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MUNZINGER Personen

Fritz R. Stern

deutsch-amerikanischer Historiker; Prof. em.; Ph.D.
Geburtstag: 2. Februar 1926 Breslau
Todestag: 18. Mai 2016 New York/NY
Nation: Vereinigte Staaten von Amerika (USA), Deutschland - Bundesrepublik

Internationales Biographisches Archiv 02/2016 vom 12. Januar 2016 (gi)
Ergänzt um Nachrichten durch MA-Journal bis KW 20/2016


Blick in die Presse

Herkunft

Fritz Richard Stern wurde 1926 im damals preußischen Breslau als Sohn einer wohlhabenden Familie des Bildungsbürgertums geboren. Seine Mutter Katharina, geb. Brieger, war promovierte Physikerin, später Montessori-Pädagogin und Autorin, sein Vater Rudolph Stern, Spross einer schlesischen Ärzte-Dynastie, Professor der Medizin. Die assimilierten jüdischen Eltern ließen St. protestantisch taufen. Sein Taufpate war Fritz Haber (1868-1934), der 1918 den Chemie-Nobelpreis erhalten hatte. Die Familie emigrierte 1938 vor den Nationalsozialisten (1933-1945) in die USA, wo St. 1947 eingebürgert wurde.

Ausbildung

St. besuchte das Breslauer Maria-Magdalena-Gymnasium, dann in New York City die Bentley School. Nach dem High-School-Abschluss 1943 riet ihm ein weiterer befreundeter Nobelpreisträger, Albert Einstein, zu einem Medizinstudium. St. entschied sich für Geschichte an der New Yorker Columbia University, wo er 1946 den Bachelor-Grad, 1948 den Master-Titel (M.A.) erwarb und 1953 mit einer Dissertation über radikalnationalistische Strömungen im Deutschland des 19. Jahrhunderts zum Ph.D. in Geschichtswissenschaft promoviert wurde.

Wirken

Akademische Laufbahn1946-1951 lehrte St. als Dozent an der New Yorker Columbia University, dann bis 1953 an der Cornell University in Ithaca. Von dort kehrte der Historiker an die Columbia University zurück, wo er bis 1957 als Assistent, 1957-1963 als außerordentlicher Professor und 1963-1967 als Ordinarius Europäische Geschichte lehrte. 1967-1992 war er dort Seth Low Professor of History, zudem 1980-1983 Dekan und ab 1992 bis zu seiner Emeritierung 1997 Träger des Ehrentitels "University Professor". Daneben war St. am Institute for Advanced Study in Princeton (New Jersey) tätig (1969/1970) und übernahm Gastprofessuren an der Freien Universität Berlin (1954), an der Yale University in New Haven, Connecticut (1963; Tanner Lecturer 1993), an der Universität Konstanz (ab 1966) und auf dem "Elie Halévy Lehrstuhl" der Fondation Nationale des Sciences Politiques Paris (1979). Im Jahr 2000 bekleidete er die Johannes-Gutenberg-Stiftungsprofessur in Mainz und im Sommersemester 2007 war er zweiter Gastprofessor am neu gegründeten "Jena Center - Geschichte des 20. Jahrhunderts".

Nachdem St. 1950 zu Recherchen für seine Dissertation erstmals wieder in sein Geburtsland zurückgekehrt und sein Hass darauf in den frühen 1950er Jahren nach eigener Aussage erloschen war, beschäftigte ihn v. a. die politische Kulturgeschichte Deutschlands im 19. Jahrhundert. Dazu veröffentlichte er u. a. 1961 die vielbeachtete Studie "The Politics of Cultural Despair" (dt. "Kulturpessimismus als politische Gefahr. Eine Analyse nationaler Ideologie in Deutschland", 1963), in der er den Einfluss von drei im Grunde unpolitischen, aber ideologisch ungeheuer wirksamen deutschen Schriftstellern - Paul de Legarde, Julius Langbehn und Arthur Moeller van den Bruck - auf das nationale Empfinden weiter bürgerlicher Kreise in Deutschland zwischen 1870 und 1933 beschrieb.

Bedeutender Historiker deutscher Geschichte des 19. und 20. JahrhundertsBald stand St. im Ruf eines der bedeutendsten angelsächsischen Historiker der Gegenwart. In Ausblicken auf das 19. und 20. Jahrhundert bewährte sich nach Kritikermeinung seine Vorliebe für den biographischen Zugang zu den großen geschichtlichen Zusammenhängen. Als Meisterstück im Genre der politischen/kulturgeschichtlichen Biographie gilt das 1977 erschienene Werk "Gold and Iron", wofür St. den "Lionel Trilling Book Award" der Columbia University erhielt. Der Preisträger untersuchte darin die Beziehungen zwischen dem preußischen Junker Otto von Bismarck (1815-1898) und dem jüdischen Bankier Gerson Bleichröder (1822-1893), der das Privatvermögen des Reichskanzlers verwaltete und mit anderen finanziell die Kriege vor der deutschen Reichsgründung 1871 unterstützte. "Die Wechselbeziehung zwischen psychischen und politischen Faktoren hat mich fasziniert", so St., "es gibt nicht nur sogenannte materielle Interessen, sondern ganz besonders auch psychische. Die einen sind meist klarer als die andern - verschwiegen werden oft beide" (FAZ, 13.5.1987).

Anlässlich der Verleihung des Dr.-Leopold-Lucas-Preises durch die Evangelisch-theologische Fakultät Tübingen im Jahr 1984 an St., hielt dieser einen geschichtspsychologischen Festvortrag zum Thema "Der Nationalsozialismus als Versuchung" (Abgedruckt in: "Reflexionen finsterer Zeit", 1984). Grundlegende Beiträge zur gebrochenen politischen Tradition in Deutschland fasste St., der auch in der 68er-Bewegung einen autoritären Kern witterte, in seiner 1988 editierten Essay-Sammlung "Dreams and Delusions. The Drama of German History" (dt. "Der Traum vom Frieden und die Versuchung der Macht") zusammen und leitete auch diese Bilanz der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert mit Lebensbildern beispielhafter Zeitgenossen ein, darunter Albert Einstein und Fritz Haber sowie der Sozialist Ernst Reuter (1889-1953).

Einem breiten (west-)deutschen Publikum wurde St. mit seiner 1987 im Bundestag gehaltenen Rede zum früheren nationalen Gedenktag am 17. Juni bekannt. Im Gegensatz zu Bundestagspräsident Philipp Jenninger (CDU) betonte St., der als erster ausländischer Staatsbürger vor dem Bundestag zum Volksaufstand in der DDR sprach, dass der 17. Juni 1953 "kein Aufstand für die Wiedervereinigung", sondern ein "Aufstand für ein besseres, ein freieres Leben gewesen" sei. 1990 überzeugte St., der schon 1966/1967 das US-Außenministerium beraten hatte, die britische Premierministerin Margaret Thatcher, dass man auch nach der deutsch-deutschen Vereinigung Vertrauen in die Bundesrepublik und ihre intakten Institutionen haben könne. Nach dem formellen Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland am 3. Okt. 1990 weilte er immer häufiger und länger in Deutschland.

1993/1994 war St. als Berater des US-Botschafters in Berlin und späteren Vermittlers im Bosnien-Konflikt, Richard Holbrooke, für einige Monate in Deutschland und äußerte in einem Gespräch mit der ZEIT (28.1.1994) seine Besorgnis und Verwunderung über den "Grad der Bedrücktheit" nach der Wiedervereinigung, den Mangel an Aufbruchstimmung, das Fehlen der großen Debatten. Er prägte die Metapher vom Glück der "zweiten Chance", das Deutschland nach den verpassten Gelegenheiten auf dem Weg zur Demokratie mit der Vereinigung zuteil wurde und legte zu diesem Thema 1996 die Essay-Sammlung "Verspielte Größe" vor. Sie enthält Studien über deutsche Wissenschaftler wie Paul Ehrlich (1854-1915), eine biographische Skizze des jüdischen Industriellen und Außenministers der Weimarer Republik, Walther Rathenau (1867-1922), ein Porträt des ersten israelischen Staatspräsidenten Chaim Weizmann (1874-1952) sowie einen persönlich gehaltenen Text über die "Verlorene Heimat". Über "Das feine Schweigen" und seine Folgen als Wegbereiter für die Verbrechen des Nationalsozialismus machte er sich zuerst Gedanken im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (28.12.1998), und im darauf folgenden Jahr erschienen die Essays als Buch.

Würdigungen und SpätwerkAm 17. Okt. 1999 erhielt St. in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Er habe mit seinem Bemühen um eine ausgewogene Darstellung der umstrittenen historischen Präsenz von Juden in der deutschen Gesellschaft Brücken des Verständnisses zwischen den Zeiten und den Völkern errichtet und mit seiner moderaten, liberal-aufgeklärten Haltung viel zur deutsch-jüdischen Aussöhnung beigetragen, hieß es in der Begründung des Börsenvereins. Für diese Verdienste bekam er am 15. Nov. 2004 in New York durch den damaligen Bundesaußenminister Joschka Fischer (B'90/Grüne) auch die anglo-israelische Leo-Baeck-Medaille überreicht. Andernorts wurde St. für seine "Entdämonisierung" deutscher Geschichte gelobt, die im angelsächsischen Raum für ein besseres Verständnis von Deutschland gesorgt habe. Am 17. Juni 2005 bekam er schließlich den Deutschen Nationalpreis verliehen, mit dem Personen der Zeitgeschichte gewürdigt werden, die für die Einheit Deutschlands und Europas eingetreten sind. 2009 folgte der Marion Dönhoff Preis für internationale Verständigung und Versöhnung.

Zu seinem 80. Geburtstag würdigte DIE WELT (2.2.2006) St., der sich regelmäßig in die politische Debatte beiderseits des Atlantiks einmischte (u. a. gegen den von US-Präsident George W. Bush losgetretenen Irakkrieg 2003), als außergewöhnliche "intellektuelle wie moralische Autorität". 2006 legte der Jubilar auch seine umfangreiche Autobiographie "Five Germanys I Have Known" (2007; dt. "Fünf Deutschland und ein Leben") vor. Vom Feuilleton weitgehend gelobt, verwob St. darin seine eigene reiche Lebensgeschichte mit der Geschichte der fünf Deutschlands, die er kennengelernt hatte: Weimarer Republik (1919-1933), "Drittes Reich" (1933-1945), westdeutsche Bundesrepublik und DDR (1949-1990) sowie das vereinigte Deutschland. St.s ungebrochene Aktualität im deutschsprachigen Raum zeigten auch die von der Kritik ausgesprochen freudig aufgenommenen deutschen Neuauflagen der Klassiker "Kulturpessimismus als politische Gefahr" (2005) und "Gold und Eisen" (2008). Anfang 2008 erschien mit "Der Westen im 20. Jahrhundert. Selbstzerstörung, Wiederaufbau, Gefährdung der Gegenwart" ein weiterer Essayband, in dem St. nach den Lehren der Geschichte fragend und warnend zugleich den neuen Unilateralismus der USA beleuchtete.

Im Sommer 2009 traf sich St. für mehrere Tage mit dem früheren Bundeskanzler Helmut Schmidt in dessen Hamburger Haus zu einem Gespräch, in dem sich die befreundeten Männer einer Vielzahl von Themen widmeten, allen voran den Ursachen von Nationalsozialismus, Hitler-Deutschland und Holocaust, aber auch aktuelle politische Entwicklungen diskutierten. Das Gespräch wurde aufgezeichnet und 2010 unter dem Titel "Unser Jahrhundert", von großem medialen Echo begleitet, in Buchform veröffentlicht. Wegen des beachtlichen Erfolges arrangierte der Verlag drei Jahre später ein Gespräch zwischen St. und dem früheren deutschen Außenminister Joschka Fischer, das, vom politischen Feuilleton positiv rezensiert, 2013 unter dem Titel "Gegen den Strom. Ein Gespräch über Geschichte und Politik" in den Buchhandel kam. Auch hier ging es um die großen Themen der deutschen Geschichte, vom Weg ins Dritte Reich über Krieg, Wiedervereinigung, die Rolle Deutschlands in Europa bis hin zu aktuellen Fragen der deutschen Innen- und Außenpolitik. Im gleichen Jahr erschien auch St.s gemeinsam mit seiner Frau Elisabeth Sifton verfasste Doppelbiographie über die deutschen Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer und Hans von Dohnanyi unter dem Titel "Keine gewöhnlichen Männer".

Familie

Aus der 1947 geschlossenen Ehe mit Margaret J. Bassett gingen ein Sohn (Frederick P.) und eine Tochter (Katherine) hervor. Nach der Scheidung 1992 heiratete St. im Jan. 1996 die US-Verlegerin Elisabeth Sifton, Tochter des einflussreichen Theologen Reinhold Niebuhr (1892-1971). Als Freizeitinteressen nannte er Lesen, Wandern und Skitouren. St. ließ sich in New York nieder, wo er am 18. Mai 2016 im Alter von 90 Jahren starb. Seine dortige Wohnung war mit zahlreichen Möbeln aus der Hand des bekannten Architekten Hans Poelzig (1869-1936) eingerichtet, die seine Eltern aus Deutschland mitgenommen hatten. Zu seinem Freundeskreis zählte die "ZEIT"-Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff († 2002) sowie der deutsch-britische Soziologe Ralf Dahrendorf († 2009).

Werke

Veröffentlichungen u. a.: "The Politics of Cultural Despair. A Study in the Rise of German Ideology" (61; dt. "Kulturpessimismus als politische Gefahr" 63, dt. Neuaufl. 05), "The Failure of Illiberalism. Essays in the Political Culture of Modern Germany" (72; dt. "Das Scheitern illiberaler Politik"), "Gold and Iron: Bismarck, Bleichröder and the Building of the German Empire" (77; dt. 78 "Gold und Eisen", dt. Neuausg. 08), "Dreams and Delusions" (88; dt. "Der Traum vom Frieden und die Versuchung der Macht"), "Verspielte Größe. Essays zur deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts" (96), "Das feine Schweigen. Historische Essays" (99), "Einstein's German World" (00), "Five Germanys I Have Known" (06; dt. 07 "Fünf Deutschland und ein Leben. Erinnerungen"), "Der Westen im 20. Jahrhundert" (08), "Unser Jahrhundert. Ein Gespräch" (10; zus. mit Helmut Schmidt), "Moderne Historiker. Klassische Texte von Voltaire bis zur Gegenwart" (11; Hrsg. m. Jürgen Osterhammel; erw. Neuaufl. von "The Varieties of History"), "Gegen den Strom. Ein Gespräch über Geschichte und Politik" (13; zus. mit Joschka Fischer), "Keine gewöhnlichen Männer. Dietrich Bonhoeffer und Hans von Dohnanyi im Widerstand gegen Hitler" (13; m. Elisabeth Sifton), "Zu Hause in der Ferne. Historische Essays" (15).

Literatur

TV-Dokumentationen: "Fritz Stern - Mein Leben" (Regie: Jean Boué; Erstausstrahlung: Arte, 30.3.2008); "Die Brückenbauer Henry Kissinger, Fritz Stern und Lord George Weidenfeld. Jüdische Emigranten und die Wiedervereinigung" (Regie: Evi Kurz; Erstsendung: ARD, 29.11.2010).

Auszeichnungen

Auszeichnungen u. a.: Guggenheim Fellow (69/70), Lionel Trilling Book Award der Columbia University (77), Dr.-Leopold-Lucas-Preis der Universität Tübingen (84), Orden pour le Mérite (94), Kulturpreis Schlesien des Landes Niedersachsen (96), Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (99), Alexander-von-Humboldt-Forschungspreis (99), Bruno-Snell-Medaille der Universität Hamburg (02), Leo-Baeck-Medaille (04), Deutscher Nationalpreis (05), Gr. Bundesverdienstkreuz (06), Lifetime Achievement Award der American Historical Association (07), Jacques-Barzun-Preis der American Philosophical Society (07), Preis für Verständigung und Toleranz des Jüdischen Museums in Berlin (07), Internationaler Brückepreis der Europastadt Görlitz/Zgorzelec (08), Marion Dönhoff Preis für internationale Verständigung und Versöhnung (09), verschiedene Ehrendoktorwürden (85/Oxford; 97/New School for Social Research New York; 98/Columbia University; 02/Universität Wrocław).

Mitgliedschaften

Mitgliedschaften/Ämter u. a.: St. war 1971/1972 Mitglied der OECD-Gruppe für die bundesdeutsche Bildung, 1972/1973 des Netherlands Institute for Advanced Study, 1983-2000 des Aspen Institute Berlin, 1987-1993 des Wissenschaftlichen Beirats des Wissenschaftskollegs Berlin und 1993-1997 des deutsch-amerikanischen Wissenschaftsrats. 1981-1999 war er Kurator des German Marshall Fund. Er trat der Phi-Beta-Kappa-Vereinigung (Senator-at-large 1973-1978), der American Academy of Arts and Sciences (1969) sowie der American Philosophical Society (1988) bei und wurde Senator der Deutschen Nationalstiftung (1993).

Adresse

Letzte Adresse: 15 Claremont Avenue, New York, NY 10027, U.S.A.



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