seufzt und klagt wie sonst nur im Lore-Roman“, lobte Fritz J. Raddatz, Ortheil habe mit seinem modernen Taugenichts ein Zeitgefühl erfaßt: die Lethargie und totale Indolenz einer Generation, die völlig unaufgeregt, lautlos und ohne Protest sich verweigere. Für seinen ersten Roman wählte Ortheil eine im doppelten Wortsinn erlesene Sprache: eine gedrechselte, historisierende Ausdrucksweise. „Seine Gänge erschienen ihm wie ein Stolpern, unter dem der Boden zersause und der Kopf schwer sich der Erde zubiege“, heißt es einmal; ein Kapitel schließt: „Er rückte den Kopf unter der Last des Seesacks zurecht und ging, ohne sich zu versäumen.“ Aktuelle Jargon-Wendungen, wie sie die Sprache der Jugendlichen auszeichnen, werden sorgsam vermieden. „Fermer“ ist zudem ein keusches Buch: Erotik und Sexualität werden vollständig ausgeblendet. Der „Horizont der Sehnsucht“ ist besetzt mit sorgfältig ausgemalten Seelenlandschaften, in denen Motive der Romantik, z. B. der Freundschaftsbund, anklingen. Die Transformation in die Gegenwart gelingt jedoch nicht: Das Buch wirkt seltsam verschmockt. Der Vergleich mit
Wie ein Gegenstück zu „Fermer“ liest sich der zehn Jahre später entstandene Roman „Agenten“ (1989). Maskierte sich der Eskapismus zunächst mit einer altertümlichen ‚edlen‘ Sprache, so werden nun forciert der Yuppie-Jargon und Scene-Ausdrücke eingesetzt. Wanderte Fermer ziellos durch die Landschaft, geht Meynard zielbewußt seinen Weg: Er macht Karriere in der sich mondän dünkenden Kurstadt.
Lautete das Schlüsselwort, das die Haltung einer Generation charakterisieren soll, einst „Deserteure“, so werden die Vertreter der neuen Elite jetzt als „Agenten“ gekennzeichnet, die „Geheimdienstmanieren“ pflegen: „Wir trauen unseren Freunden nicht mehr, wir handeln nur im Verborgenen.“
Die Sprachbewegung, die „Agenten“ vorantreibt, führt in die Leere. Über weite Strecken macht der Roman jedoch die Intention und Emphase des Ortheilschen Schreibens deutlich. In einer wahren Suada – drapiert als Gespräch im Thermalbad, doch kaum noch durch die erzählerische Fiktion gedeckt – legt der Autor dem Protagonisten seine Gedanken über die Existenz des modernen Menschen, seine flüchtige, instabile Identität in den Mund: „Sind wir daraus? Aus porösen Stoffen, aus Spurenelementen, die gestaltlos fluktuieren, zusammengetrommelte Moleküle, von allen Seiten belastbar?“ Die Romanfigur Meynard spricht exakt so wie der Essayist Ortheil, der in dem Band „Köder, Beute und Schatten“ (1985) „Suchbewegungen der Literatur“ nachgeht. Dort benutzt er als Analogie für Schreibprozesse einen Begriff aus der modernen Physik: Dissipation. Kompakte stabile Wahrnehmungssysteme geraten in Unordnung; nach einer Phase der „Zerstreuung, Zersetzung, Zerteilung“ bilden sich neue, wuchernde Strukturen. „Ein Text ist ein Aggregat, energienreich“, definiert Ortheil.
Sein besonderes Sensorium für Sprache, den Energieträger des Text-Aggregats, nutzt er in den essayistischen Schriften als Phänomenologe: Im „Raum der Stimmen“ versucht er, den Zeitgeist zu orten. Doch seine poetologischen Reflexionen über die Gegenwartsliteratur leiden darunter, daß er heterogene Aspekte zusammenzwingt und deren „Stimmenvielfalt“ mit dem modischen Vokabular der Postmoderne eher umspielt als präzise benennt. Auch nach Aufgabe der Universitätslaufbahn hat Ortheil wissenschaftliche Beiträge veröffentlicht, die profunde literarhistorische Kenntnisse verraten, deren pointillistische Methode und novellistisch-spekulative Abschweifungen zugleich belegen, daß Theoriebildung und germanistische Analyse nicht seine Sache sind. „Die Schreibweise macht aus dem Wissen ein Fest“, zitiert er
Vor der Sprache steht jedoch das Sprechen. Die Virtuosität, mit der dieser Autor in verschiedene Sprachen schlüpft, ist ein später Triumph, die Überwindung eines Mankos, Folge eines frühkindlichen Dramas: Von fünf Söhnen überlebte er als einziger; einer der Brüder starb in den letzten Kriegstagen an einem Granatsplitter in den Armen der Mutter, ein traumatisches Erlebnis, das bei ihr eine Aphasie auslöste. Wie sollte, fragt Ortheil in dem autobiographischen Essay „Das Element des Elephanten“, „meine verwirrte, sprachgestörte Mutter mir das Sprechen beibringen, und wenn nicht sie – wie hätte mein schweigsamer, in sich vergrübelter Vater den Mangel beheben sollen?“ Die Diagnose der Ärzte, die das stumme Kind untersuchten, lautete: autistische Ich-Versenkung. Dieses lebensgeschichtliche Dilemma prägt, verhüllt durch die literarische Fiktion, Ortheils Hauptwerke „Hecke“, „Schwerenöter“ und „Abschied von den Kriegsteilnehmern“. Ihnen nähert man sich am besten über einen Umweg: In dem literaturtheoretischen Essay „Weiterschreiben“ (in „Schauprozesse“) beschäftigten Ortheil – nicht im Kontext der eigenen Entwicklung, vielmehr mit dem Verweis auf einen Forschungsbericht über Kinder von KZ-Häftlingen – die Traumata der Nachgeborenen, ihre paradoxen Phantasien und Versuche, das Schweigen zu überwinden. „Ohne Bezug auf die sprachliche Reinkarnation der Eltern war nun freilich die der Kinder nicht zu denken“, konstatiert Ortheil. Die Behauptung einer Autonomie mußte zur Farce geraten; Befreiung verhieß lediglich eine sich vom gängigen Muster absetzende autobiographische Literatur: „das Schreiben nicht als Repräsentanz, sondern als Herstellung des Lebens“. Die drei genannten Bücher verfolgen das Programm der Reinkarnation: der Mutter („Hecke“), des Vaters („Abschied von den Kriegsteilnehmern“), des Bruders („Schwerenöter“). Zwar hat Ortheil es verstanden, die Aufarbeitung autobiographischer Szenarien zu kaschieren mit aktuellen Paradigmen der Gegenwartsliteratur: „Hecke“ reihte sich ein in die zahlreichen Neuerscheinungen, in denen Autoren den mit der Nazi-Zeit verstrickten Biographien ihrer Eltern nachspürten; „Schwerenöter“ sollte der lang erwartete große Zeitroman zur Geschichte der Bundesrepublik sein, „Abschied von den Kriegsteilnehmern“ die Ablösung von der Nachkriegszeit spiegeln. Doch untergründig sind stets präsent die Obsessionen des Autors, der für seinen Bruder „mitschreiben“ will, gegen das „Stummsein“ der Mutter anschreibt und mit dem Vater, einen Geodäten, die Landschaft vermißt. An die Stelle der toten Körper tritt, so eine narzißtische „Traum-Illusion“ in „Das Element des Elephanten“, „der Leib eines Sprachmächtigen, der die Zauber der alten Magien und Sprachbestände bannte und vertrieb“.
Für „Hecke“ wählte Ortheil noch die bescheidene Gattungsbezeichnung „Erzählung“; mit „Schwerenöter“ (1987) hoffte er, den „ZEIGRODEURO“, den ZEITGENÖSSISCHEN GROSSEN DEUTSCHEN ROMAN, vorzulegen. Der ironisch in Versalien gesetzte Begriff benennt exakt die Ambitionen des Autors: „Die Geschichte dieser Republik, die Geschichte ihrer Generationen, ihrer Kämpfe, ihrer Tischsitten, die Geschichte der Politik wie des Sports, die der Redensarten und Moden, die ihrer Idole und Mythen.“ Wieder publizierte Ortheil, als flankierende Maßnahme zum Erscheinen seines Romans, in einem Zeitungsartikel („Süddeutsche Zeitung“, 10./11. 10. 1987) eine polemische Bestandsaufnahme der literarischen Situation: „Die deutschen Schriftsteller verweigern sich. Sie schreiben über Beziehungskisten, manchmal veröffentlichen sie auch ihre Reisejournale.“ Während die in die Jahre gekommene Generation der zeitkritischen Erzähler – Walser, Grass, Böll – abtritt, nimmt Ortheil das auf die Totalität der Gesellschaft zielende „Programm des Romans“ wieder auf.
Ortheil lässt 35 Jahre Bundesrepublik (mit Abstechern in die USA sowie nach Portugal und Italien) Revue passieren: Restauration, Wirtschaftswunder, Studentenbewegung. Obwohl die Zwillinge stets an allen Brennpunkten des Geschehens sind, der Autor ein forciertes Tempo einschlägt und die Kulissen rasant wechseln, kommt keine wirkliche Bewegung auf: Es scheint, als wolle dieser Zeitroman den Stillstand der Geschichte bloßlegen. Auf einer mit Versatzstücken und Requisiten aus dem Fundus jüngster Historie voll gestellten Bühne agieren die bekannten ortheilschen Spielfiguren. Die Fülle der direkten wie indirekten Referenzen und Bezüge – von Walther von der Vogelweide bis
Das Schlusstableau, dessen Konnotationen – „braune, schwere Erde, Vater, sagte ich leise“ – manche Rezensenten an Blut- und Boden-Geraune erinnerte, überzeugt ebensowenig wie der Versuch, den privaten Ablösungsprozess symbolisch zu überhöhen und mit dem aktuellen Zeitgeschehen zu verschmelzen. Der Autor weiß selbst, dass dieser Schreibansatz nicht mehr weiterführt. Bisher habe er, resümiert er in „Das Element des Elephanten“, jenen Stimmen einen Raum gegeben, denen der Krieg die Sprache genommen habe: „Nach fünf Büchern und zweitausend Seiten erkläre ich diese Arbeit für beendet.“ Dieser Schlussstrich war auch ein Akt der Befreiung von den eigenen Ansprüchen, die der Autor sich nicht zuletzt durch seine Essays gesetzt hatte. Seinen Romanen haftete stets etwas Prätentiöses an, sie wirkten geradezu beflissen im offenkundigen Bemühen um Anerkennung im literarischen Diskurs. In einem Gespräch mit Hartmut Steinecke hat Ortheil sich 1995 von seinen früheren theoretischen Aufsätzen als „überlaute, abstrakte Verlautbarungen“ distanziert: Er habe „dann und wann solche Luftballons steigen lassen, mit dem Tenor: dahin muß es gehen“, sich selbst aber nicht daran gehalten. „Ich habe nie einen postmodernen Roman geschrieben.“ Die Rücknahme ästhetischer Postulate – die er rückblickend erklärt als „Notschreie“ seiner „überforderten Subjektivität, die sich künstlich Programme gab“ – schließt das Bekenntnis zu Formstrenge und Komposition nicht aus: Ortheils Poetik ist in ihren Axiomen klassischen Harmonievorstellungen verpflichtet, die deutlich vor der Moderne angesiedelt sind.
„Blauer Weg“ ist ein Buch des Übergangs. In diesen Aufzeichnungen lobt Ortheil einmal emphatisch
Die hier skizzierte „Literatur nach dem Ende der Literatur“ setzte Ortheil ins Werk mit einer Trilogie von Künstlerromanen vor historischer Kulisse. Angesiedelt sind sie im 18. Jahrhundert, einer Zeit, an der Ortheil „die optimistische, ja enthusiastische Art der Welterfassung“ gefällt (während die Moderne vom Fragmentarischen, Bruchstückhaften geprägt sei). Die Romane der Trilogie sind konventionell auktorial erzählt, bemühen sich um Lokalkolorit und sind akribisch recherchiert. Gepflegte Unterhaltungsliteratur, deren Ingredienzien – Intrigen und Erotik, verknüpft mit bildungsbürgerlichem Kulturgut und farbenprächtigen Schauplätzen und Dekors (Karneval und Maskenball ) – Ortheil erstmals breite Leserschichten erschlossen. Das Genre gilt nicht viel in der Literaturkritik: Solides Kunsthandwerk, „risikolose Kostümschinken“, bemerkte ein Kritiker, „Prosecco-Prosa für die gebildeten Stände“, sekundierte ein anderer Rezensent. Die Künstler-Trilogie brachte dem Autor jedoch auch Lob ein: Die erzählerische Raffinesse und stilistische Eleganz, die Musikalität und atmosphärische Dichte der Prosa wurden bewundert. „Entschlossen unzeitgemäß, mit nahezu altmeisterlicher Routine und Gelassenheit geschrieben“, urteilte der Schriftsteller-Kollege Klaus Modick.
Eine fiktive Gestalt, der Maler Andrea, ein genialer Autodidakt, ist der Protagonist in „Im Licht der Lagune“ (1999).
Die Entstehungsgeschichte der Oper „Don Giovanni“ und ihre Uraufführung in Prag, verbunden mit der Begegnung
Dichtung, Malerei, Musik: Ortheil bereitet nicht nur kenntnisreich Kulturhistorie auf, sondern ihm gelingen auch luzide Beschreibungen der Kunstwerke (die Elemente der Romanhandlung sind dagegen oft nur konventionelle Versatzstücke). Er ist ein vielseitig interessierter Autor, der Opernlibretti verfasst und Drehbücher für Fernsehfilme schreibt, sich auch für Nebenwerke und Gelegenheitsarbeiten, wie das in Mainz uraufgeführte Theaterstück „Der Stadtschreiber“ (2002), nicht zu schade ist. Wichtiger ist sein Engagement für das Fach „Kreatives Schreiben“, das ihm die erste Professur für diesen in Deutschland neuen Studiengang einbrachte. „Formbewußtsein aus Erkenntnissen über den Werkprozeß selbst gewinnen“, lautet das Unterrichtsziel (Ortheil, in: „Kursbuch 153“, 2003). Einen Einblick in die eigene Werkstatt bietet der Essay „Die Geheimnisse des Herrn von Goethe in Rom“ (in: „Experiment Wirklichkeit“, hg. von Gerd Herholz, Essen 1998), der die Entstehung von „Faustinas Küsse“ behandelt. Auch hier wird der Paradigmenwechsel in Ortheils Schaffen deutlich: Anstelle der theoretischen Proklamationen, mit denen er früher seine Arbeiten begleitete, schildert der Text das recherchierte Ausgangsmaterial und die romandramaturgischen Vorüberlegungen.
Der Roman wirkte wie eine Provokation: Gegen die Negativität der Moderne, die sexuelle Obsessionen und zerstörerische Leidenschaften mit Liebe gleichsetzt, stellt Ortheil das ungetrübte Glück einer romantischen Liebe und versagt den Lesern nicht einmal das Happy End. Die große Liebe, sinniert der Protagonist, sei eine Art von Verzückung, etwas Mystisches, Schwärmerei, Welt-Verwandlung. „Sie werden es pathetisch finden“, erklärt er seinem Rivalen. „Wir befinden uns aber in einem Roman, sagte ich, Franca und ich – wir schreiben gleichsam an einem Roman, es ist ein beinahe klassischer Liebesroman, ein Liebesroman in nuce, wenn Sie so wollen.“ Die Kulisse für dieses Idyll ist wieder Italien, das Sehnsuchtsland der Deutschen, wobei der Autor schwelgerisch die kulinarischen Genüsse und den Zauber der Landschaft, vor allem des blauen Meeres beschreibt. Stephan Maus sprach verächtlich von einem „regressiven Liebesroman für die Toskana-Fraktion“, während Rainer Moritz das Buch als „sinnlich gefühlsstarkes Glanzstück“ der Gegenwartsliteratur begrüßte. Am Ende des Romans wendet Ortheil einen nicht sonderlich originellen Kunstgriff an. Der Protagonist ordnet seine Notizen, beginnt einen Roman zu schreiben, der mit den Worten des Anfangskapitels beginnt. „Ich möchte, daß mein Schreiben einen hellen, ‚begeisterten‘ Grundton erhält“, wünscht er sich. Schon in Ortheils erstem Roman machte sich der Protagonist auf den „Weg ins Freie“, wobei am „Horizont der Sehnsucht“ bereits Italien auftauchte. Es ist ein weiter Weg, den Ortheil zurückgelegt hat: Vom Autor des Debütromans „Fermer“, dessen Held sich als Deserteur verstand, zum affirmativen Schriftsteller, der im Einverständnis mit sich und der Welt lebt.
Nach dem Roman „Die geheimen Stunden der Nacht“ (2005) – die Geschichte eines Patriarchen und der Nachfolgekämpfe seiner Kinder bietet eine treffend ironische Innenschau des Verlagsgewerbes und Literaturbetriebs – beschwor Ortheil mit „Das Verlangen nach Liebe“ (2007) erneut das ungetrübte Glück vollkommener Liebe: Ein Paar – er ist Pianist, sie Kunsthistorikerin – findet nach fast zwei Jahrzehnten Trennung wieder zu harmonischer Zweisamkeit, mit Hilfe kultivierter Gespräche über Kunst und nicht weniger kultivierter Gourmet-Freuden. Konzipiert als lediglich in der Prämisse leicht verschobene Variation des vorangegangenen Liebesromans, in der Ausführung aber nicht von gleicher Kunstfertigkeit, wirkte auch das Kritiker-Echo wie ein Remake. Herbe Verrisse gaben den Ton an: In den Feuilletons war von Groschenheft-Niveau und der heilen Welt einer
Den ungebrochenen Hymnus an die Liebe, wie er der Literatur der Moderne fremd ist, verteidigte Ortheil im Rückgriff auf eine alte Tradition der Dichtung. Die Liebe sei, referierte er im Gespräch mit Heinz-Jürgen Dambmann, nicht gesteigerte Selbsterfahrung, sondern „eine Aufhebung des sturen Selbst, sie führt zurück zu einem starken ‚Weltvertrauen‘, einem Vertrauen ins unbefragte Dasein, ins leichte, schwerelose und von Glück getragene Existieren und damit zu jenem Dasein, als das die Schöpfung, folgt man den Erzählungen der Bibel, am Anfang aller Tage einmal geplant war“. (Diese religiöse Dimension des vom Katholizismus geprägten Autors hat auch der Theologe Klaas Huizing erkannt: „Das Paradies im Diesseits“, wie es von Ortheil geschildert werde, sei geradezu eine „präsentische Eschatologie“.) Die Liebe mache „immun gegen das Kleinteilige und Sorgenbehängte und ärmlich Verdruckste“, solche Sentenzen provozierten die Kritik, die in dem Roman ein „Plädoyer für regressive Weltflucht“ („Der Tagesspiegel“) sah. Der Klaviervirtuose Johannes und die Kunstkennerin Judith seien aus der Trivialliteratur entlehnte Klischeefiguren, bemängelten Rezensenten, doch diese Protagonisten bieten dem Autor die Möglichkeit, ein ganzes Netz von intertexuellen und selbstreferenziellen Anspielungen auszubreiten. Ihre Liebesbeziehung ist ein „nicht enden wollendes Sprechen, Erzählen und Phantasieren“, und so hat Ortheil luzide Passagen über Literatur (
„So wurde die Welt Text und Klang, so wurde sie Erzählung und Komposition“, heißt es in „Das Verlangen nach Liebe“, und geleitet von diesem musikalischen Stilprinzip schreibt Ortheil sein Werk kontinuierlich fort, „ein Fortspinnen von Motiven mit Umkehrungen und Reprisen, ein Zerlegen und Variieren“. Sein literarisches Schaffen hat der produktive Autor selbst in drei Perioden unterteilt: die ersten fünf, eng miteinander verknüpften Romane, zeitgeschichtlich und gegenwartsbezogen, die jeweils ein autobiografisches Moment verarbeiten (1979–1992), die drei historischen Künstlerromane (1998–2000) und die reinen Liebesromane, wobei er 2007 zum Abschluss seiner Bamberger Poetik-Professur ankündigte, diese Reihe unbeirrt von der Kritik fortzusetzen: „Wenn etwas in mir überschnappt, träume ich von zwanzig Liebesromanen, und jeder dieser Romane hat einen leicht am Kitsch vorbeischrammenden Titel, und diese zwanzig Romane wären wie zwanzig Bilder mit immer demselben Motiv, aber mit sehr feinen Nuancen, wie Bilder eines Renaissance-Malers, der die schöne Geliebte immer wieder gemalt, ihre Züge aber jedes Mal ganz leicht verändert hat.“ Überraschend griff er jedoch ein altes Projekt auf und wandte sich wieder dem Themenkreis der frühen Romane zu, entschlackte ihn von allem zeitgeschichtlichen Aufputz und führte den Stoff seiner außerordentlichen Lebensgeschichte in dem Roman „Die Erfindung des Lebens“ (2009) zu einer überzeugenden Synthese.
Die Biografie des Autors, aus Büchern wie der Erzählung „Hecke“ oder den Poetik-Vorlesungen „Das Element des Elephanten“ bereits bekannt, hat mit dem Roman „Die Erfindung des Lebens“ seine definitive Gestaltung gefunden. Die inneren Prozesse, die Traumata der frühen Jahre und deren Überwindung, werden unaufgeregt und aus der zeitlichen Distanz geschildert: Nichts wird dramatisiert, nicht einmal die Lüftung des Familiengeheimnisses ergibt eine Szene, lediglich das Schlussbild wird man als Erfüllung einer Wunschphantasie lesen dürfen. Es sei „kein Kempowski-Projekt“, erklärte Ortheil im Interview: Zeitbezüge hat er konsequent vermieden.
Als reizvollen Appendix, der im Gegensatz zum Roman ganz vom Zeitkolorit lebt, kann man „Die Moselreise“ (2010) verstehen: Aufzeichnungen des Elfjährigen, der 1963 mit dem Vater eine zweiwöchige Wanderung unternahm und seine auf der Fahrt notierten Eindrücke samt den an die daheim gebliebene Mutter adressierten Ansichtskarten zu einem Reisetagebuch verarbeitete. Es ist eine durchaus anrührende Erzählung von Vater und Sohn aus Kinderperspektive, oft etwas unbeholfen, manchmal unfreiwillig komisch oder auch altklug, wenn der Junge die Erkenntnisse des Vaters nachplappert, die dieser wiederum dem Reiseführer entnommen hat. In der Kladde wird alles, Wichtiges und Unwichtiges, festgehalten, durch fortwährendes Aufschreiben und Notieren eignet sich der Junge die fremde Welt an und überwindet so seine Angst. Dieser aus der Biografie des stummen Kindes resultierende Schreibzwang bestimmt heute noch den Tag des Schriftstellers, der unablässig protokolliert, um den Augenblick festzuhalten, und dessen „Archiv der Erinnerungen“ Hunderte solcher Kladden umfasst. Die Sammlung ungeordneten, rohen Materials, nicht auf literarische Verwertbarkeit angelegt, kann jedoch der erste Baustein zu einem Roman sein: Nachzulesen in den Vorlesungen, die der Professor für kreatives Schreiben gemeinsam mit seinem Lektor
„Es wird kein Reisebericht und auch kein Reisetagebuch, es wird eine Reiseerzählung“, klärt der Junge seinen Vater gleich zu Beginn auf und doziert über die Unterschiede der Gattungen. Sie sind alle in „Die Mittelmeerreise“ wiederzufinden. Ortheil konstruiert und komponiert verschiedene Textsorten – Auszüge aus dem Tagebuch des Sohnes, aber auch des Vaters, Postkarten an die daheim gebliebene Mutter, Briefe, Reflexionen, literarische Miniaturen, essayistische Betrachtungen und Berichte, vorgeblich alles aus der damaligen Zeit – zu einer Erzählung. Der erste Teil ist als Abenteuerroman angelegt, die Helden müssen gefährliche Stürme und Seekrankheiten überwinden; mit dem Landgang wird das Buch zum literarischen Reiseführer zu den Stätten der Antike, schließlich ist es ein Entwicklungs-, ja Bildungsroman. Eine Ebene durchzieht das Buch jedoch konstant: die Lektüre von
Der Mittelmeerreise voraus, Ortheil war damals 14 Jahre alt, ging 1965 ein Ausflug nach Paris. Während sich der Vater für das Métro-Netz interessierte, blieb sein Sohn im Café sitzen und las. Das erste Kapitel von
Ortheils Sehnsuchtsland, Gegenstand wie auch Schauplatz zahlreicher Werke, ist jedoch Italien. Seine Reisebücher „Venedig. Eine Verführung“ und „Rom. Eine Ekstase“ – in erweiterten und aktualisierten Ausgaben – sind durch mehrere Verlage gewandert. Für die Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung hat er literarische Preziosen ediert und mit kenntnisreichen Nachworten versehen:
„Dieser Roman gründet auf einer Idee vom gelingenden Gespräch“, hat Ortheil zu „Das Kind, das nicht fragte“ erläutert, wobei er als Gegenüber noch einen dritten Gesprächspartner einbezieht. „Etwas nicht nur mir und einem anderen, sondern etwas auch Gott erzählen. Für meine Arbeiten ist diese letzte Ebene die fundamentalste.“ (Gespräch mit Stefan Orth, „Herder-Korrespondenz“, Juni 2014). Ortheil bekennt sich dazu, ein katholischer Schriftsteller zu sein. Prägend für das ganze Leben waren die „Glaubensmomente“ seiner Kindheit, nachzulesen im gleichnamigen Band, der religiöse Passagen aus seinem Werk, vor allem aus „Die Erfindung des Lebens“, mit kurzen Einführungen versammelt. „Die Schönheit des Glaubens“ preist Ortheil in einem Beitrag zu dem Band „Zweifel im Dienst der Hoffnung. Poesie und Theologie“ (hg. von Erich Garhammer, Würzburg 2011). Im Rahmen der Wiener Poetikdozentur „Literatur und Religion“ – am Institut für Systematische Theologie der Katholisch-Theologischen Fakultät angesiedelt – hielt er im Mai 2019 eine Vorlesung mit dem Titel „Refugium – Ideen zu einer Biografie des Glaubens“.
Die ersten spirituellen Erfahrungsorte des Schriftstellers waren der Kölner Dom und eine kleine Kirche nahe seines Geburtshauses („St. Heinrich und Kunigunde“ in Köln-Nippes). Wie er zum ersten Mal ein Gotteshaus betreten hat, eine „Urerfahrung meines Lebens“, schildert er in einem Essay für die Seite „Glauben und Zweifel“ der „Zeit“ („Sein Lied von der Glocke“, 8. 10. 2016). „Ich fand das Beten in der Kindheit wirklich eine der schönsten und wichtigsten Formen des Selbstgesprächs“, erinnert er sich in einem Interview (Deutschlandfunk, 4. 11. 2021). „Man spricht sich mit sich selbst gegenüber einem fiktiven Gegenüber aus.“ Der Glaube half den Eltern über die traumatischen Erfahrungen, den Verlust der vier Kinder, hinweg und gab ihnen das Gefühl, in dieser Welt geborgen zu sein, geschützt und getragen. Er selbst lebe und führe „den Glauben so fort, wie ich ihn der Tradition nach übermittelt bekam“. (Interview mit der katholischen Wochenzeitung „Die Tagespost“, 8. 2. 2018) Was den Schriftsteller heute als Erwachsener an Kirchen anzieht, ist der sakrale Raum der Stille.
Ortheil sieht enge Verbindungen zwischen spirituellen Erfahrungen und dem literarischen Schreiben, weil beides bedeute, im Alltag eine zweite Dimension zu erkennen, „den Entwurf einer anderen Welt in der gesehenen Welt, nicht unabhängig von ihr, sondern in der gesehenen Welt“. Schreiben sei für ihn auch ein spiritueller Akt, den er jeden Tag schon früh am Morgen mit Bleistift und Papier vollziehe. Ortheil schreibt mit der Hand, „in bewusst schöner und deutlicher Schrift“; er arbeite „wie ein mittelalterlicher Mönch“, so im Gespräch mit Stefan Orth. „Pathetisch gesagt, könnte ich behaupten: Meine Handschriften versuchen, die Zeichen Gottes zu erkennen, zu benennen und zu beschreiben und in der Wiedergeburt dieser Zeichen die Schönheit des Kosmos wiederherzustellen und anderen bewusst zu machen. Das religiöse Moment am Schreiben ist das der Rekreation des Kosmos.“
„Ich habe immer nur mit dem kleinen Haushalt der selbst erlebten und erfahrenen Momente etwas anfangen und arbeiten können. Dadurch hat mein Schreiben seine fortlaufende autobiografische Grundierung erhalten“, erklärt Ortheil im Werkstattgespräch mit Klaus Siblewski (in „Ein Kosmos der Schrift“). In „Der Stift und das Papier“ steht: Er habe manchmal „das Gefühl, doppelt zu leben (im ‚richtigen Leben‘ und im ‚aufgeschriebenen Leben‘)“. Es gilt aber auch: „Ohne Schreiben hätte es kein Leben gegeben“, sagt er Siblewski; Schreiben ist für ihn „der Kommentar zum Leben, seine Verankerung, seine Vertiefung, seine Deutung“.
Kaum ein anderer deutscher Autor der Gegenwart ist so produktiv wie Ortheil, der jedes Jahr zwei, wenn nicht drei Bücher veröffentlicht. Naturgemäß können es nicht ausnahmslos gewichtige Werke sein. Zu den schwächeren Werken zählt der Roman „Der Typ ist da“ (2017). Ein junger Mann aus Venedig kommt nach Köln, um den Dom zu sehen. Matteo, ein gelernter Restaurator, ist auf einer Pilgerreise, „schauen, zeichnen, schweigen“ lautet sein spirituelles Konzept. Ein seltsamer Heiliger, der in strenger Askese lebt, und ausgerechnet in einer WG mit drei außergewöhnlichen Frauen landet. Es prallen zwei Welten aufeinander, doch aus dieser Konfrontation vermag Ortheil keine Funken zu schlagen. – Der nächste Roman führte wieder zum Schauplatz Venedig: Der Held von „Der von den Löwen träumte“ (2019) heißt
Aus dem Buch „Was ich liebe und was nicht“ (2016), erschienen zum 65. Geburtstag des Autors, erfährt man u.a., dass Ortheil nicht gern Auto fährt und alte Fotoapparate sammelt, was er von Mode hält, über Essen im Restaurant oder das Leben im Hotel denkt. Diese privaten Vorlieben und Abneigungen sind oft verknüpft mit kleinen Anekdoten, erfundenen Dialogen, Gedichten aus der Kindheit, gar Liebesbriefen an Prominente; manches ist nicht neu, aber in der Zusammenstellung doch ein amüsanter Lesestoff. Ortheil muss diesem leichtgewichtigen Kaleidoskop jedoch einen theoretischen Überbau geben: Im „Entrée“ verweist er auf eine bis in die Antike reichende Tradition; die im Laufe der Zeit ausgebildeten Verhaltensmuster und Alltagsrituale überhöht er als „Lebenskunst“, als Anregung dienten ihm „Über mich selbst“ von
Schreibblockaden kannte Ortheil nicht. „Schreibhungrig“ wird der Junge in „Der Stift und das Papier“ charakterisiert, „schreibsüchtig“ könnte man den erwachsenen Schriftsteller nennen. Er befand sich in einem regelrechten „Schreibrausch“, gestand er der Ärztin in „Ombra“. „Sechs Bücher mit über zweitausend Seiten in drei Jahren!“ Vielleicht war es eine Folge von Überarbeitung: Im Herbst 2019 wurde eine lebensgefährliche Herzinsuffizienz diagnostiziert, Ortheil kam ins Krankenhaus und musste sofort operiert werden.
„Ich bin Schriftsteller, Professor für Literarisches Schreiben, Pianist, Vortragskünstler und im Nebenberuf Eisenbahnlandwirt“, stellte der betriebsame Autor sich der Psychologin in der Klinik vor. („Eisenbahnlandwirt“ bezieht sich darauf, dass er in Stuttgart in einem Bahnwärterhaus mit anschließendem Grundstück wohnt.) Seine öffentlichen Auftritte – vor der Krankheit absolvierte er über 40 Lesungen jährlich – sind dramaturgisch durchdacht, eine perfekt strukturierte Mischung aus Werkstattbericht, klassischer Lesung und Selbstdarstellung: Ortheil versteht es, sich zu inszenieren (und hat, was sonst, ein amüsantes Buch zum Thema „Die ideale Lesung“ herausgegeben). Darüber hinaus hat er multimediale Formate entwickelt, für das Literaturhaus Stuttgart die Reihen „Spätlese“, „Ortheils Monologe“ und zuletzt das „Stuttgarter Journal“, eine ebenso originelle wie persönliche „Stadtbeschreibung“, in dem er Fundstücke, Erlebnisse und Erfahrungen mit der Stadt präsentierte, erzählende und essayistische Texte, ergänzt um eigene Filme und Fotografien. Noch während seiner Reha-Zeit begann er wieder mit öffentlichen Auftritten, zuerst in seinem Westerwalder Heimatstädtchen Wissen. Dafür gab es einen besonderen Anlass: Im Oktober 2019 eröffnete er die „Sala Ortheil“.
Er hatte einen Laden im Zentrum von Wissen (Mittelstraße 16) entkernen und renovieren lassen; bei der Einrichtung half ein gewisser Matteo, Restaurator aus Venedig. An den Wänden befinden sich Fotografien aus der Sammlung seiner Eltern, Fotos ihrer Geburts- und früheren Wohnhäuser in Wissen, genealogische Fotos von den beiden elterlichen Familien, denen er entstammt, Kinderfotos von Ortheil. In dem Werkstattgespräch in „Ein Kosmos der Schrift“ hat er eröffnet, dass die Mutter in ihrem Testament verfügt hat, kein Material aus dem elterlichen Archiv dürfe publiziert werden: Die Familiengeschichte in den 1930er Jahren, ihre eigene Geschichte und die der Brüder, sind tabu. Der Sohn hält sich daran, aber er stellt andere Dokumente und Zeugnisse aus: „Das sind dann kleine, kompakte Installationen, Zeitkapseln der Familiengeschichte gleichsam.“ An den Wänden „Herzensbilder“, die er ausgewählt habe, weil jedes von ihnen eine Anregung für sein Schreiben bedeutete. Daneben gibt es einige ältere Möbel aus der Wohnzimmereinrichtung der Eltern aus dem Berlin von 1939/1940, Vitrinen mit seinen Schreibmaschinen (seit den 1950er Jahren) und Kinderspielzeug. Mit der „Sala Ortheil“ hat er sich ein Literaturmuseum zu Lebzeiten eingerichtet.
Als Museum möchte er die Einrichtung aber nicht verstanden wissen. „Im Italienischen gibt es für all das ein schönes Wort: Studiolo, was so viel meint wie ‚Studio‘ oder ‚Imaginarium‘ (hätte Roland Barthes gesagt). In einem Studiolo arbeitet ein Schriftsteller, umgeben von Bildern und Gegenständen, die er liebt, an seinen Werken“, erläutert Ortheil in seinem Autorenblog (www.ortheil-blog.de). „Ein solcher Raum wird dann und wann aber auch für Freunde, Gäste oder Gesprächspartner geöffnet. Dann lässt der Schriftsteller sie an seinen Arbeitsprozessen teilhaben. Genau darin bestehen die Aufgaben der SALA: ein privates Studio mit imaginativem Charakter zu sein, aber auch ein öffentlicher Salon, in dem ich Menschen empfange, die sich für meine Arbeit interessieren.“ Eine Veranstaltung, die erstmals im März 2023 stattfand, ist eine private „Schreibakademie“ für zehn bis zwölf Teilnehmer. Längst hat Ortheil sein altes Leben wie vor dem Zusammenbruch wieder aufgenommen.
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