Fritz R. Stern
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Internationales Biographisches Archiv
Ergänzt um Nachrichten durch MA-Journal bis KW
Fritz Richard Stern wurde 1926 im damals preußischen Breslau als Sohn einer wohlhabenden Familie des Bildungsbürgertums geboren. Seine Mutter Katharina, geb. Brieger, war promovierte Physikerin, später Montessori-Pädagogin und Autorin, sein Vater Rudolph Stern, Spross einer schlesischen Ärzte-Dynastie, Professor der Medizin. Die assimilierten jüdischen Eltern ließen St. protestantisch taufen. Sein Taufpate war
St. besuchte das Breslauer Maria-Magdalena-Gymnasium, dann in New York City die Bentley School. Nach dem High-School-Abschluss 1943 riet ihm ein weiterer befreundeter Nobelpreisträger,
Akademische Laufbahn1946-1951 lehrte St. als Dozent an der New Yorker Columbia University, dann bis 1953 an der Cornell University in Ithaca. Von dort kehrte der Historiker an die Columbia University zurück, wo er bis 1957 als Assistent, 1957-1963 als außerordentlicher Professor und 1963-1967 als Ordinarius Europäische Geschichte lehrte. 1967-1992 war er dort Seth Low Professor of History, zudem 1980-1983 Dekan und ab 1992 bis zu seiner Emeritierung 1997 Träger des Ehrentitels "University Professor". Daneben war St. am Institute for Advanced Study in Princeton (New Jersey) tätig (1969/1970) und übernahm Gastprofessuren an der Freien Universität Berlin (1954), an der Yale University in New Haven, Connecticut (1963; Tanner Lecturer 1993), an der Universität Konstanz (ab 1966) und auf dem "Elie Halévy Lehrstuhl" der Fondation Nationale des Sciences Politiques Paris (1979). Im Jahr 2000 bekleidete er die Johannes-Gutenberg-Stiftungsprofessur in Mainz und im Sommersemester 2007 war er zweiter Gastprofessor am neu gegründeten "Jena Center - Geschichte des 20. Jahrhunderts".
Nachdem St. 1950 zu Recherchen für seine Dissertation erstmals wieder in sein Geburtsland zurückgekehrt und sein Hass darauf in den frühen 1950er Jahren nach eigener Aussage erloschen war, beschäftigte ihn v. a. die politische Kulturgeschichte Deutschlands im 19. Jahrhundert. Dazu veröffentlichte er u. a. 1961 die vielbeachtete Studie "The Politics of Cultural Despair" (dt. "Kulturpessimismus als politische Gefahr. Eine Analyse nationaler Ideologie in Deutschland", 1963), in der er den Einfluss von drei im Grunde unpolitischen, aber ideologisch ungeheuer wirksamen deutschen Schriftstellern - Paul de Legarde, Julius Langbehn und
Bedeutender Historiker deutscher Geschichte des 19. und 20. JahrhundertsBald stand St. im Ruf eines der bedeutendsten angelsächsischen Historiker der Gegenwart. In Ausblicken auf das 19. und 20. Jahrhundert bewährte sich nach Kritikermeinung seine Vorliebe für den biographischen Zugang zu den großen geschichtlichen Zusammenhängen. Als Meisterstück im Genre der politischen/kulturgeschichtlichen Biographie gilt das 1977 erschienene Werk "Gold and Iron", wofür St. den "Lionel Trilling Book Award" der Columbia University erhielt. Der Preisträger untersuchte darin die Beziehungen zwischen dem preußischen Junker
Anlässlich der Verleihung des Dr.-Leopold-Lucas-Preises durch die Evangelisch-theologische Fakultät Tübingen im Jahr 1984 an St., hielt dieser einen geschichtspsychologischen Festvortrag zum Thema "Der Nationalsozialismus als Versuchung" (Abgedruckt in: "Reflexionen finsterer Zeit", 1984). Grundlegende Beiträge zur gebrochenen politischen Tradition in Deutschland fasste St., der auch in der 68er-Bewegung einen autoritären Kern witterte, in seiner 1988 editierten Essay-Sammlung "Dreams and Delusions. The Drama of German History" (dt. "Der Traum vom Frieden und die Versuchung der Macht") zusammen und leitete auch diese Bilanz der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert mit Lebensbildern beispielhafter Zeitgenossen ein, darunter Albert Einstein und Fritz Haber sowie der Sozialist
Einem breiten (west-)deutschen Publikum wurde St. mit seiner 1987 im Bundestag gehaltenen Rede zum früheren nationalen Gedenktag am 17. Juni bekannt. Im Gegensatz zu Bundestagspräsident
1993/1994 war St. als Berater des US-Botschafters in Berlin und späteren Vermittlers im Bosnien-Konflikt,
Würdigungen und SpätwerkAm 17. Okt. 1999 erhielt St. in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Er habe mit seinem Bemühen um eine ausgewogene Darstellung der umstrittenen historischen Präsenz von Juden in der deutschen Gesellschaft Brücken des Verständnisses zwischen den Zeiten und den Völkern errichtet und mit seiner moderaten, liberal-aufgeklärten Haltung viel zur deutsch-jüdischen Aussöhnung beigetragen, hieß es in der Begründung des Börsenvereins. Für diese Verdienste bekam er am 15. Nov. 2004 in New York durch den damaligen Bundesaußenminister
Zu seinem 80. Geburtstag würdigte DIE WELT (2.2.2006) St., der sich regelmäßig in die politische Debatte beiderseits des Atlantiks einmischte (u. a. gegen den von US-Präsident
Im Sommer 2009 traf sich St. für mehrere Tage mit dem früheren Bundeskanzler
Aus der 1947 geschlossenen Ehe mit Margaret J. Bassett gingen ein Sohn (Frederick P.) und eine Tochter (Katherine) hervor. Nach der Scheidung 1992 heiratete St. im Jan. 1996 die US-Verlegerin Elisabeth Sifton, Tochter des einflussreichen Theologen
Veröffentlichungen u. a.: "The Politics of Cultural Despair. A Study in the Rise of German Ideology" (61; dt. "Kulturpessimismus als politische Gefahr" 63, dt. Neuaufl. 05), "The Failure of Illiberalism. Essays in the Political Culture of Modern Germany" (72; dt. "Das Scheitern illiberaler Politik"), "Gold and Iron: Bismarck, Bleichröder and the Building of the German Empire" (77; dt. 78 "Gold und Eisen", dt. Neuausg. 08), "Dreams and Delusions" (88; dt. "Der Traum vom Frieden und die Versuchung der Macht"), "Verspielte Größe. Essays zur deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts" (96), "Das feine Schweigen. Historische Essays" (99), "Einstein's German World" (00), "Five Germanys I Have Known" (06; dt. 07 "Fünf Deutschland und ein Leben. Erinnerungen"), "Der Westen im 20. Jahrhundert" (08), "Unser Jahrhundert. Ein Gespräch" (10; zus. mit
TV-Dokumentationen: "Fritz Stern - Mein Leben" (Regie: Jean Boué; Erstausstrahlung: Arte, 30.3.2008); "Die Brückenbauer Henry Kissinger, Fritz Stern und Lord George Weidenfeld. Jüdische Emigranten und die Wiedervereinigung" (Regie: Evi Kurz; Erstsendung: ARD, 29.11.2010).
Auszeichnungen u. a.: Guggenheim Fellow (69/70), Lionel Trilling Book Award der Columbia University (77), Dr.-Leopold-Lucas-Preis der Universität Tübingen (84), Orden pour le Mérite (94), Kulturpreis Schlesien des Landes Niedersachsen (96), Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (99), Alexander-von-Humboldt-Forschungspreis (99), Bruno-Snell-Medaille der Universität Hamburg (02), Leo-Baeck-Medaille (04), Deutscher Nationalpreis (05), Gr. Bundesverdienstkreuz (06), Lifetime Achievement Award der American Historical Association (07), Jacques-Barzun-Preis der American Philosophical Society (07), Preis für Verständigung und Toleranz des Jüdischen Museums in Berlin (07), Internationaler Brückepreis der Europastadt Görlitz/Zgorzelec (08), Marion Dönhoff Preis für internationale Verständigung und Versöhnung (09), verschiedene Ehrendoktorwürden (85/Oxford; 97/New School for Social Research New York; 98/Columbia University; 02/Universität Wrocław).
Mitgliedschaften/Ämter u. a.: St. war 1971/1972 Mitglied der OECD-Gruppe für die bundesdeutsche Bildung, 1972/1973 des Netherlands Institute for Advanced Study, 1983-2000 des Aspen Institute Berlin, 1987-1993 des Wissenschaftlichen Beirats des Wissenschaftskollegs Berlin und 1993-1997 des deutsch-amerikanischen Wissenschaftsrats. 1981-1999 war er Kurator des German Marshall Fund. Er trat der Phi-Beta-Kappa-Vereinigung (Senator-at-large 1973-1978), der American Academy of Arts and Sciences (1969) sowie der American Philosophical Society (1988) bei und wurde Senator der Deutschen Nationalstiftung (1993).
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