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Franz Josef Czernin, geboren am 7. 1. 1952 in Wien. Bis zum 15.Lebensjahr Besuch eines humanistischen Gymnasiums, Matura 1971 am musisch-pädagogischen Realgymnasium Hegelgasse in Wien. Von 1971–1973 verschiedene Studien (freshman- und sophomore-Jahr, i.e. die Einführungsjahre an amerikanischen Universitäten ohne Studienspezialisierung) an der Indiana-University (Bloomington, USA). Nach der Rückkehr nach Wien, nach vergeblichen Anläufen zu einem Musikstudium, erste Schreibversuche. Von 1977 bis 1980 wechselnde Wohnsitze in Oberösterreich und in der Steiermark, Gelegenheitsarbeiten. Czernin lebt seit 1980 zumeist in Rettenegg, Steiermark. 1988 Lehrauftrag für österreichische Literatur am Institute for Advanced Studies an der Indiana-University (Bloomington, USA). Seit 1978 Publikationen von Lyrik, Prosa, Theaterstücken, Essays und Aphorismen. Czernin ist Mitglied der Grazer Autorenversammlung und des Bielefelder Colloquiums für Neue Poesie (seit 1980).
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Die literarischen Arbeiten Franz Josef Czernins, Gedichte, Essays, Aphorismen und Theaterstücke, zeichnen sich dadurch aus, dass sie verschiedenartige Traditionen des Schreibens in sich aufnehmen oder aus sich selbst entwickeln: einerseits die modernistischen oder avantgardistischen Traditionen, sei es die russische Moderne, Dada, der französische Surrealismus, die „Konkrete Poesie“, die Literatur der „Wiener Gruppe“ oder generell das, was man heute mit dem Etikett „experimentelle / neue Poesie“ bezeichnet; andererseits aber verknüpft Czernin diesen Strang der neuen Literatur mit den Traditionen des Barock, der Frühromantik und des Symbolismus. Seine Arbeiten unterscheiden sich von jenen der ‚klassischen‘ Avantgarde dadurch, dass der Materialcharakter der Sprache keineswegs der einzige oder wichtigste Bezugspunkt ist, sondern dass sprachliche Bedeutung, speziell ihre Organisation nach den in Rhetoriken beschriebenen Beziehungen, eine mindestens ebenso wichtige Rolle spielt. Dieser Integration verschiedener Traditionen entspricht, dass in Czernins Werk die verschiedenen möglichen Beziehungen zwischen Sprache, Subjekt und Welt erforscht bzw. in ihrer Konstruktion dargestellt werden.
Bereits in Czernins erstem Gedichtband, „ossa und pelion“ (1979), ist die oberflächlich als Normenverstoß klassifizierbare aufgebrochene Syntax auch so zu lesen, dass sich die einzelnen abgebrochenen Sätze zu verschiedenartigen vollständigen Sätzen ergänzen lassen, die, je nachdem wie man liest, als alltagssprachliche oder hymnische Sätze verstanden werden können. Die einzelnen Strophen erzeugen eine Spannung, die aufzulösen bedeuten würde, „den INBEGRIFF des Satzgegenstandes“ (Franz Josef Czernin) aller interpretierten Sätze auszusprechen. Da der Satzgegenstand aber aus dem ganzen Gedicht hervorgeht und nicht ein einzelnes Wort sein kann, werden dieser Inbegriff bzw. Satzgegenstand und die Bedeutung der einzelnen Wörter nicht eindeutig festgelegt, sondern nur angedeutet. Die Auswahl der Wörter lässt mehrere Bedeutungsfelder erkennen, die miteinander in vielfacher Hinsicht verknüpft sind.
Insgesamt sind die Gedichtbände Czernins, etwa auch das großangelegte Projekt „die kunst des sonetts“ (1985) und „die kunst des sonetts, 2.teil. die kunst des sonetts, 3.teil“ (1993), so aufgebaut, daß eine bestimmte Lesart immer auf von ihr abweichende Lesarten gestoßen wird. Dementsprechend ist Czernins fortlaufendes und offenbar auf keinen Abschluß hin ausgerichtetes Projekt einer „kunst des dichtens“, das Projekt einer systematischen und enzyklopädischen Erforschung der Dichtkunst, nicht so zu verstehen, daß von vornherein klar ist, was „Dichtung“, „Systematik“ und „Enzyklopädie“ bedeuten, sondern daß verschiedene Stadien der Realisierung dieses Projekts auch verschiedene Bedeutungen für diese Wörter nahelegen. Im ersten Teil der „kunst des sonetts“, einem variierten Sonettenkranz, der aus 196 Sonetten besteht und so die Zahl der 14 Sonette eines üblichen Sonettenkranzes potenziert, wird das Begriffsfeld des Pflanzlichen und seiner Bearbeitungs- und Verwertungsmöglichkeiten verwendet, ausgehend vom ausgesparten Stammsonett. Hinzu kommen einige Wörter, die darauf verweisen, daß geschrieben wird, speziell, daß Sonette geschrieben werden. In der Form des Sonettenkranzes ist als eine Beziehung jene zwischen Teil und Ganzem angedeutet, die Figur des pars pro toto. Diese Figur findet ihre Entsprechung auf den verschiedensten Ebenen, die das Buch und, sieht man das Buch als Enzyklopädie des Dichtens, die Dichtung generell konstituieren. Grob gesprochen, kann man in der „kunst des sonetts“ den materialen, den weltklassifizierenden und den selbstbezüglichen Aspekt der Sprache ausmachen.
1.Sprachmaterialer Aspekt: Je nachdem, auf welche visuellen Merkmale – Nummern, Titel, schwarze Seiten, die Kapitel-(= Strophen)trennungen markieren – man die Aufmerksamkeit lenkt, kann man das Buch als aus einem Sonett oder als aus 14 Sonetten oder als aus 196 Sonetten bestehend lesen. In dieser Lesart dominiert das optische Erscheinungsbild der Sonettanordnung. Die materielle Eigenschaft der Sprache, als Druckbild in einem Buch wahrnehmbar zu sein, wird betont.
2.Weltklassifizierender Aspekt: Sprache allgemein und die Sprache der Dichtung im besonderen können auch dazu gebraucht werden, nicht-sprachliche Welt zu klassifizieren. Dies ist der Sprachgebrauch, der in der alltagssprachlichen Kommunikation überwiegt, der aber auch eine Rolle für die Dichtung spielt. Darin, wie in der „kunst des sonetts“ die klassifizierenden Begriffe verknüpft werden, zeigt sich eine ganze Reihe von beispielhaften Möglichkeiten der Klassifizierung. Nicht nur die schon erwähnte Beziehung Teil / Ganzes spielt hier eine Rolle, sondern auch die der Ähnlichkeit (etwa: zwischen Wipfel und Wurzel) oder auch die Beziehung Werkzeug / bearbeiteter Gegenstand (etwa: Hacke / Holz) oder früheres Stadium eines Gegenstands / späteres Stadium eines Gegenstands (etwa: Knospe / Blüte / Frucht), um nur einige der in der „kunst des sonetts“ verwendeten Beziehungen zu nennen. Zur Verdeutlichung des eben beschriebenen Sachverhalts sei ein Quartett aus einem Sonett zitiert:
3.Selbstbezüglicher Aspekt: Sprache allgemein und die Sprache der Dichtung im besonderen können auch dazu gebraucht werden, die Sprache selbst zu klassifizieren bzw. über seinen eigenen Sprachgebrauch zu sprechen, zum Beispiel über das eigene Klassifizieren. Das zeigt sich auf verschiedene Weise in der „kunst des sonetts“ gerade mit Hilfe der Wörter, die darauf verweisen, daß geschrieben bzw. gedichtet wird. Als Beispiel wieder ein aus dem Sonettzusammenhang gerissenes Quartett:
In der „kunst des sonetts“ wird deutlich, daß jegliches Klassifizieren von Welt zugleich auch ein Klassifizieren jener (sprachlichen) Mittel ist, durch welche Welt klassifiziert wird. Zugleich ist umgekehrt jegliches Klassifizieren von Sprachlichem auch ein Klassifizieren von (nicht-sprachlicher) Welt. In diesen Zusammenhängen wird die wechselseitige Entfaltung verschiedener Gegenstandsbereiche und -begriffe angedeutet, zum Beispiel die Beziehung zwischen Blättern des Baums und Blättern (= Seiten) des Buchs, aber auch zwischen den Gegenständen selbst und den Wörtern, die diese bezeichnen. Ein solcher Ansatz ermöglicht es, die sprachlichen auf die nicht-sprachlichen Bereiche zu übertragen und umgekehrt. Dies geschieht in der „kunst des sonetts“ gerade gemäß jenen Beziehungen, die durch poetische Rhetoriken beschrieben werden. Ein solches Vorgehen erlaubt, „die Frage nach der Möglichkeit wie auch nach den sprachlichen Bedingungen der Möglichkeit des Ganzen des Verstehens dichterisch zu stellen“ (Franz Josef Czernin).
Im zweiten Teil der „kunst des sonetts“ kommen zu dem Begriffsfeld „Pflanze“ noch einige andere hinzu (etwa „Körper“, „Speise“, „Kleidung“, aber auch abstrakte wie „Denken“, „Fühlen“). Diese Erweiterung bedingt, daß anders als im ersten Teil der Akzent viel stärker auf dem einzelnen Sonett liegt, während das offensichtlich Systematische zurücktritt. Das führt auch dazu, daß die prosodischen Eigenschafen des einzelnen Sonetts (Metrum, Rhythmus), aber auch klangliche Eigenschaften (Reim, Assonanz, Alliteration) und mit ihnen auch die bildhaften und idiomatisch bedingten Konnotationen aktualisiert werden.
Der dritte Teil setzt sich in systematischer Weise mit Zeit und Zeitlichkeit auseinander, wobei ausschließlich Wörter gebraucht werden, die lexikalisch auf Zeitliches Bezug nehmen – also Wörter wie „Sein“ und „Werden“, aber auch „Anfangen“, „Bleiben“, „Aufhören“ usw. – und gleichzeitig auf zweifache Weise behandelt werden: einmal als relationelle Einheiten der Grammatik, dann als Begriffe, also als Wörter, die bezeichnen. Zusätzlich fließt die Tatsache, daß beim Lesen Zeit vergeht, in die Gedichte ein.
Was Czernin in der „kunst des sonetts“ an einer literarischen Konvention, dem Sonettenkranz, darstellt, wird in dem Band „gedichte. (aus: die kunst des dichtens)“ (1992) anhand verschiedener Gedicht- und Strophenformen (an Terzinen, Sestinen, Sonetten, aber auch an freien Rhythmen) so entfaltet, daß die Ästhetik verschiedener Traditionen, und besonders auch die materiale Ästhetik der „experimentellen Literatur“, aus den Gedichten selbst abgeleitet werden kann. Mit der Ästhetik des Barock haben Czernins Gedichte etwa die Vorstellung von der Entität des Begriffs als schöpferische Realität gemeinsam.D.h., den Begriffen wird eine Seinsweise unterlegt, welche die Wirklichkeit oder das Erleben des Autors oder des Lesers, aber auch den systematischen Bezug auf die rhetorischen Figuren wie etwa Metapher, Metonymie, pars pro toto erst hervorbringt. Die rhetorischen Figuren werden allerdings, modernistisch, nicht von einem durch den üblichen Sprachgebrauch vorgegebenen Verhältnis zwischen Wörtlichkeit und ‚übertragener Bedeutung‘ abhängig gemacht, sondern ‚absolut‘ verstanden: als begriffliche bzw. gedankliche Operationen, die verschiedene Bereiche des jeweiligen Begreifens miteinander verbinden oder voneinander trennen. Es geht also nicht nur darum, eine dem Gedicht vorgängige Gestimmtheit mit rhetorischen Figuren – im gängigen Sprachverständnis – verfremdend oder übertragen auszudrücken, sondern auch darum, den sprachlichen, gedanklichen und begrifflichen Mechanismus, der den rhetorischen Figuren unterliegt, im Gedicht anzuwenden und transparent zu machen.
Zugleich schöpft Czernin aus der Tradition des Symbolismus in seiner Ausprägung bei Mallarmé, aber auch bei Trakl und George: Auch Czernin geht es um eine poésie pure, die eine poetische Sprache fordert, die die Dinge – nach Maßgabe des üblichen Sprachgebrauchs – nicht direkt ausspricht, sondern nur andeutet, und in der strengen Organisation ihre Zufälligkeit abstreift.
Die Reflexion der Poesie als Poesie wiederum steht der frühromantischen Vorstellung vom sich selbst mitdenkenden Gedicht nahe, pointiert repräsentiert im Gedicht, das sich selbst spricht, erweitert mit einem sparsamen Mittel aus der sogenannten „visuellen Poesie“:
Den Umgang mit der Tradition der Dichtung, der diese frei von epigonalen Zügen im eigenen Schreibprozeß und aus seiner eigenen Poetik entwickelt, betreibt Czernin auch in seiner Essaysammlung „Sechs tote Dichter“ (1992), in der er einen synchronen Schnitt ins diachrone Gefüge werk- und lebensimpliziter Poetik von sechs Dichtern legt: In den Essays über
Die pragmatische Seite der Qualitätsbewertung von Gedichten hat Czernin gemeinsam mit dem Dichter
Neben den Gedichten und Essays nehmen „die aphorismen. eine einführung in die mechanik“ (1992) einen bedeutenden Platz im Werk Czernins ein. Die in acht Bänden versammelten Aphorismen werden darin mit einem Klassifikationssystem versehen, das aus in Zahlencodes ausgedrückten Haupt- und Nebenbegriffen besteht – etwa: „selbst-denker (1)“, „selbst-begrenzer (2)“, „selbst-empfinder (3)“ – und das die Haltung oder Perspektive, die dem jeweiligen Aphorismus zu Grunde liegen kann, bezeichnen soll. Dass einzelnen Aphorismen ein klassifikatorischer Ort zugewiesen wird, erinnert an die axiomatische Methode der analytischen Philosophie, in der sämtliche Begriffe eines Sprachbereichs in der Weise geordnet werden, dass sie auf wenige Ausgangsaussagen (Axiome) zurückgeführt werden. So können die einzelnen Hauptbegriffe als Namen für bestimmte philosophische Grundhaltungen verstanden werden und zugleich als Ausgangspunkt für einzelne Aphorismen, die sowohl mit dem, was sie aussagen, als auch damit, wie sie es sagen, auf diese Ausgangspunkte zurückgeführt werden können. Wenn auch die Hauptbegriffe mit bestimmten philosophischen Grundhaltungen verbunden werden können – so etwa „selbst-empfinder“ mit den Philosophien des Empirismus oder des Sensualismus –, so sollten sie doch, wie die Aphorismen, die darunter fallen, nicht umstandslos mit diesen philosophischen Positionen identifiziert werden. Dazu schreibt Czernin selbst, dass jene Hauptbegriffe „nicht mehr sind als mögliche Bereiche des Sinns der Aphorismen bzw. des Zusammenspiels von Aphorismus und dessen Klassifikation. So hilfreich das Wiedererkennen gewisser philosophischer Topoi auch sein mag, es wäre hilfreich nur im Zusammenhang eines Lesens, das nach und nach den Sinn der klassifizierenden Begriffe mit Hilfe der Aphorismen und den Sinn der Aphorismen mit Hilfe der klassifizierenden Begriffe erfasst.“
In der Auffassung, der Aphorismus sei eine literarische Form des Philosophierens, aber auch in den kombinatorischen und permutativen Aspekten seines Unternehmens – viele Aphorismen sind Varianten von anderen – steht Czernin zugleich auch der frühromantischen Tradition des philosophischen Fragments nahe. Der romantischen Vorstellung von der Vereinigung der Philosophie und Poesie wiederum entspricht, dass die Aphorismen sowohl als „Generator“ philosophischer Thesen verstanden werden können, als auch als „Maschine“ zur Verwandlung von Philosophemen in Literatur.
Generell werden in Czernins Literatur mit Hilfe einer Reihe verschiedenartiger literarischer Formen und Traditionen die Verhältnisse zwischen den Tatsachen entfaltet, dass etwas gesagt wird, was gesagt wird und wie etwas gesagt wird, während der Prozess dieser Entfaltung zugleich in der Gedichtform gezeigt wird. Welche literarischen Formen und Traditionen Czernin aber auch gebraucht, er tut es so, dass es nicht unbedingt notwendig ist, diese Formen und Traditionen wieder erkennen bzw. klassifizieren zu können, um seine Texte zu verstehen. Gerade weil er nicht epigonal oder nach postmoderner Manier die Traditionen herbeizitiert, sondern sie aus seiner eigenen dichterischen Arbeit entwickelt, ist es dem Leser möglich, seine Literatur unter relativer Vernachlässigung eines externen Kontexts und also aus den sich in ihr selbst darstellenden Beziehungen heraus zu verstehen. So ist das Verstehen der Gedichte Czernins auf zweifache Weise gekoppelt mit einem Ergriffensein: einmal durch das Nachvollziehen dessen, was zu ihrer Entstehung geführt haben könnte, ein anderes Mal durch das Nachfühlen der Art und Weise, wie Erkenntnis durch sie hindurchwirkt.
In dem Band „natur-gedichte“ (1996) sieht sich der Dichter ebenso einer von ihm geschaffenen und nur durch ihn existenten Landschaft gegenüber, wie die von seinem Dichten unabhängig gedachte Natur Züge trägt, die sich auf sein Vorgehen und auf ihn übertragen lassen. Damit dringen die Gedichte in den Kern der sprachlichen Welterfassung, in die Fähigkeit zu Konstruktion und Repräsentation vor und aktualisieren umfassend die unterschiedlichen Bedeutungen von „Natur“: als objektive Realität im Gegensatz zu Geist, Geschichte, Kultur; als Gesamtheit aller anorganischen und organischen Bewegungs- und Strukturformen der Materie; pantheistisch als
In „Anna und Franz (Sechzehn Arabesken)“ (1998) stellt Czernin in jeder einzelnen Arabeske ein aus geläufigen Tierfabeln, Märchen oder auch sprichwörtlichen Redensarten vertrautes Paar in den Mittelpunkt und lässt es eine mehr oder weniger entwickelte Geschichte durchlaufen. Jede Arabeske greift archetypische Handlungsfäden der erwähnten Genres aber auch solche der Bibel und der philosophischen wie literarischen Tradition auf. Ritter und Drache, Löwe und Maus, Spinne und Fliege, Elefant und Mücke, Schlange und Kaninchen, Igel und Hase, Kind und Puppe, Rose und Distel oder Blume und Biene sind Beispiele solcher Paarungen, die immer mit den Namen „Anna“ und „Franz“ ausgestattet sind, auch wenn sie selber dies gelegentlich nicht wissen und die Frage, wie sie heißen bzw. welcher Spezies sie angehören, in manchen der Arabesken den Kern und Fortgang der Geschichte ausmacht. Zusätzlich zu den 16 titelgebenden Paarungen gibt es das Paar König und Bettler, dem keine eigene Geschichte gewidmet ist, das jedoch in jeder der Arabesken z.B. als Attribut des gegenständlichen Paares oder als Telos der Handlung präsent ist. Darüber hinaus kommen in jeder Arabeske alle anderen Tiere auf die ein oder andere Weise vor: Entweder treten sie direkt als Spiegelungen des gegenständlichen Paares auf, oder sie werden qua Ähnlichkeit als Referenzobjekte herbeizitiert. Diese Ähnlichkeiten können äußerlich gegeben sein (z.B. die Ähnlichkeit der länglichen Form einer Schlange und eines Schwanenhalses), oder durch ihre Attribute (z.B. ‚Listigkeit‘ für Schlange, Fuchs, Spinne; oder Schönheit für Rose und Schwan); durch ihre strukturellen Merkmale (das Kind als Lebendiges, die Puppe, als das, womit gespielt wird) oder durch Eigenschaften und Strukturähnlichkeiten, die auf Relationen beruhen, wie sie die Rhetorik verzeichnet: z.B. verdankt sich die Vorstellung von einem Schiff als Bauch der Welt und zugleich als Himmelsgewölbe einer Übertragung durch Metapher bzw. einer Verschiebung durch Metonymie (Kontiguität). Auch phonetische Ähnlichkeiten (Schwan – Schwein), Palindrome (Schiff – Fisch) oder Ableitungen aus Redewendungen, die sowohl wörtlich als auch bildlich verstanden werden, können die Zusammenstellung von Paarungen bedingen oder den inneren Reflexionszusammenhang der einzelnen Arabeske leiten. Es ist das wesentliche Merkmal der czerninschen Gestaltung, dass die vorgestellten Figuren, ihre Funktion im Erzählzusammenhang und die Bedeutung ihrer durch Verben und Redewendungen bezeichneten Handlungen (fast) immer – gleichzeitig – sowohl wörtlich als auch bildlich verstanden werden können. In der Diktion der czerninschen Arabesken: „geflügelt und unverblümt; oder: ungeflügelt aber verblümt“, wobei diese Wendungen wiederum vehement zu einer Selbstanwendung des von ihnen Ausgesagten auf die Art und Weise, wie sie es aussagen, herausfordern, indem sie die binäre Opposition von Wörtlichkeit und Bildlichkeit in eine mehrstellige Relation auflösen und an den verschiedenen Paarungen variieren.
Solche Relationen des ineinander Auf- und Übergehens der Figuren sind häufig mit der Frage nach dem eigenen oder dem fremden Namen verknüpft. Die gegenseitigen Benennungen, Verwechslungen, Verschiebungen, Vertauschungen und Umkehrungen wirken in mehrere Richtungen: Die einfache Handlung, jede einfache Nennung einer auftretenden Figur, ist an Relativität und Bedingtheit geknüpft. Keines der präsentierten Tiere oder Dinge, keine der Pflanzen ist unabhängig von den anderen wirksam, keine der Handlungen und deren Funktionen besteht ohne Beeinflussung durch andere Handlungsteile und umgekehrt: ohne selbst die anderen Geschehnisse zu affektieren. Nichts tritt unverbrüchlich wirklichkeitsgewiss auf, sondern alles ist in ein Geflecht von Bezügen, Möglichkeiten und Verweisen eingebunden, die sowohl entlang des linearen Erzählverlaufs als auch diesem entgegengesetzt und außerdem unabhängig von diesem bedeutsam werden können. Aus der Perspektive der Frühromantik, mit deren Poetik Czernins Arabesken – neben anderen philosophischen und literarischen Traditionen – einiges verbindet, lässt sich für dieses Aufgehobensein aller Lebewesen, Dinge und Handlungen in einem Netz von Bezügen und Verweisen formulieren: Nicht ausschließlich die Setzung eines Gegenstandes, eines Ich oder eines Absoluten bringt diese hervor, sondern auch der Akt der Reflexion. Reflexion meint in der romantischen Vorstellung vor allem das Denken des Denkens, aber nicht als unendliche Reflexion des Fortgangs, die letztlich zu einer leerlaufenden wird, sondern als eine „Unendlichkeit des Zusammenhangs“ (
Czernins Arabesken lesen sich als moderne Variante dieser romantischen Idee, auch wenn seiner Dichtung damit keineswegs unterstellt werden soll, dass sie ein Vollzugsorgan für philosophische Ansichten oder nur die Illustration z.B. der frühromantischen Poetik wäre. Denn Czernins dichtende Reflexion oder sein reflektierendes Dichten entfaltet sich auf einer begrifflichen, intellektuellen Ebene und auf der Ebene der Bildlichkeit zugleich. So etwas wie Handlung kann man den Arabesken nur dann unterstellen, wenn man annimmt, dass jedes der in ihnen angewandten poetischen Verfahren (Vertauschung, Verwechslung, Bildlich- und Wörtlichnehmen) auch geschieht, dass „jeder Vergleich eine Handlung und jede Handlung ein Vergleich“ (Czernin) ist. Czernin stellt seinem Buch den Eintrag zu „Arabeske“ aus dem Historischen Wörterbuch der Rhetorik nach: „Die Einheit ist keine Einheit der Handlung.
Damit wird ein neues Licht auf die Debatte von Schmuck und Sache, von Ornat und Inhalt geworfen: Indem der rhetorische Aufwand absolut und ins Zentrum gesetzt wird, hebt sich die Unterscheidung von Sache und Schmuck, von Inhalt und Kleid mit einem Mal auf, weil mit den Mitteln der Rede eben diese Rede ins Zentrum gerückt wird. Viele philosophische, theologische oder literaturtheoretische Fragen lassen sich aus den czerninschen Arabesken ableiten (wenn etwa das Auftreten von Erscheinungen als Schatten in der Arabeske vom Schiff und vom Fisch oder in jener von der Blume und von der Biene das Höhlengleichnis
In seinen Essays und Studien zum Werk anderer Dichter – in einem Buch zu
Die Übersetzungen von
Czernins in dem Band „elemente, sonette“ (2002) publizierte Sonette können, wie Martin Mosebach das formuliert, als ein Versuch verstanden werden, die Aufspaltung der poetischen Mittel und Möglichkeiten (hier: modernistische, experimentelle, dort: traditionelle, historische aus allen Zeitaltern der Poesie) zu überwinden, die die deutschsprachige Nachkriegslyrik kennzeichnet. Damit setzen die „elemente, sonette“ auch dem Frühwerk der „kunst des sonetts“ (1985) eine stärker auf das einzelne Gedicht gerichtete Gewichtung entgegen. Das Besondere an dem nach den vier Grundelementen Erde, Feuer, Wasser, Luft in vier Teile gegliederten Gedichtband ist das unauflösbare Wechselspiel zwischen den poetischen Mitteln (der Versform, der Strophenform, dem Metrum, der Vokalführung, der Prosodie) und dem das Gedicht leitenden Gedanken, der auch an literarische und mythologische Anspielungen gebunden ist (
Der Untertitel der 2005 unter dem Titel „das labyrinth erst erfindet den roten faden“ publizierten Aphorismen, „eine einführung in die organik“, weist das Buch als antithetische Antwort auf die 1992 veröffentlichte „einführung in die mechanik“ aus. War es dort das System, das den Aphorismen Halt und zusätzliche Bedeutung gab, steht der einzelne Aphorismus und die aus dem Ganzen erwachsende Gestalt nun stärker im Vordergrund. Eine organische Denkweise, die auf eine „wie maßlose Sinnlust“, „Sinnübertragungseuphorie und deshalb wie grenzenloses Erkenntnisversprechen“ setzt, wird hier vorgeführt und zugleich kritisch auf ihre Möglichkeiten und Grenzen hin befragt.
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